Mensch in Rollen, ob Mann, ob Frau (I)
Frauen haben es schwer, Männer auch. Ob wir gegenseitig dazu beitragen, dass es noch schwieriger wird, das Leben, oder ob wir es uns leichter machen können?
Die Grundmuster der Geschlechter ändern sich nie, heisst es, oder nur sehr langsam.
Dabei hat sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren, in denen ich vom Studenten zum Ehemann mit Beruf (oder zumindest Profession) wurde, unheimlich viel getan. Vater bin ich willentlich nicht geworden, und doch möchte ich, als Begleiter von Freunden, behaupten, dass dies auch für Väter und Mütter gilt. Doch was heisst: “viel getan”?
Die gesellschaftlichen Wertmassstäbe – haben sie sich wirklich verändert? Ein Mann mit Kindererziehungsanspruch, ein Teil- oder Vollzeithausmann – wir haben ihn belächelt. Ein Exot, nach dem eigenen Verstand mit durchaus ehrenwerten Zielen, aber noch bevor wir nach seinen Füssen geschielt haben, vermuteten wir dort Birkenstocksandalen und grob gestrickte Zehensocken, ziemlich sicher fünffarbig gehalten. Heute sind wir so weit, dass wir uns eingestehen, dass wir nicht länger ausgeschlossen bleiben möchten. Haushalt? Natürlich helfen wir mit, übernehmen wir Aufgaben. Und Kinder zeugen Männer nicht länger nur, um die Gene weiter zu geben.

Sie wollen sie aufwachsen sehen. Natürlich. Und mit ihnen spielen. Auch dann, wenn sie nicht mehr gewickelt werden müssen. Aber nur das? Nein. Und die letzten, die das wollen, sind die Frauen. Aber es scheint mir an der Zeit, dass einmal festgestellt wird:
Frauen haben nach Männern gerufen, die Haushalthilfen und Kinderbetreuer sind. Aber es kamen Väter. Noch nie zuvor wurde der Geschlechterkampf so sehr auch über die Vater- und Mutterrolle ausgetragen, und wenn die Krise da ist, begreifen Männer wie niemals zuvor, dass sie auf der emotionalen Ebene auf ganz fürchterliche Weise die Verlierer sind, weil ihnen die Verbindung zu den Kindern verloren geht.
Väter erlebten zu allen Zeiten, dass ihre emotionale Nähe zu den eigenen Kindern nie auf der gleichen Ebene spielt, wie sie Mütter erleben. Aber heute wollen Väter dies viel eher kompensieren. Sie stecken weniger zurück. Das freut die Frau – aber gefällt es auch der Mutter? Sie will nicht nur daheim sein, hat einen Beruf erlernt. Sie hat heute nicht andere, sondern zusätzliche Aufgaben, die sie sucht und auch bewältigen will. Sie braucht den Mann, in dem sie auch den Erzeuger ihrer Kinder ausgewählt hat, viel unbedingter, um sich selbst genügen zu können. Sie entwickelt vorher eher nur Männern zugedachte Bedürfnisse, nach denen der Partner ein Organisationsgehilfe ist und darin, bitteschön auch sehr willkommen. Aber kann sie auch damit umgehen, dass die Kinder sich emotional stärker an den Vätern orientieren? Ist es nicht so, dass die Mutter im Gefühl, der Kern der Familie zu sein, eine Grundlegitimation sieht, die sie nicht hergeben will und die sie schnell einmal bedroht sieht? Wie sind denn eigentlich unsere Grundeigenschaften zu verstehen, die doch sehr vielfältig beobachtet werden können und nach denen die Frau das verbindene, innere Glied der Familie ist, die ausgleichende Kraft, der ruhende Pol, während der Mann der Krieger ist, der Ruhm und Ehre sucht, sich fortpflanzen, aber auch verewigen will?
Wie stark ist doch in uns Männern der innere Antrieb, Werke zu schaffen, Bleibendes, Unvergängliches. Meiner Frau fällt es viel leichter, ganz für sich zu wirken. Sie kann zwanzig Bände über hinduistische und buddhistische Religion studieren – ohne das Bedürfnis zu haben, dies irgend jemandem mitteilen zu müssen, geschweige denn, dieses Wissen in Kursen weiter zu geben, mag es noch so ausserordentlich sein, was sie sich erarbeitet hat. Dagegen gehen Männer ein paar Stunden in eine Therapie – und fühlen sich dann dazu berufen, nun flugs eine Männergruppe zu gründen und das weiter zu geben, was sie glauben, begriffen zu haben. Wir sind stets getrieben, eine Wirkung zu erzielen, einen Wert zu haben, ein Werk zu schaffen. Männern fällt es sehr schwer, sich selbst zu genügen. Frauen zunehmend auch – weil sie im patriarchalisch gefärbten Wertesystem zusätzliche, ursprünglich den Männern zugedachte Massstäbe auf sich anwenden (lassen).
