Mensch in Rollen, ob Mann, ob Frau (II)
oder:
“Wir sind schwanger”, kann man werdende Väter sagen hören. Das tönt gut, und soll wohl auch ausdrücken, wie sehr Mann gewillt ist, die Schwangerschaft mit zu tragen – und wie sehr er sich wünscht, sie mit zu erleben. Dabei ist von dem Moment an, in dem sein Spermium das Ei seiner Partnerin befruchtet hat, nichts mehr so, wie es war – und wird es nie mehr sein. Gleichzeitig ist diese Tatsache Tabu. Unter Männern wird kaum darüber gesprochen. Auch darüber nicht. Und mit der Frau? Sie ist ja schon auf dem Weg, ein Mysterium zu werden. Wird unerreichbar, wenn sie denn jemals erreichbar war.
Wir Männer, eh verdächtigt, die emotionalen Krüppel zu sein, ausgerechnet wir bekommen von der Gesellschaft eine Aufgabe gestellt, welche die stärkste Frau umhauen würde: Wir sollen mit schwanger werden. Ja, wir sehen ein Kind entstehen, wir fühlen es – wie wenn wir Fernsehen oder den Streichelzoo besuchen. Etwas von uns wächst heran, und gleichzeitig haben wir keine andere Bindung, keine mit der Partnerin vergleichbare persönliche und körperlich-emotionale Erfahrung, um es auch wirklich begreifen, verstehen zu können. Wir sehen, wie sich alles verändert, können emotional vielleicht so empfindsam sein, dass wir dies fühlen und den daraus folgenden Tatsachen allen Raum geben wollen. Aber wir sind die Zuschauer. Es geschieht ausserhalb von uns. Nichts ist mehr, wie es war. Aber wirklich verändert hat sich alles für die Frau. Wir selbst erleben keine hormonellen Veränderungen, wir gebären nicht, wir stillen nicht. Für die Innigkeit und Verbindung zum Kind, wollen wir seinen engsten und tiefsten Bedürfnissen gerecht werden, bleibt nur die Beschützer-Rolle. Es ist schon rein biologisch nicht möglich, eine vergleichbare Bindung zum Kind zu haben.
Mann und Frau beim Arzt während einer Schwangerschaft: Er wirkt immer so, als wäre er dabei (guuut), aber er ist nie mittendrin. Ich behaupte, dass ein Paar heute zwar größere Chancen hat, die emotionalen Glücksgefühle werdender und junger Eltern zu erleben, gleichzeitig sich aber viel größeren Schwierigkeiten gegenüber sieht, weil die Ansprüche an sich selbst und die Erfüllung in der neuen Rolle so hoch geworden sind, dass aus dem Mehr an Emotion ein Mehr an Frustration folgen wird.
Ich erlebe, wie bereitwillig und engagiert sich moderne Paare organisieren, um sich als Familie zu managen. Die Einbindung der Männer funktioniert vielfach sehr gut und ist für diese selbstverständlich. Gleichzeitig sind nicht nur die Ansprüche ans Leben hoch – sondern auch jene, die man der Gesellschaft gegenüber zu erfüllen glauben muss.
Viel geändert haben mag sich dabei nicht, sobald diese Modelle gelebt werden. Noch immer ist es vor allem der Mann, der Aufgaben außer Haus wahr nimmt, der tendenziell mehr Zeit arbeitet und mehr verdient. Aber genau so, wie seine Frau nicht mehr nur Mutter ist, sein will, sein kann, so ist er nicht mehr nur Ernährer, sondern glaubt, Ehemann zu bleiben und will Vater sein. Es sind dabei die Bilder im Kopf, die irgendwann nicht mehr zur praktischen Erfahrung passen. Das Wellness-Wochenende, das dem Paar auf den zehnten Hochzeitstag geschenkt wurde, ist vor dem vierzehnten Jubeltag noch immer nicht eingelöst. Sie möchte eigentlich “ohne die Kinder” gar nicht verreisen.
