Morgens früh im Sardinenrüttler
Pendeln ist anders geworden, irgendwie. Schleichend ist aus der morgendlichen Zugfahrt mit entspanntem Zeitunglesen ein atemlos gepresster Viehtransport geworden.
Wir schauen uns nicht an in der rollenden Kombüse. Die Sitze sind eng geworden, als würde die SBB beabsichtigen, Abteile mit zwei sitzenden Personen schon “besetzt” erscheinen zu lassen. Und entsprechend erstaunt schauen trübe Augen auf, wenn sich tatsächlich jemand getraut, sich aussen, an der Kante noch dazu zu setzen. Es ist ja mehr ein sich an den Rand Drücken, bemüht, den Ellbogen des Zeitungslesers nicht zu berühren und dennoch dem durch den Gang streifenden Nachzügler kein Bein zu stellen. Am Hintern kann man dann feststellen, dass die Sitze an den Rändern leicht gewölbt sind und in einer harten Kante auslaufen. Eine stabile Qualität.
Dass jeder Zehnte auch noch einen Kaffeebecher von Starbucks mit sich mit balanciert, erscheint da wie eine Drohung, doch besser irgendwie noch etwas Platz zu machen…
Ich glaube ja, dass Dinge wie Smartphone-Spiele und iPads von Pendlern erfunden worden sind: Diese Gates in die innere Immigration lassen sich im Handteller oder wenigstens auf den Knien balancieren.
In den neuen Pendlerzügen wird das Sitzplatzkontingent pro Wagon übrigens drastisch ausgedünnt. Dadurch wird das Pendeln angenehmer, weil man beim Stehen mehr Platz zur Verfügung hat. Die höheren Preise begründet die SBB mit dem besseren und schnelleren Verbindungsangebot in Agglomerationen.
Wir alle stehen doch gern, wenn wir dafür drei Minuten früher in die Hetze des Tages eintauchen können, oder?

Relax-Senf · 23. Mai 2011, 23:04 · #
Verglichen mit den Pendler-Platzverhältnissen in Tokio sind die verfügbaren Freiräume in Zürich als paradiesisch einzustufen. Vorläufig noch.
Die ARD Tagesthemen verglichen heute Pendlerlose. Eine Berlinerin die mit der Bahn täglich 244 km nach Wolfsburg pendelt, weil sie die Berliner Lebensqualität nicht aufgeben will und in Wolfsburg einen tollen Job hat, benötigt dafür 90 Minuten pro Weg (wenn die Züge fahren.)
Ein schwarzer Südafrikaner hat 25 km pro Weg zu bewältigen um von seinem Township zum Arbeitsort zu gelangen. Er benötigt 3 Stunden pro Weg.
Darf gar nicht schreiben, wie gut ich es habe. Pendle pro Weg weniger als eine Minute vom Büro zum Schlaf- und Regenerationsparadies, vorausgesetzt lege auf dem Weg keine Denkpause ein. Das ist Lebensqualität.
Alice · 24. Mai 2011, 05:54 · #
Jahrelang hat man uns Schweizern das Wort “Flexibilität” um die Ohren gehauen. Man hat regelrecht gefordert, dass wir uns bewegen, statt stillzustehen. Die RAVs (regionale Arbeitsvermittlungsstellen) betrachten einen Arbeitsweg von 4 Stunden (je 2 Stunden pro Weg) für “zumutbar”. Die Wirschaft hat über jene gestöhnt, die nicht bereit waren, endlos lange von A nach B zu pendeln. Wenn Familienväter ihren Arbeitsplatz nicht wechseln können, weil die Schulsysteme der Kantone nicht kompatibel sind, dann pendeln sie halt der Arbeit hinterher. Und wer heute noch auf dem Land wohnt und arbeitet, ist ein Ewiggestriger. Es zählt nur noch der Ballungsraum der Grossstädte; wir andern sind schon bald Exoten. Es gab einen Thinktank, der die Berge entleeren und die Menschen in die Städte kippen wollte (gibt’ den noch?) Kurz: Wir alle wurden zu Pendlern erzogen und gemacht. Und jetzt, wo die Züge voll sind, jammern alle. (Ja, ich manchmal auch, weil es manchmal wirklich grenzwertig ist, was man erlebt.)
Ich bin ein Zwischending: An lesefreien Tagen beträgt mein Arbeitsweg null Minuten (weil ich zu Hause arbeite und das wie Herr Relax total geniesse), auf Lesetouren bewege ich mich in Pendlerströmen – und bin trotz all den negativen Aspekten froh, die Bahn zu haben, denn mit dem Auto ist es zu Stossverkehrszeiten noch viel stressiger.