Meinung, Kritik, Urteil - Respekt
Vom Umgang des Kritikers mit sich selbst, und was mein Urteil zu allererst auch mit mir selbst anstellt.
Kritik gehört zum Leben. Wir sind oft nicht einverstanden. Jemand sieht unsere Leistung kritisch. Wir teilen eine Meinung nicht. Wir widersprechen, argumentieren, lehnen ab.
Kritik ist gerade im Journalismus und beim Bloggen oft die Essenz des eigenen Tuns. Es gibt Lieblingsthemen, in denen man sich eine besondere Legitimität zur Kritik zubilligt. Gerade Blogs erlauben die freie Meinungsäusserung ohne Einbindung in ein Redaktionssystem, eine redaktionelle Grundausrichtung, eine verlegerische Richtlinie.
Die freie Meinungsäusserung zu leben, bedeutet, zu kritisieren und kritisiert zu werden. Es kann Beides auch fast drohen: Der Zwang, Stellung zu beziehen wie die Notwendigkeit, Kritik zu ertragen. Wer sich hinstellt und beginnt:
“Ich finde…”
“Meiner Meinung nach…”
der exponiert sich, riskiert auch Widerspruch. Kritiker, die nicht kritikfähig sind, mögen häufig sein, sind aber ein einziges Ärgernis. Gerade Blogger, ja jede Kommunikation im Internet, steht in der Versuchung, besonders süffisant und grob geführt zu werden, da die virtuelle Kulisse es erleichtert, aus einer gewissen Deckung heraus auszuteilen.
Wenn die Kritik aber zum Urteil wird, wenn wir zu richten beginnen über das Tun und Denken anderer, dann verlieren wohl zuerst wir selbst etwas: Wir sind nicht zum Richter geboren. Ich glaube, dass wir das tief in uns selbst wissen und in Fällen, in denen wir nur noch den Kopf schütteln können über andere, ja selbst dann, wenn uns ein Verhalten völlig fremd ist und uns entsetzt, wir in erster Linie bestürzt sind über uns selbst, weil wir im Grunde wissen, dass dies alles, was sich in jemand anderem zeigt, auch in uns selbst angelegt ist…
Wer in einer Diskussion ausfällig wird, lebt eine gehässige Ablehnung, die ich in mir vielleicht auch spüre (vielleicht gegenüber anderen, in einem anderen Thema), sie aber selbst erfolgreich bekämpft oder zurück gehalten habe. Indem sie von anderen verbalisiert wird, hat dieser jemand die Grenze durchbrochen, die ich mir selbst setzte. Er verunmöglicht mir und anderen, diesseits einer Limite in einem vernünftigen Gespräch, in einer Diskussion zu bleiben. Oder er offenbart mir in einem Thema, wie gebrochen man sein kann in seiner inneren Harmonie, dass man die Ablehnung und Ausgrenzung betreibt, sie vielleicht gerade für sich selbst auch sucht, weil man sich eh nicht mehr selbst finden kann und daher unbewusst im Widerspruch anderer gegen sich selbst neue Identität finden möchte.
Die Herzensguten werden oft als Einfältige verlacht. Die Welt ist nicht so. Sie ist vielmehr gierig und gar oft zynisch. Dennoch vermag eine dem menschlichen Ausgleich zugeneigte Haltung Ausstrahlung zu haben. Bleiben wir beim Bloggen: Ich rechne es Lesern und Kommentierern hoch an, dass Sie Alle hier dazu beitragen, dass wir in einem Haus denken, fühlen und reden können, in dem Respekt spürbar bleibt – zu unser aller Vorteil.
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[Bidquelle: studiengesellschaft-friedensforschung.de ]
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Alexander Müller · 6. Juli 2008, 19:34 · #
Stellen Sie sich doch einmal vor was sich gewisse Leute alles erlauben könnten, wenn es keine Kritiker gäbe.
Kritiker kritisieren nicht einfach nur zum Selbstzweck, sie haben auch eine Aufgabe. Das Handeln und Streben auf dieser Welt widmet sich zu einem grossen Teil dem Machtstreben, dem Streben nach Anerkennung, dem Mitteilungsbedürfnis und der Gier. Kritiker sollen Fehlentwicklungen aufzeigen und Misstände aufdecken. Sie sollen auf Probleme hinweisen und sie sollen warnen. Was die Gesellschaft daraus macht ist dann deren Sache, schliesslich muss sie dann die Verantwortung für die Konsequenzen tragen.
Thinkabout · 6. Juli 2008, 22:21 · #
@A. Müller: Wie ich Ihnen Recht gebe! Und wie sehr ich gleichzeitig den investigativen Journalismus vermisse! Die Kritiker, die Sie erwähnen, gibt es viel zu wenig. Mein Beitrag soll nur die Sensibilität dafür wecken, dass wir uns immer auch nach der Motivation unserer Kritik befragen lassen sollten. Kritiker, die integer sind und im Dienst der Sache, die sie schützen wollen, weil sie im Interesse der Gemeinschaft liegen, verdienen meinen allergrössten Respekt, und ich versuche selbst, solchem Verhalten hier manchmal nahe zu kommen.
Ich anerkenne aber auch die Gefahr der Lust, voschnelle Schlüsse zu ziehen und dafür besonders pointiert zu formulieren. Kritik sollte einfach nie auf Kosten von Menschen provozierend sein.
Meine Betrachtungen beziehen sich im Übrigen nicht zuletzt auch auf unser Verhalten im persönlichen Gespräch, also nicht nur auf Wortmeldungen wie hier.
Menachem · 6. Juli 2008, 23:30 · #
“ Ich rechne es Lesern und Kommentierern hoch an, dass Sie Alle hier dazu beitragen, dass wir in einem Haus denken, fühlen und reden können, in dem Respekt spürbar bleibt.”
Nun, ich denke, wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Du gestaltest den Ton, so, wie ihn andere auf ihren Seiten gestalten. Das übersieht man manchmal leicht, daß man selbst der Auslöser für das Reagieren der Anderen ist. Ich habe das Gefühl, dass du sehr authentisch schreibst – und dagegen sind alle Waffen stumpf.