Mit keinerlei Mass
- Die eigenen Massstäbe – und wie sehr wir uns darin verstricken können.*
Wie oft sind wir damit beschäftigt, das Verhalten anderer zu “vermessen”?
Wir haben klare Vorstellungen davon, wie etwas verlaufen sollte.
Wir hoffen, erwarten, sehen vor, wir vergleichen, stellen Ansprüche.
Unsere Veranlassung dafür kann ganz verschieden sein. Vielleicht fordern wir nur etwas ein, von dem wir meinen, dass es uns zusteht, vielleicht haben wir auch nur Angst, wir könnten zu kurz kommen, nicht wahr genommen, übergangen zu werden.
Ob wir die Ansprüche nahe der Anmassung aus Selbstsucht formulieren, oder aus mangelndem Selbstvertrauen heraus erfüllt bekommen müssen, ist für die Haltung gegen aussen kein wirklicher Unterschied.
In der Gruppe schliessen wir uns dem Urteil anderer an. Wir nennen es Moral, Anstand, Regel, Gesetz, Etikette, Stil, Bildung, Erziehung. Wir machen jemanden klein und ducken uns dabei selbst. Damit geben wir im Grunde schon zu, dass wir selbst den gleichen Ansprüchen nicht gerecht würden.
Sind wir laut und brüllen wir vor, so sind wir vor-gemerkt und erleben vielleicht “öffentlich”, was andere schon wissen:
In dem Moment, in dem wir den Hochmut besitzen, zu messen, sind wir schon selbst vermessen worden. Es braucht dazu gar nicht unbedingt den sichtbaren Fall zu einem späteren Zeitpunkt. Wer urteilt, schliesst sich im Grunde auch selbst aus. Die höhere Sache, die ein Urteil fordert, ist stets ein künstliches Konstrukt, das vor der eigenen Fehlbarkeit zusammen kracht wie ein Kartenhaus.
Selbst mit Erwartungen konfrontiert, haben wir manchmal das Gefühl, es niemandem und niemals richtig machen zu können. Vielleicht am allerwenigsten uns selbst. Wir vermessen uns selbst.
Das richtige Mass im Umgang mit anderen zu finden – wie im Auskommen mit sich selbst – ist gar nicht so einfach.
Keinem anderen, der sein Massband an uns legt, grosse Bedeutung zuzumessen (sic!), ist schon mal ein Anfang.
Unser innerer Schweinehund wie der Kobold unseres Selbstzweifels verbergen nur unsere Gewissheit, dass es keine höhere Autorität im eigenen Leben gibt als den Geist in uns, der uns fragt: Wie sehr lebst Du in Frieden mit der rinnenden Zeit?
Zugeneigt
und
Zeit und Leere
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Marianne · 15. August 2008, 08:04 · #
Was kommt, wenn wir keine Ansprüche mehr stellen, weder an uns noch an Andere? Ist es nur Hochmut, wenn wir uns täglich bemühen, mehr aus un zu machen? Ist es mangelndes Selbstvertrauen, wenn wir von unserer Umgebung Höflichkeit und die Einhaltung der einfachsten Verhaltensregeln einfordern? Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn Regeln und Gesetze weggewischt würden. Wenn wir über Schmutz in all’ seinen Formen hinweg sehen würden. Es würde sehr viel einfacher. Keine Diskussionen mehr, da kein Grund mehr vorhanden. Nur noch allgemeines Erdulden der Zustände. Dank, ich kann verzichten und werde weiterhin Ansprüche stellen. Ist das so verwerflich?
Mara · 15. August 2008, 10:05 · #
Ist das nicht in erster Linie eine Frage von Macht sich diesen Eigensinn erlauben zu können oder zu wollen?
Mit gestiegenem Einfluss kann ich mir alle möglichen Umgangsformen erlauben, ...alles ist möglich, solange man die gesellschaftliche Hackordnung einhält. Man ist freundlich/kritiklos gegenüber denjenigen von denen “man” noch etwas erwartet. Der Rest..naja..je nach Zeitaufwand.
Darüber verliert man wahrscheinlich auch die Fähigkeit Ellenbogenstösse von einer zwar kritischen aber wohlmeinenden Unterhaltung/Diskussion zu unterscheiden.
