Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Nachbarn (II)

∞  1 September 2007, 18:55

Paul Anton Zorn, gez. paz, erfreut uns mit einem neuen Gastbeitrag, quasi die Fortführung des Themas seines ersten Artikels.

Nachbarn, 2.0


Letztes Wochenende half ich Willi beim Heuen. Eine zertifizierte BIO-Wiese in Uelikon, ziemlich grad unterhalb seines Bauernhofes, rechts unten, aber noch oberhalb vom Lattenberg. Es war nicht viel. Ein Fueder! Die Wiese ist wunderschön gelegen, grad unterhalb der alten Üeliker Schule, heute Kindergarten, und in der unmittelbaren Nähe von Willis Kartoffelacker, der an das Grundstück dieses Bankdirektoren grenzt. Sie! Dieser hat einen Rasenmäher-Roboter, ein Ding, der seinen Rasen automatisch mäht, und seinen Weg zur elektrischen Ladestation selber findet. Dieser schweizerische Bankdirektor ist eigentlich in England tätig oder so, und bewohnt seine Villa bloss ein paar Wochen pro Jahr. Im Schulgarten waren die Pfirsiche reif, überreif sogar, Früchte nimmt niemand mehr ab in der Nachbarschaft, und so waren die Bäume voll von Bienen, welche die Süssigkeit nach Hause trugen.

Sie! Bienen! Dem Völker-Sterben zum Trotz suchen sie noch allerlei Süsses zusammen in der Nachbarschaft!

Das Heuen war trotzdem anstrengend! Der Hitze wegen. Ich nahm dann bloss einige halbgetrocknete Zwiebeln nach Hause, vom Bio-Bauernhof, sechs oder sieben. Und am nächsten Tag gings damit weiter zum nächsten Nachbarn. Im Riet des Nachbar-Dorfes! Er wohnt seit über zwanzig Jahren dort, in einem halben Bauernhaus. Ist gerade Grossvater geworden. Seine Tochter ist Tschechisch-Rumänische Schweizerin. Der Vater des Kindes ist Schotte. Die Beziehung sei schwierig, aber er ist ein lieber Kerl!

Mit nahm ich einige spanische Peperoni (Paprika, für deutschsprechende) aus Spanien, sowie einige Schweizer Hühnerteile. Bereitete ein Paprika-Huhn mit Spätzle nach Ungarischem Rezept. Verfeinerte es mit französischem créme frâiche, oder so..

Und wir jodelten nach dem Essen! Jazz-Jodel, mit Grand Piano und Gitarre. Sie sind halt Musiker, meine Nachbarn!
Der nächste Tag war ein bisschen schwierig. Oder welcher Tag war damals? Jedenfalls, ein oder zwei Tage später kam Mimi nach Hause. Aus Australien, über Hong-Kong und Singapur. Sie, 84, ging ihre Tochter besuchen. Drei Monate lang genoss sie den Winter auf der südlichen Halbkugel. Brachte mir ein Didgeridoo heim, für’s Blümlein-giessen. Ich hab’s noch nicht gesehen, oder gespielt! Morgen ist es soweit.

Doch halt, heute bringe ich meine amerikanisch-portugiesiesche EX-Ehefrau, welche mit mir das Kunst-Atelier teilt, zum Bahnhof. Auf dem Weg zurück nach Hause halte ich bei Blumen-Möckli (Zürich-Graubünden) und kaufe mir eine Mini-Orchidee aus Süd-Amerika. Einfach weil mir danach ist!

Und als ich zum Haus hinlaufe, nicht ohne der Katze meiner in den Ferien weilenden Italienisch-Spanischen vis-a-vis Nachbarn ihr Essen zu reichen (und es ist wirklich ESSEN! Das würde ich selber noch…), treff ich die Nachbarn vom zweiten Stock links. Sie mit Kopftuch, Serbisch, oder Montenegrienerisch halt.. Ihre jüngere Schwester ist zu Besuch, ohne Kopftuch, diese spricht portugiesisch mit ihren Kleinkindern, aber hat auch Zürideutsch Mega im Griff!

