Menschen, die (bald) nicht mehr bloggen, aber weiter schreiben werden
Frau Zappadong wird nicht mehr bloggen. André Marty auch nicht. Und was Moritz Leuenberger machen wird, wenn er einmal nicht mehr Bundesrat ist, das wird man sehen.
Drei sehr unterschiedliche Beispiele interessanter Menschen, denen ich ohne die virtuelle Nähe als Blogger nie begegnet wäre. Und für alle drei gilt: Sie schreiben natürlich weiter. Sie sind schreibende Menschen, in erster Linie, und nicht Blogger. Ihnen allen aber ist gemeinsam, dass sie im Web-Medium Blog eine Kommunikations- und Schreibform entdeckt haben, die ihnen selbst neue Möglichkeiten eröffnete. Sie haben nicht einfach gönnerhaft über “dieses neue Dings” gesprochen, sondern sie haben es als eigene Arbeitsform ausprobiert, damit experimentiert und es in ihrer Arbeit und gemäss Ihrem persönlichen Seblstverständnis auch eingesetzt. Sie haben damit viele Dinge bei anderen Menschen angestossen, und ich bin sicher, dass sehr, sehr viele Menschen Weblogs erst durch sie überhaupt erfahren haben, was Blogs sind.
Sie alle sind auch engagierte Menschen, und wenn Frau Zappadong und André Marty aufhören, dann klingt, in unterschiedlicher Weise auch Erschöpfung mit, vielleicht auch eine Art Desillusion, dass sich viel weniger bewegen liess, als erwartet? Bei Moritz Leuenberger nimmt die ganze Schweiz “teil” an seinem Rücktritt, und sehr viel mehr als wir alle dürfte ihm die Frage ungefragt beantwortet werden, von Kreti und Pleti, was sich an seiner Arbeit gelohnt hat und was nicht.
Da bleibe ich doch lieber nochmal rasch bei der kleinen unscheinbaren Welt des Bloggens und vergegenwärtige mir meine eigenen Stürme, die ich damit erlebt habe. Dabei denke ich einmal mehr wehmütig an die tollen Köpfe mit grossen Herzen, die mit mir oder im Widerstreit mit mir so manche Diskussion in Kommentaren bestritten haben – und sich irgendwann erschöpft abwandten, weil sie im Kreis der Debattierenden so wenig Bereitschaft zum Zuhören vermuteten – und auf jeden Fall nichts davon spürten – oder viel weniger als erhofft.
Ihnen allen – und ganz besonders auch mir lege ich das folgende Zitat des Dalai Lama auf den Tisch und vor die Nase:
Die Wahrheit wird siegen.
Wenn wir eine Sache also verfolgen (oder auch wenn wir ein Mittel hierzu abschliessen oder ein Projekt beenden), so sollten wir dabei immer die eigenen Seelenhygiene im Kopf haben: Was wir tun, tun wir tatsächlich für uns. Für den inneren Blick auf uns. Für das, was, ehrlich empfunden, gesehen und erarbeitet, für uns Wahrheit ist.
Wir können niemals verlangen, dass andere es genau so sehen. Aber wir können bei dem bleiben, was für uns wahr ist. Und genau so, wie wir selbst dazu lernen, so tun es andere. Am Ende überzeugen sie uns, geben uns etwas mit, was unser Bild vervollständigt. Echo, Reaktion, Zustimmung oder Ablehnung, Ignoranz, Eitelkeit statt Ernsthaftigkeit, das alles ist uns vielleicht Umtrieb und Ärger. Und unserer eigenen Eitelkeit eine Riesenaufgabe. Der Wahrheit aber ist es, im Grunde, egal. Niemand besitzt mehr Gleichmut als sie. Denn niemand hat so viel Zeit wie sie.
Und was wir selbst tun können, um den Wahrheiten, die wir kennen, zum Durchbruch zu verhelfen, hat sich in höhere Pläne einzufügen. Wir sind Rädchen. Aber die Art, wie wir drehen, wie wir in andere greifen mögen, können wir verstehen lernen. Und wenn wir dazu schreibend besser finden, werden wir das tun. André Marty wird weiter schreiben, Gott sei Dank, Alice auch, wäre ja noch schöner, und Moritz Leuenberger ganz bestimmt auch. Mit mehr Musse – und für Leser. Nicht mehr so sehr für uns Bürger. Auch daraus kann wahrlich Wahrhaftiges werden.
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Ein Leser · 18. Juli 2010, 22:47 · #
Zitat: Wir können niemals verlangen, dass andere es genau so sehen. Aber wir können bei dem bleiben, was für uns wahr ist. Zitat Ende.
Ach ja, die liebe Wahrheit für uns.
Und wenn sie an die Grenzen des Anderen stösst? Ist das dann nur immer dessen Problem?? Quasi: “Wenn Du ein Problem mit meiner Wahrheit hast, dann ist das Dein Problem?” Nun, warum sich dann überhaupt noch auf eine verbindliche Partnerschaft einlassen, eine Lebensabschnittspartnerschaft kommt dieser Selbstverwirklichung doch viel mehr entgegen. Hauptsache, es stimmt für Dich.
