Mit Halb- oder Unwissen informiert
Wieviel Ungenauigkeit oder auch schlicht Fehlinformation bestimmt eigentlich unser Bild von der Welt? Wahrscheinlich denken wir besser gar nicht näher darüber nach. Was in sich natürlich so was von inkonsequent ist… Aber es ist eine Tatsache, dass laufend Halbwissen in unseren Köpfen durch Repetition zementiert wird. Mein neustes eigenes “Schreckerlebnis” zu diesem Thema ist die oft belachte und angefeindete Unfehlbarkeit des Papstes. In Tat und Wahrheit wurde diese Unfehlbarkeit genau zwei Mal bisher überhaupt von einem Papst in Anspruch genommen. Und das erste Mal war sie nötig, um überhaupt diese Unfehlbarkeit stipulieren zu können…
Der Vorgang mag in sich nun genau so diskutabel oder unmöglich bleiben für weltlich gesinnte Menschen. Die Tatsache, dass wir immer wieder auf diese Unfehlbarkeit kommen, wenn wir uns mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche befassen, verzerrt aber die Wahrnehmung und macht die Auseinandersetzung nicht einfacher. Tatsächlich ist es aber doch so, dass Worte und Meinungen des Papstes schlicht aus der hierarchischen Struktur der Kirche heraus so unbeweglich und unverrückbar scheinen, in Tat und Wahrheit aber doch viele verschiedene Strömungen in dieser Weltkirche auszumachen sind – und nie wird eine abweichende Meinung mit dem Hinweis auf die unfehlbare Gegenposition abgeschmettert. Die Macht spielt viel eher nach in hierarchisch organisierten Gesellschaften ganz allgemein zu beobachtenden Prinzipien.
Was das verändert? Wenig. Es muss schon gar nicht die Kritik abschwächen. Aber es kann sie vielleicht auf eine sachlichere Ebene stellen, die auch den Respekt beinhaltet – statt der Überheblichkeit, die einer Verachtung auch immer ein wenig inne wohnt…
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Uwe · 22. April 2010, 09:03 · #
“Wieviel Ungenauigkeit oder auch schlicht Fehlinformation bestimmt eigentlich unser Bild von der Welt?”
Das halte ich für eine äußerst sinnvolle Frage. Allein schon die Erkenntnis, daß mein “Bild von der Welt” keinesfalls “die Welt” ist, auch wenn es von noch so vielen anderen mit mir geteilt würde, allein diese Erkenntnis, wahrhaft umgesetzt, würde “die Welt” revolutionieren! ;)
Katholiken beispielsweise, teilen miteinander das Bild, daß es etwas gibt, was sie “Papst” nennen. Diesem Papst schreiben sie gewisse Eigenschaften und Funktionen zu. Immer wieder aber tauchen Definitions- und Abstimmungsprobleme dieses Bild betreffend auf, weil man sich über die Rolle dieser erfundenen Figur im Detail nicht einig ist. Eine Aufregung ohne Ende.
Mein Bild von der Welt enthält dagegen nichts, was einem “Papst” auch nur ähnlich wäre. Ich kenne keine Kirche und demzufolge auch kein “Oberhaupt einer Kirche”. Ich komme auf sehr angenehme Weise ohne Papst und ohne Kirche aus, so wie ich keine Lockenwickler benötige.
In meinem Bild von der Welt stellt es einen riesengroßen Unterschied dar, was mir als Glaubensinhalt per Wort vermittelt wird und was ich tatsächlich jetzt und hier wahrnehme. Ersteres betrachte ich mit wohlwollendem Abstand, nur letzteres darf meine Realität bestimmen.
Claudia · 23. April 2010, 00:53 · #
@Uwe: du nimmst auch jeden Tag wahr, wie die Sonne im Osten auf und im Westen unter geht, nicht wahr? Und doch ist wahr, dass nicht sie es ist, die um die Erde kreist.