Wann immer Kinder der Mittelpunkt einer Ehe sind, bilden sie einen Teil der Selbstidentifikation der Partner – und sind damit auch der Gegenstand von Machtkämpfen. Und Machtverteilung spielt in fast allen Beziehungen leider eine Rolle, ist Gegenstand der meisten auch kleinen Streitigkeiten, Grund für den kleinen, beiläufigen verbalen Stich. Und wenn es dann los geht, so hat der Mann verloren. Wie immer. Mit dem grossen Unterschied, dass er es heute noch viel schwieriger hat, damit emotional zurecht zu kommen. Denn wenn er sich von seinen Kindern trennen muss, wenn er auszieht, hat er eine echte Ahnung davon, was ihm verwehrt wird. Ich habe mehr als einmal Väter in der Angst vor dem Verlust ihrer Kinder weinen sehen, aus tiefster, ehrlichster Liebe weinen – und jedesmal habe ich dabei gedacht, dass zwei Generationen früher diese Gespräche anders verlaufen wären.
Das mag kein Grund sein, ein Rad zurückdrehen zu wollen, das eh einem Starrlauf gleich sich weiter drehen wird. Aber ich glaube, dass Väter mindestens so sehr wie Mütter heute von sich Dinge erwarten, die sie nicht leisten können. Mit dem Unterschied, dass über ihre Probleme kaum gesprochen wird. Auch untereinander nicht. Und sie diejenigen sind, die keine Chance haben, eine Lösung für das Problem zu finden, durch die sie emotional nicht so sehr leiden.
Ich werde wohl häufiger als auch schon (und offener) traditionelleren Rollenverteilungen das Wort reden und in einer gesunden Distanz des Mannes zu jenen Dingen, die ihn ehrlicherweise ein wenig befremden, nicht von vornherein eine emotionale Armut sehen, sondern darin auch mal die biologische Antwort für eine Krux vermuten, die sich für ihn gar nicht auflösen kann. Eine darauf mit aufbauende Ehe hat es vielleicht sogar einfacher, unter einander den Respekt zu wahren, der die Grundlage aller Beziehungen ist, und der Freiräume gewährt, ganz bewusst, aus denen heraus wieder neu nach einander gefragt werden kann. Das ist manchmal einfacher, wenn man aus seinen Familienjobs heraus treten und sich begegnen muss, als wenn man erst zu begreifen hat, dass nicht alle Bedürfnisse im Familienteam-Management aufgehen.
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mara · 12. August 2009, 20:00 · #
Die völlige Fixierung von Müttern auf ihre Kindern hört just in dem Moment auf, wenn sie sie auch im Berufsleben wohl und angekommen fühlen – und nicht nur als “sie geht halt auch noch arbeiten” begreifen. In diesem Moment habe beide ehemaligen Partner eine echte Chance sich auch in der Zukunft das Sorge-Recht für die Kinder zu teilen.
Solange sich zu viele Mütter noch in erster Linie als Mütter – und dann erst als Frauen definieren, wird es diesen Verteilungskampf um die Kinder weiterhin geben – egal ob es gut für die Kinder ist oder nicht…
Und Scheidungskindern tut es verdammt gut mit beiden Elternteilen Alltag erleben zu dürfen – auch nicht 50 % ihrer Herkunft verleugnen zu müssen..
Selbstverständlich ist es trotzdem schmerzhaft die Kinder schon mit 10 oder noch früher gehen zu sehen…caro · 12. August 2009, 20:41 · #
Bei all dem kommt mir jetzt ja schon fast ein schlechtes Gewissen, jemals Kind gewesen zu sein.