Claudia · 15. August 2008, 13:27 · #
Es ist ganz unmöglich, KEINE Erwartungen und Ansprüche zu hegen. Das fängt schon damit an, dass ich mich einfach so aus dem Haus traue, denn dabei erwarte ich von meinen Mitmenschen, dass sie nicht über mich herfallen und ausrauben. In Arbeitszusammenhängen erwarte ich mit Recht die jeweils angesagte Zuarbeit der Mitarbeiter oder Auftraggeber. Ein Leben ohne Erwartungen können nur Pflanzen leben – auch viele Tiere erwarten ein bestimmtes Verhalten ihrer Artgenossen, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist.
Problematisch werden die Ansprüche und Erwartungen, wenn jede Menge davon unausgesprochen in persönlichen Beziehungen eine Rolle spielen – davon handelt z.B. mein Artikel Vertrauen und Beziehung
der sogleich sehr kontrovers diskutiert wurde, weil ich gegen allzu viele Erwartungen argumentiert hatte.
Marianne · 15. August 2008, 18:44 · #
@mara
ich strebe weder Macht an, noch bin ich eigensinnig. Ich bin auch absolut nicht der “Ellenböglertyp”. Was ich eigentlich ausdrücken wollte, ist die Besorgnis, dass heute zu wenig Ansprüche und Massstäbe gebraucht werden. Alles soll erlaubt sein, jeder nimmt für sich das Recht in Anspruch, nur das zu tun, wass IHM passt. Mir fehlt der Repekt vor dem Mitmenschen, die Höflichkeit und die Rücksichtnahme. Da, finde ich, bräuchte es mehr denn je gestiegen Ansprüche und vernünftige Massstäbe. Ich in immer noch der Ansicht, dass sonst ein Zusammenleben in Frieden nicht mehr möglich sein wird.
Thinkabout · 15. August 2008, 22:47 · #
@Marianne: Nein, das ist in keiner Weise verwerflich. Du sprichst das Thema von einer Seite an, die zuerst einmal sich selbst in die Pflicht nimmt und damit eine Verbindlichkeit schafft. Einen Orientierungspunkt auch, der Dich berechenbar macht, Leitplanken schafft. Und eine Gesellschaft braucht Regeln.
Hier geht es mehr um die Frage, aus welchen Motivationen solche Regeln bemüht werden. Und was das mit unserem Selbstvertrauen und Selbstverständnis zu tun haben kann.
Thinkabout · 15. August 2008, 23:00 · #
@Claudia:
In Deinem Beispiel mit der Pflanze könnte man noch weiter gehen und sagen: Auch sie ist in ihrer Anlage so geschaffen, weil sie hier und jetzt und in dieser Art des Wachsens Licht und Wasser erwartet.
Was also beklemmt, einengt und oft die Bedingung einer autoritären Zuneigung oder Drohung ist (Wenn, dann), ist die Erwartung, die an ein Wohlverhalten geknüpft ist. Ich erwarte nicht wirklich – gelassen passiv – sondern ich fordere vorausschauend, will ein Ergebnis, einen Verlauf vorwegnehmen, beeinflussen, herbeiführen.
Entsprechend bin ich enttäuscht, wenn das Ergebnis nicht eintritt oder anders lautet.
Vielleicht ist ja auch das hier von Interesse
SeelenLeerer · 20. August 2008, 04:21 · #
Das Gegenteil von Erwartung
heisst Vertrauen
und ist sehr wohl möglich.
SeelenLeerer · 20. August 2008, 04:32 · #
Zum Thema Massstäbe kann ich den Film
“The Importance of Being Earnest”
wärmstens empfehlen.
Mara · 20. August 2008, 06:28 · #
@Marianne
Dann hab ich wohl leider was bei dir reininterpretiert und dich falsch verstanden. Sorry.
In dieser Hinsicht kann ich dir nur allzu gut zustimmen. Gewisse, auch formelle Höflichkeit, erleichtern das Zusammenleben sehr. Ich möchte jedoch manchmal noch mehr. Und zwar dass diese formelle Achtung, die Ausdruck des Respekts für Andere sein soll, auch gerade Ausdruck einer inneren Haltung ist. – Sicherlich findet man dann trotzdem nicht alles gut und richtig was der/die Andere tut, hat Meinungsverschiedenheiten und gerät aneinander. – aber es bleibt trotz allem fair und die Handlungen integer/ auch eine Frage der generellen Offenheit und Transparenz. Ich bin schlichtweg allergisch gegen Intrigen und Ränkespiele.
Mir ist bewusst, dass diese Wünsche illusorisch sind. – und manchmal es auch nötig ist Spielchen selber mitzuspielen, insb. beruflich. Aber ich mach es nicht gerne und eigentlich finde ich, dass man in dieser Hinsicht seine Energie verschwendet.