Die eigene Wahrnehmung ist nichts grundsätzlich Wahres – nur der Blick auf einen mehr oder weniger verzerrten Ausschnitt, den wir auch fehl interpretieren können. Ich befand mich in der eigenen Wahrnehmung schon völlig wach an der Decke schwebend und sah meinen schlafenden Körper auf dem Bett liegen – und doch glaub ich nicht an körperlose Geistwesen. Das Gehirn ist halt zu vielem fähig! :-)
Zur Zeit experimentiere ich mit neuen Brillen – durch jede sieht die Welt anders verzerrt, verschärft, verschwommen aus – ohne aber mittlerweile auch. Wie ist sie nun “wirklich”? Auch ein Scharfsichtiger ist halb blind gegen einen Adler…
Der Papst ist für mich ein traditionelles Kirchenamt. Und Ratzinger zu intelligent, als dass ich ihm abnähme, er halte sich allen ernstes für “unfehlbar”. Das steht für mich in einer Reihe mit der jungfräulichen Geburt und dem Wandeln übers Wasser. Dass die Päpste so klug sind, dieses Dogmal lieber nicht im richtigen Leben zu nutzen, spricht nur dafür, dass sie es im Grunde ebenso sehen.
Streiten könnte ich mich darüber lang schon nicht mehr. In der Postmoderne ist alles möglich, auch der Glaube an die Unfehlbarkeit des Papstes.
Richard · 23. April 2010, 12:52 · #
in assoziation zu artikeln in SZ und die Welt gab mir ein beitrag von martin mosebach v. 19.4. in der welt sehr viel
Uwe · 23. April 2010, 15:25 · #
Hallo Claudia,
Streiten möchte ich auch nicht. Ganz im Gegenteil: Während ich früher mit “Ungenauigkeiten” und “Fehlinformationen”, mit dem, was andere für wahr oder unwahr halten, ab und zu haderte, bin ich ganz friedlich und zufrieden seit mir die Sache mit dem “Bild von der Welt” richtig klargeworden ist. :)
“Die eigene Wahrnehmung ist nichts grundsätzlich Wahres – nur der Blick auf einen mehr oder weniger verzerrten Ausschnitt, den wir auch fehl interpretieren können.”, sagst Du, und ich stimme Dir absolut zu.
Subjektive Wahrnehmungen sind eine Frage der Wahrnehmungsfähigkeit (Du hast das am Beispiel des Sehens erörtert) und eine Frage der individuellen Perspektive. Ich persönlich konnte die Erde bisher weder als Scheibe noch als Kugel wahrnehmen, denn dafür fehlte mir bis heute einfach der Abstand. ;)
Für einen Astronauten mag sich die Erde als Kugel darstellen, für jemanden, der ihr Gravitationsfeld analysiert wird klar, daß sie nur so ungefähr eine Kugel ist. Hätten Menschen ein paar Sinne mehr und könnten sie noch größeren Abstand einnehmen oder aus dem Erdinneren heraus beobachten, dann würden sie sicher noch ganz andere Erkenntnisse gewinnen können.
Der Punkt, der mir wichtig ist, ist der, zu unterscheiden, was ich selbst unmittelbar wahrnehme und dem was gesellschaftlich vereinbartes geistiges Konstrukt ist. Wenn ich Hunger spüre oder friere, wenn ich sehe, wie ein Kind weint oder höre, wie ein Hund bellt, dann ist das für mich eine ganz andere Qualität von Wahrheit, als die reine Vorstellung, es gäbe einen Papst, ich wäre Deutscher oder es gäbe körperlose Geistwesen.
Witzigerweise haben überlieferte und erlernte Vorstellungen auf die meisten Menschen scheinbar einen stärkeren Einfluß, als ihre eigenen Wahrnehmungen. Bei mir ist es umgekehrt. Für mich besteht kein Grund, Deine Wahrnehmung vom Verlassen Deines Körpers anzuzweifeln. Ich bin sicher, daß Dir diese Wahrnehmung irgendwie genutzt hat. Wahrscheinlich mehr, als das gelernte “Wissen”, daß die Erde eine Kugel sei.