Monsieur Croche · 18. Juli 2010, 23:05 · #
Moritz Leuenberger meinte mal, als Politiker brauche man einen langen Atem. Als Blogger wohl genauso. Ich halte es für mich selbst mit dem Bloggen so, dass ich des bloggens wegen blogge. Alles andere würde mich wohl «ausbrennen». Vielleicht meinte der Dalai Lama ja das; eine Sache der Sache wegen tun, weil sie Freude bereitet.
Uwe · 19. Juli 2010, 08:59 · #
@Thinkabout
Dein Link, oben, führt nicht zu Frau Zappadong, denn es fehlt ein “p”. :)
Es gibt bestimmt viele verschiedene Motive, zu schreiben. Am anstrengendsten und frustrierendsten dürfte es sein, etwas “erreichen” zu wollen, sei es Aufmerksamkeit, Klickzahlen, Umsatz, Zustimmung oder der “Durchbruch der persönlichen Wahrheit” als Verbesserung der Welt. Mühelos am weitesten trägt die Freude. Wenn es Freude macht, Gedanken auszustreuen, die hinaus wollen, dann ist der Lohn der Arbeit immanent.
@Ein Leser
Persönliche Wahrheiten überlagern und durchdringen sich, wie das Licht, sie haben keine Grenzen und stoßen nicht aneinander. Dem einen ist der Himmel blau, dem anderen grau, der eine genießt die Musik, dem anderen tötet sie den Nerv – Alles ist gleich wahr.
Mit dem inneren Zwang, ein Entweder-Oder herbeiführen zu müssen und faule Kompromisse einzugehen, gebe ich Deiner verbindlichen Partnerschaft keine gute Prognose. Entweder sie zerbricht oder es stirbt die Lebensfreude in ihr.
Mit Verständnis und Freude an divergierenden Wahrheiten, können Lebensabschnittspartnerschaften von aussen betrachtet wie sehr verbindliche Beziehungen aussehen, während verbindliche Beziehungen oft wie ein Kriegsgeschehen aussehen und auch so wirken. ;)
Thinkabout @ Uwe · 19. Juli 2010, 13:07 · #
Danke für das gereichte “p”, und sorry, Frau Zappadong. Der Herr Zapadong, immerhin, konnte sich so eine Weile über ein paar Clickrates freuen…
Deine Antwort für @Ein Leser drückt sehr schön aus, was ich meine. Dennoch kann ich ihn verstehen.
Der Anspruch auf Wahrheitsbesitz kann quälen. Und zwar beide Seiten. Genau dies aber meint wohl das Zitat mit: man kann seine Überzeugung darlegen, argumentieren. Man ist oft nicht gefeit, zu irren. Auf jeden Fall sollte man es in Betracht ziehen. Aber genau deswegen gilt: Wenn die Wahrheit am Ende “siegt”, sich also zeigt und sie erkannt wird, dann braucht sie mich nicht als letzten und wichtigsten Bannerträger. Dass ich für das eintrete, von dem ich meine, dass es meine Wahrheit ist, schulde ich hingegen mir selbst. Ich kann bei meinen innersten Überzeugungen keine Kompromisse machen. Sie müssen stehen bleiben können und dürfen. Das gleiche gilt auch für den Nächsten. Und wenn das NICHT funktioniert, dann bekommen wir ein Problem. Und trennen uns, verabschieden uns aus Diskussionen, etc.
Seelenleerer · 20. Juli 2010, 00:09 · #
Der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen ist mit der 5. Lehre des
Herrn Ghandi recht gut zu schaffen.
Sie hat auch den Vorteil, dass der Verkünder am eigenen Leib erfahren kann, was diese Wahrheit für eine Auswirkung hat. ;-)
We must become the change, we want to see.
Mahatma Ghandi
Alice · 23. Juli 2010, 13:48 · #
Ich war offlinen – in den Bergen. Deshalb die späte Antwort.
Natürlich blogge / schreibe ich weiter. Als ich. Es ist nur die Kunstfigur Zappadong, die an den K2 abgezwischert ist. Es gibt einige Gründe für das Ende von Zappadong. Das Schöne daran: Keiner davon war ein negativer. Es gab Zeiten, da wollte ich aus Verbitterung aufhören (einen davon hat Uwe mit “etwas erreichen wollen” auf den Punkt gebracht – wobei ich mittlerweile denke, dass auch Zappadong etwas erreicht hat). Es gab Zeiten, da wollte ich aus persönlicher Betroffenheit aufhören. Es gab Zeiten, da hätte ich beinahe aus Trotz aufgehört.
Nun habe ich aufgehört, weil ich zu Neuem aufbreche; in einer guten Stimmung nach wochenlangem Zweifeln und Hadern (das aber nichts mit Zappadong sondern mit dem Schreiben und dessen Begleitumständen generell zu tun hatte). Ganz am Ende, da war ich versöhnt mit dem Zappadong-Blog, mit den Kommentierern (auch wenn sie total anderer Meinung waren als ich), ja sogar mit Frau Zappadong. Sprich: Ich habe glücklich aufgehört. Besser kann man ein Projekt nicht abschliessen.
Es ist aber nur das Zappdong-Projekt, das abgeschlossen ist. Ich blogge – wie oben geschrieben – weiter. Leidenschaftlich gerne und vom Bloggen zu 100 Prozent überzeugt.