Mensch ohne Identität
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In den diversen Diskussionen der letzten Tage und in den Gedanken, die mir dazu im Kopf nachhängen, breitet sich in mir eine gewisse Traurigkeit aus:
Wir haben gelernt, der Autorität des Staates, der Lehrer, der Kirche zu widersprechen, wir brandmarken die Auswüchse von Religionen, Diktaturen, Ideologien. In allem sehen wir die Gefahren der gefährdeten Selbstbestimmung. Wir erkämpfen uns eine Freiheit des Denkens, die noch nie so gross war wie heute.
Aber ich stelle die Frage: Was machen wir denn daraus?
Haben wir noch irgend eine Utopie, ein Ideal?
Kennen wir noch gemeinschaftliche Werte, für die wir Einschränkungen in Kauf nehmen?
Wie steht es denn mit der Durchsetzbarkeit von Vernunft, und wie lässt sich diese einsetzen, wenn der Mensch plötzlich tatsächlich gefordert ist, die Welt aus der Kraft seiner Logik zu gestalten?
Welcher Art Vorausschau sind wir denn fähig?
Wie verpflichten wir uns gegenseitig zu einem einvernehmlichen Handeln?
Die Überheblichkeit des Sieges des kapitalistischen Systems hat uns ganz bös ins Abseits getrieben. Die Jungen haben keine Rebellion und keine Ideale mehr. Sie wollen so schnell wie möglich einen guten Job und im Wettbewerb bestehen. Und je mehr wir der Leistungsbereitschaft alles unterordnen, um so mehr Menschen scheint es zu geben, deren Leistung gar nicht mehr gefragt ist. Denn aus dem Wettkampf hervor gehen mehr Verlierer denn Sieger.
Wir machen Gewinne, die Welt häuft Schulden an. Wir machen Mais zu Benzin. Wir beweisen uns auf Schritt und Tritt, dass wir zu keiner gemeinsamen Unternehmung mehr fähig sind. Denn mit dem Verlust der Religionen, der staatlichen Ideale und der politischen Systeme verlieren wir auch:
Identität.
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ClaudiaBerlin · 13. August 2012, 01:33 · #
Seltsam, dass das bisher niemand kommentiert hat!
Rebellion und Widerspruch gegenüber etablierten bzw. überkommenen Werten und Autoritäten ist immer eine Befreiungsbewegung: man fühlt sich beengt und gezwungen, Dinge tun und denken zu sollen, die nicht wirklich aus dem eigenen Inneren kommen.
Identität stellt sich insofern für junge Menschen erst in dieser Rebellion gegen das Vorherige/die alten Autoritäten her (ich verstehe selber nicht, wie man als Jugendlicher sein Heil schon gleich im angepassten Funktionieren finden kann, echt nicht!).
Was aber ist die Energie, die dazu treibt? Das ist einerseits das jugendliche Bedürfnis, vom Niemand zum Jemand werden zu wollen – andrerseits aber auch ein Gefühl für Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit, Liebe, das “die Etablierten” lange schon auf dem Altar ihres kompromisslerischen, heimeligen und “Geld-wattierten” Status Quo geopfert haben.
Das Letztere umfasst alle formulierbaren positiven Werte – und ich denke nicht, dass diese je ganz verschwinden!
Thinkabout @Claudia · 13. August 2012, 10:56 · #
Danke für diese wunderbaren Formulierungen, vor allem in Absatz 3!
Nein, sie sterben nicht aus, die positiven Werte und die Regungen, die sie in den Jungen erzeugen. Nur – wohin damit heute? Wie finden die Menschen zueinander, wie steht es mit dem Hang, sich zu verbinden? Und unter welchem Schirm? Es gibt keine Bewegungen mehr. Alles relativiert sich im Bedürfnis nach Individualität.
Ja, natürlich, Herdentrieb und blindwütige Nachfolge hinter einer Person oder Ideologie ist weiss Gott nicht gewünscht und hat sich in so vielen Ausgestaltungen auch verlebt. Aber was nur bleibt dann übrig?