Michael Kostic · 12. August 2009, 23:38 · #
Hallo,
ist es nicht erstaunlich wie wenig auch dieser Text von dem Inhalt und wie viel er von den Befindlichkeiten der eigentlichen Verantwortungsträger berichtet? Erziehung ist eine Aufgabe, eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, der Frau wie Mann Nachwuchs zusprechen. Tötet ein Nachwuchs aus reiner Wildheit unreflektiert und bar jedes geistigen Defektes aus purer Lust, sind dafür allein jene verantwortlich die ihrem Nachwuchs dies so beibrachten und also die Gesellschaft mit ihm vergewaltigten. Zum Verständnis. Nur weil die Organe der Gemeinschaft dazu schweigen, dass die Masse der Erziehenden versagt, bedeutet dies noch lange nicht das dem nicht so ist. Eine Frage des Blickwinkels. Als Spezies nehmen wir uns, auch entgegen aller Vernunft, dass Recht zur nahezu absolut freien Fortpflanzung. Es verhungern Menschen auf der Welt, doch es stört uns nicht, solange sie nur weit genug von uns entfernt sind. Doch verhungert ein Kind in der Nachbarschaft, so trifft uns dies? Weil die Kinder in der Nachbarschaft von ihren Eltern zum Verhungern verurteilt wurden? Es hat niemand gesehen? Wahrhaftig?
Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein!
Diese angebliche Gemeinschaft ist keine. Egal wem welche Rolle historisch u./o. kulturell zugeordnet wird, wir können sie obhin der Scheinheiligkeit eben dieser Zuschreibenden ohnehin kaum erfüllen. Ein Beispiel:
Die Masse der Gemeinschaft würde der These zustimmen das nur wer in bescheidenen (nicht zwingend ärmlichen) Verhältnissen heranwächst, später im Leben stehend, über diese Bescheidenheit hinausgehende Werte, als etwas herausragendes zu schätzen lernt. Dennoch genügt ein Blick allein in die Hallen der meisten Akademikerschmieden um festzustellen, dass sich genau daran niemand hält. Ich sehe es täglich. Es ist fast schon ekelerregend in welchem Ausmaß die Jugend allein in diesem Aspekt verzogen wird. Gerade das 14te Lebensjahr vollendet, müssen es min. € 100,- mtl. Taschengeld sein (Wohnraum, Energie, Wasser, Kleider und Speise wie Trank natürlich gratis). Erwartete Gegenleistung? Keine. Wo bitte steht etwas von einem Recht auf Konsum geschrieben? Ach ja. Der Umgang mit Geld soll erlernt werden. Sicher. Ich muss nichts tun ausser existieren. Dafür werde ich belohnt und lerne mir diesen Lohn einzuteilen. Mal schauen wie viele Arbeitgeber dies exakt so sehen…
Es ist wie nahezu alles in unserer Zeit sehr komplex. Die Frau ist nur Mutter, weil die Organe der Gemeinschaft es so wünschen. Biologisch existiert bis auf einen einzigen Aspekt (Sprache) keinerlei zwingende Grundlage hierzu. Immerhin. Noch eine jede Hochkultur konnte (bei sachlicher Betrachtung) auf einen substanzielles Fundament an weiblicher Kommunikationsstruktur aufbauen. Das Patriarchat als Gesellschaftsform hat ergo tatsächlich nie in reiner Form existiert, vor allem Anderen, weil es nicht funktionieren kann. Der sichtbare Widerspruch in sich: Der Mann kann (üblicher Weise) weit weniger gut kommunizieren als die Frau, ergo kommuniziert Er(?) die Machtverteilung und den ganzen Rest. Natürlich. Und morgen klopft ein in rot gekleideter alter Herr an die Tür und bringt Geschenke…
Immerhin. Ergeben sich existenzbedrohende Sachzwänge reduziert sich die Spezies auf den für alle nützlichsten kleinsten gemeinsamen Nenner:
Der Mann tut (im Rahmen einer ihm zugestandenen Variable) was ihm von der Frau oder dem Dorfältesten aufgetragen wird (selbiger
der Dorfältesteseine Anweisungen natürlich von einer, u.U. sogar seiner Frau empfängt). Der Nachwuchs lernt das Sprechen, Malen und Werken bei den Frauen, den Eingeschränkten und den Alten. Und dann entwickelt sich eine neue Zivilisation…Gruß
Marianne · 13. August 2009, 20:07 · #
Warum habe ich bloss so ein Problem mit all diesen Rollenvertteilungen? Wir heirateten, wollten Kinder, bekamen Kinder. Ich wollte zuhause bleiben, weil ich unsere Kinder liebe und weil mir das Vertrauen der Kinder sehr viel wert ist. Eines aber bekamen sie immer wieder von mir zu hören: euer Vater kommt zuerst, was Liebe anbetrifft, Ihn habe ich auch zuerst geliebt und ohne diese Liebe wärt ihr nicht auf der Welt. Das wurde klaglos zur Kenntnis genommen. Als die Kinder älter wurden machte ich ihnen klar, dass sie uns nichts schulden – wir wollten sie ja haben, dass wir uns aber sehr freuen, wenn sie uns besuchen. Keine Pflicht, aus freiem Willen. Erstaunlich ist, dass wir sie oft sehen und dass sie gerne kommen. wir lieben uns alle noch immer sehr- ganz freiwillig.
