Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Mein Vater hätte es schwer

∞  28 November 2008, 21:46

Würde mein Vater noch leben, so wäre er heute um die achtzig Jahre alt. Ich kenne ein paar Männer in diesem Alter, die mir mehr oder eher weniger Einblick in ihr Seelenleben gewähren. Kein Wunder, dass diese Herzen sich nicht so leicht öffnen:


Männer, wie sie es sind und wie sie gelernt haben, sich zu sehen, halten den Karren am Laufen. Manchmal gefiel mann sich da wohl richtig darin, den forschen Gang zu üben. Sie sind die letzte Männergeneration, die als Familienoberhäupter, Angestellte, Soldaten, Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr für die Familie, Firma und Gesellschaft eingetreten sind und dabei die Verantwortung durch ein Pflichtgefühl idealisierten, dem Sie Vieles unterordneten – nicht zuletzt, weil es einfach ihre Aufgabe war, so sehr, dass sie darin den Sinn ihres Lebens erkannten: Werte schaffen, sie mehren oder zumindest bewahren. Es gab diesen stillen Deal mit der Gesellschaft: Ich kümmere mich materiell um Euch, und “dafür stehe ich meinen Mann”. Sie blicken zurück auf sechzig Jahre ohne Krieg, auf die wirtschaftliche Gesundung nach dem Krieg, auf Wirtschaftsboom und Wohlstandsmehrung, genutzt mit Fleiss und durchaus mit Bescheidenheit.

Es ist traurig, dass viele von Euch so ruhelos sind. Ihr habt das Beste für Eure Lieben gewollt, hattet Anerkennung im Beruf und genügend Ziele, die immer wieder Euren Fleiss forderten. Euer Wort galt etwas zu Hause (unbedingt, denn noch viel bestimmter habt Ihr es genau so vorgelebt bekommen), vielleicht auch am Arbeitsplatz, im Verein, in Organisationen, und wenn Ihr Euch verglichen habt, so war es immer auch eine Frage der Rangordnung, ob Ihr Euch besser oder weniger gut fühltet dabei, eben etwas “erreicht hattet”.
Am Ende steht für Viele von Euch ein sehr viel besserer Lebensstandard, als ihn Eure Väter gekannt haben. Aber Euer Alter hat daher auch sehr viel mehr Zeit, Euch Fragen zu stellen. Leider gibt es keine Strategien, wie ihr damit umgehen könntet, und es muss quälend sein, sich mit sich selbst kaum beschäftigen zu können, aber keine Energie im Körper mehr zu haben, um sich abzulenken und fremdbeschäftigen zu können.

Was ist, wenn ich mich mit dem Bau eines Vogelhäuschens vergnügen kann, aber danach zwar viel Zeit hätte, aber keine Ruhe finde, um die Vögel am Häuschen zu beobachten? “Etwas Sinnvolles tun” ist für diese Generation Mann viel mehr als für alle anderen mit dem Erschaffen von materiellen Werten verbunden. Und dem setzt das Alter in Geist und Körper seine Grenzen. Wie kann ich sterben, wenn ich noch ganz am Schluss die Illusion pflegen muss, dass bleiben wird, was auf Mauern steht?

Ich wünschte, man könnte mit achtzig noch lernen, zu sitzen, zu ruhen, zu lesen – statt einfach dazu gezwungen zu werden.

Und wir Jüngeren? In spätestens zwanzig Jahren beginnt unsere eigene Entlarvung. Dabei haben wir es tatsächlich grundsätzlich einfacher, uns nicht zu belügen und nicht zu sehr in Mannsbilder-Vorstellungen gefangen halten zu lassen. Die Gesellschaft gibt uns mehr Spielraum, und das haben wir sehr wohl auch den Frauen zu verdanken. Wir dürfen nicht nur beteuern, dass wir Kinder lieben – wir dürfen uns an der Erziehung beteiligen, ohne dass wir darin einfach unser Machtwort sehen würden, wir können am Aufwachsen der Kinder teil nehmen, ohne dass wir ein Exot in der Gesellschaft wären. Wenn wir entsprechende Prioritäten setzen, sind wir für einen Teil der Menschen sogar Trendsetter. Selbst nur Teilzeit arbeiten können wir, ohne dass wir für alle anderen Schmarotzer sind oder Taugenichtse.