In jedem Fall aber gilt: Beide Geschlechter verteidigen ihre vermeintlichen Kernkompetenzen. Dabei verpassen wir unzählige Chancen, vom anderen zu lernen, gerade in der Partnerschaft. Wir müssen niemanden übertrumpfen, wir müssen nicht siegen. Wir wollen zufrieden werden. Und wenn wir abberufen werden, dann möchten wir ein paar Dinge richtig gemacht haben. Fragt sich nur, was das heisst…
Foto: Peter Hense (https://www.menschen-das-magazin.de/cms/de/leserfoto/archiv_3-08/gewinnerfoto_3-08/Gewinnerfoto_3-08.html)
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flashfrog · 5. August 2009, 18:55 · #
Vielleicht ist es genau das, was Frauen tendentiell besser können als Männer: Partnerschaftlich denken, nicht in Begriffen von Angriff und Verteidigung, Dominanz und Unterwerfung?
Marianne · 5. August 2009, 20:48 · #
Mein Mann war immer sehr Vater, wenn auch mehrheitlich am Wochenende. Die Kinder profitierten davon.Von ihm lernten sie schwimmen, tauchen und unser Sohn zog mit dem Vater per Rennvelo durch die Schweiz. Für mich waren dies herrliche Stunden, für mich allein sein, in Ruhe lesen oder auch einmal eine liegengebliebene Arbeit erledigen können. Es gibt so nur Gewinner, keine Verlierer.
Menachem · 6. August 2009, 00:39 · #
Wir sind, was wir sind. Und wir versuchen doch zu ergründen, was wir sind. Wenn wir diesem etwas näher kommen, können wir auch leben indem, was wir sind. Ich bin begeistert, von deinem Denkanstoß – führen sie immer näher an die Fragen der Authentiztiät. Wenn Männer Jäger sind, was gäbe es dagegen einzuwenden? Wenn Frauen der Hort des sozialen Gefüges sind, wer könnte dieses Bedürfniss besser erfüllen? Wie gehen wir in Akzeptanz und Anerkennung der gegenseitigen notwendigen Leistung und den besonderen Veränderungen unserer Zeit daran mitwachsend um?
Allein im Versuch des Nachdenkens darüber könnten Dämme brechen. Eine nicht einfache, aber tolle Vorstellung.
Auch wenn das vielleicht einige Väter oder Mütter anders sehen: Der relativ distanzierte Draht von Vätern zu Kindern ist vielleicht notwendiges Regulatiiv zur emotionsgebundenen Mutter – so entsteht vielleicht erst Lebensbalance. Wie (er)finden und definieren wir uns immer wieder neu?
Urs · 6. August 2009, 13:22 · #
Mich hat vor allem der zweitletzte Abschnitt angesprochen: Ich erlebe das genauso.
Allerdings glaube ich, dass ein wichtiger Grund, sofern es überhaupt Kausalitäten im menschlichen Verhalten gibt, ein wichtiger Grund der ist, dass wir Männer gewöhnt und geil darauf sind, Bestätigungen von Aussen zu erhalten. Und wenn wir diese erhalten haben, bauen wir daraus ein hübsches Haus des Selbstvertrauens, wieder nach Aussen zu treten. Münchhausen war ein Mann!!
Frauen, ich denke an Frauen die sich nicht voll in die Konkurrenz zu Männern eingelassen haben, erhalten gerade in ihren Rollen als Mutter oder sonstwie Fürsorgende (Frauenberufe!!) wenig Bestätigung von Aussen. Entsprechend entwickeln sie in dieser Hinsicht weniger Selbstvertrauen mit Angelernten gleich als Expertin aufzutreten.
Thinkabout · 6. August 2009, 13:40 · #
@Flashfrog.
Vielleicht. Pauschal wage ich das nicht zu sagen. Schon gar nicht, wenn es darum geht, im Zweifelsfall (und Streitfall) die soziale Kompetenz mit den Männern zu teilen (wer tut den Kindern wie “gut”?). Merke: Jede Spezies reagiert gereizt, wenn man ihr Gärtchen beschneidet.