Menachem · 13. August 2009, 20:42 · #
Nur mit Kommunikation kommen wir den Dingen etwas näher, die uns zu Marionetten machen. Wir werden den Dingen nie auf den Grund kommen, doch sollten wir schon allein erreichen, ein Gefühl oder Gespür dafür zu bekommen, wäre es ein echter Fortschritt. Nicht nur die Rollen und die Erwartungen gehören gehäutet, auch die über Jahrhunderte lang überfrachteten und unter der Last ihrer Bedeutung zusammenbrechenden Begriffe wie Vertrauen, Schuld, Liebe, Verantwortung, Gesellschaft, reich und arm, …
Das Leben in diesen Schablonen ist schwierig, das Leben ohne nicht minder, dannn doch lieber gleich ohne.
Die wahre Kunst ist es wohl, ob in Rollen oder Werten, die für jeden Menschen selbst stimmige Mitte zu finden. Diese kann man jedoch nur finden, wenn man die Extreme kennt. Somit ist die Mitte nicht von sich aus die Mitte, sondern erst das Ergebniss nach der Rückkehr aus den Extremen.
Sovieles bedingt sich und meist sehen wir nur das, was uns im Moment nicht behagt. Doch wenn wir schreiben und mit atmen beginnen, kommt neues Leben in uns. Wie du schon sagst.
Thinkabout · 15. August 2009, 12:47 · #
@Marianne und @Caro
Mariannes Kommentar ist doch eine sehr hübsche Replik auf die Beklemmung, die Du, Caro, zum Ausdruck bringst.
@Michael
Ich verstehe leider nur bruchstückhaft, was Du sagen willst, aber wenn ich in Deinen Text einsteige, bekomme ich relativ schnell einen Ansatz zur Linderung des von Dir diagnostizieren Elends: Es genügte, wir würden statt der Verantwortung für die Gesellschaft die Verantwortung für das Kind ins Zentrum stellen, und uns eben gerade nicht so sehr nach dem Urteil der Gesellschaft scheren… Das richtige Urteil ist noch immer in uns selbst angelegt, und also tut eigentlich nur und vor allem die Ehrlichkeit zu sich selbst Not.
Michael Kostic · 15. August 2009, 17:42 · #
@Thinkabout:
“[…] Das richtige Urteil ist noch immer in uns selbst angelegt, und also tut eigentlich nur und vor allem die Ehrlichkeit zu sich selbst Not. […]”
War doch ganz einfach, oder?
Meine werte Frau Mutter stellte einmal fest: “Die Welt ist verrückt worden.” (kein Schreibfehler). Gefragt nach dem wodurch spekulierte sie “Durch viel zu viel Wohlstand?” und “Die Leut sehen vor Lauter Wohlstand die eigenen Nachbarn nicht mehr…”.
Richtig liegt sie damit wohl noch immer (auch wenn sie dies nicht mehr miterleben muss).
Vor lauter Wald sehen wir einmal mehr die Bäume nicht mehr, nur ärgern wir uns heuer lauthals über die vielen langen Dinger die da, offensichtlich vorsätzlich wahllos, herumstehen und uns die Sicht versperren ;-)
Gruß