Männer haben bessere Chancen als früher, sich als Seelenwesen zu begreifen. Männer lesen heute Bücher und schälen Kartoffeln. Und sie lernen das in einem Alter, in dem die Energie noch ausreicht, in solchen Dingen ebenfalls eine Art schöne, natürliche Gewohnheit zu entwickeln, so dass die Alterszeit, wenn sich das Leben auf die eigenen engeren Wände verkleinert, nicht so viel Schrecken bereit hält. Oder?


°





abgelegt in den Themen
Gesellschaft= Gesellschaft
und
Erdlinge



Alter, wenn es sich öffnet, ist eine Quelle mit so viel Energie!


Kommentare

  1. Roberto · 29. November 2008, 01:52 · #

    Lieber Küde, mehr als du denkst, stöbere ich deine Blogs.
    Nein – ehrlich, vielmals lese ich quer oder schenke nicht die nötige Aufmerksamkeit. Dieser hier spricht mich persönlich an. Ich ertappe mich hin und wieder dabei, wie ich den Gedanken an die «grosse Freiheit» (ja – die Pensionierung meine ich) verdränge. Ich denke dabei an meine eigenen Eltern (84/72) und weiss, dass ich es irgendwie anders machen möchte…. irgendwie… aber schliesslich ist es noch sooooo weit weg. Und ja – ich WILL es besser machen!

  2. Marianne · 29. November 2008, 19:10 · #

    Trauert nicht zuviel um die alten Männer. Nicht alle sitzen zuhause, mit sorgenvollem Gesicht, den Bankauszug in der Hand. Da habe ich anscheinend das grosse Los gezogen. Mein Mann findet, wie ich, dass wir sehr zufrieden sein können – auch ohne viel Geld. Wir diskutieren über Politik. Wir lesen viel. Und der “alte Mann” ist ist bei schönem Wetter auf seinem Rennvelo unterwegs, das ist sein grosses Hobby. Zudem streift er zu Fuss bei Wind und Wetter durch die Gegend und hält sich so super fit. Was er mit den eigenen Kindern des Berufes wegen eventuell versäumt hat, holt er als liebevoller Grossvater bei seinen Enkeln nach. Ihr ahnt ja gar nicht, wie schön die späten Jahre sein können. Wir sind ganz einfach glücklich.

  3. Menachem · 30. November 2008, 16:20 · #

    Da sich dieses Szenario in vielen Beiträgen wiederfindet, wird das Unbehagen eine Berechtigung haben und glücklicherweise doch, was Hoffnung macht, scheinen Ausnahmen die Regel zu bestätigen.
    Die zwei Anstöße, die sich daraus für mich ergeben sind: Ich weiß nicht, ob das Einfahren in die Spur, in die wir nicht möchten, ganz aus eigener Kraft möglich ist. Ich denke dazu braucht es Freunde, die in diesem gemeinsamen Wunsch einander den Spiegel halten. Das andere ist, was ich jetzt erstmal sehe: Warum wollen wir eigentlich anders sein, trei bt doch scheinbar irgendeine Kraft uns in die Richtung, in die wir gar nicht wollen? Was ist falsch, was ist richtig?

  4. Thinkabout · 1. Dezember 2008, 21:55 · #

    @Menachem
    Als müssten wir zwanghaft zu uns selber finden. Doch scheinbar ist kein Lebens- und Sterbenszwang gross genug, um uns nicht die Verantwortung für uns selbst zu überlassen: Wir können aktiv-bewusst alt werden und weiter reisen, oder verdrängend bis resignierend. Vielleicht sterben wir am Ende wirklich, wie wir gelebt haben – und dass wir im Alter unsere eigensten Eigenschaften noch mehr ausbilden, kann ja wirklich schön beobachtet werden.

  5. Menachem · 2. Dezember 2008, 00:19 · #

    “Vielleicht sterben wir am Ende wirklich, wie wir gelebt haben” – ja, Thinkabout, genau das ist es.


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