@Marianne
Deine Beschreibungen und Erzählungen sind immer wieder so bestechend. Sie zeugen davon, wie einfach alles wäre oder sein könnte. Und in der ganzen Schilderung kommt kein Verein vor, kein Sportclub, kein Taxidienst, der “organisiert”, dass die Kinder rechtzeitig überall hin kommen. Das Abenteuer schien jeweils direkt vor der Haustür zu beginnen…
@Menachem
JA! Ich glaube, wir sollten den Mut haben, wieder mehr in diese Richtung zu denken. Dass dafür andere Absicherungen für die Frau notwendig sind, ist auch klar. Wieviele Männer teilen eigentlich als Alleinverdiener ihren Lohn mit ihren Frauen, die ja als Hausfrau und Mutter auch arbeiten?
@Urs
“dass wir Männer gewöhnt und geil darauf sind, Bestätigungen von Aussen zu erhalten.”
Darum fällt es uns so verd… schwer, pensioniert zu sein. Selbst wenn wir unabhängig sind, müssen wir das beweisen. “Die Leute” müssen “es” wissen. Status ist immer etwas, was im Vergleich mit anderen erst seinen Wert bekommt.
Diese Art Selbstvertrauen ist unheimlich brüchig und wird genau so morsch, wie es Knochen auch werden…
caro · 7. August 2009, 20:39 · #
Ich finde dieses Bild zu diesem Thema (zu dem ich zugegebendermassen eine eigene Meinung habe) als ziemlich umpassend.
Aber auch wieder nicht: Mann + Baby = neues Männerbild?
Dieser Mann ist in meinen Augen extrem jung und offensichtlich mit seiner Verantwortung überfordert. Es tut mir fast weh, dass er in diesem Augenblick voller Perspektivelosigkeit fotografiert wurde und nun präsentiert wird. Ob er wohl um sein Einverständnis angefragt wurde? Ob er eine Entschädigung dafür erhalten hat, die es ihm ermöglichte, den Spitalaufenthalt seiner Frau um 1 Tag zu verlängern oder einen Packen saubere Baumwollmousseline-Windeln zu kaufen?
Andererseits scheint er über eine recht gute Armbanduhr zu verfügen. Vielleicht liegen die Dinge auch ganz anders.
Maria · 7. August 2009, 20:57 · #
“Frauen haben nach Männern gerufen, die Haushalthilfen und Kinderbetreuer sind.”
schreibst Du.
Ich meine: Frauen haben nach Männern gerufen, die Partner sind. Nicht einfach nur mithelfen und mal ab und zu die Kinder betreuen, sondern, die mitdenken, mitplanen, eine Vision für die Familie haben, genauso, wie sie es im Beruf tun, mit Zielen an die Zukunft der Familie denken. Männer, die dann gemeinsam mit ihrer Partnerin Verantwortung übernehmen für Erziehung, für den Lebensstil und die Familienkultur. Männer, die die andere Seite vollwertig abdecken. Jene Seite, die ihre Partnerin nicht abdecken kann. Weil sie ein anderer Mensch ist. Und vielleicht, weil sie Frau ist und nicht Mann.
Es gibt diese Männer. Nicht alle von ihnen haben Familie und Kinder.
Aber es gibt auch die anderen, die zwar emotionale Nähe zu den Kindern entwickelt haben, aber kein ebenbürtiges Gegenüber sind, was Verantwortung und oben Beschriebenes betrifft.
Thinkabout · 7. August 2009, 20:59 · #
@Caro
Sein Hut ist übrigens auch nicht von der Müllhalde, das Hemd auch nicht. Das Bild stammt aus Nicaragua, und ich schätze, das Alter des Mannes ist durchaus für das Vaterwerden dort nicht besonders jung. Das Bild ist nicht desavouierend. Es ist sehr ehrlich. Denn diese Überforderung, die Du erkennst, ist das, was Männer zwangsläufig in dieser Situation erleben (und nicht nur sie, wobei sie gegen eine besondere Unwirklichkeit ankommen müssen). Ich finde vielmehr, dass dieser Mann in der Art, wie er diese Überforderung zu meistern versucht, kein “schlechtes Bild” abgibt. Die Rolle mag zu gross sein – aber er sucht wenigstens nach dem Drehbuch und will wissen und lernen, was es verlangt. Und er wird es erfühlen.
caro · 7. August 2009, 21:14 · #
Er wird es erfühlen?