Wir sind schon globalisiert! Machen wir das Beste daraus!

paz


Anmerkung: Was paz so anschaulich beschreibt, ist ein besonderes Schweizerisches Phänomen: Bei uns leben mehr als 20% Ausländer mit festem Aufenthaltsstatus, also ohne Asylbewerber etc., praktisch jeder hat Freunde, bei denen zumindest ein Elternteil zugewandert ist.

abgelegt in Gastbeiträge und Gesellschaft


Bildquelle: ferdinand-braun-schule.de


  1. Tina · 2. September 2007, 08:56 · #

    Jetzt habe ich gedanklich mittendrin gesessen: in den duftenden Heuwiesen…hab die getrockneten Zwiebelchen und überreifen Pfirsiche sozusagen riechen können und die ländliche Idylle genossen…
    Und weiß jetzt: wenn man genügend Nachbarn besucht hat man alles zusammen, was man für ein leckeres Mittagessen braucht ;-)

    Lieber PAZ, danke für das charmante Entführen in eine so ganz andere Welt: die Schweiz.

    P.S.: Der Ausländeranteil unseres lebensfrohen Städtchens Mainz lag 2005 bei 16,3 %. Wir sind also zum Glück auch ganz locker drauf im Umgang mit Fremden…

  2. Thinkabout · 2. September 2007, 10:36 · #

    Die 20% sind Landesdurchschnitt, in den Grossstädten wie Zürich liegt er oft deutlich über 30%. Aber dass Mainz ein sehr offenes Fleckchen ist, weiss ich wohl!

  3. paz · 2. September 2007, 13:50 · #

    @ thinkabout: herzlichen dank für deine gastfreundschaft!!

    @tina: mainz, da war doch auch was… nein, nicht “mainz, wie es singt und lacht”, der mainzer karneval war mir immer ein bisschen suspekt, wenn ich ihn im fernsehen sah. den rosenmontags-umzug durfte ich einmal geniessen, vor ungefähr vierzig jahren. ich war sechs oder sieben, stiefmutter, schwestern und ich besuchten meine stief-grosseltern im hunsrück. ich habe heute noch frühstück mit brötchen, butter und schinken in der nase, beziehungsweise im gaumen. proust hat seine madeleines mit tee, ich habe meine schinkenbrötchen mit kaffee am sonntag morgen. nein, da gibt es auch eine andere geschichte. meine stiefmutter war schon lange ertrunken, da meldet sich ihre schwester, meine tante. na ja, meine eigene mutter starb als ich zwei jahre alt war. meine stiefmutter wurde zu meiner eigenen. die tante, sie war zehn jahre zuvor ankrebs erkrankt, und heilte. hatte also noch weitere zehn jahre bevor sich wieder metasthasen, oder sonstige hasen, über ihren körper breiteten. schlimme geschichte! ich fuhr hin, in meinem kleinen honda jazz. und dann gings vom hunsrück nach mainz. mein kleiner wagen blieb, wir fuhren in style mit einem 860 bmw nach mainz. haben dort den kaiser besucht, die stelle, wo sich der main mit dem rhein trifft. grandios! wie der platzspitz in zürich, wo sich die sihl in den limmat einordnet, doch hundermal grösser! wir fuhren dann den rhein entlang nordwärts, und haben irgendwo sehr, sehr gut gegessen. später fuhr ich wieder nach hause. meine tante starb kurz darauf, doch durfte vorher noch eine ballonfahrt unternehmen über dieses wunderbare stück erde!

    unser rechtsschaffender bundesrat blocher und ich haben zwei dinge gemeinsam. unsere wurzeln reichen nach deutschland (meine nach thüringen), und unsere vorväter waren priester, pfaffen. meine familie seit fünfhundert jahren, seit der reformation. mein grossvater wollte, oder konnte nicht mehr. und wo blochers direkt in die schweiz einwanderten, machte meine familie einen umweg über das königlich-kaiserliche ungarische burgenland, wo sie sich mit anderen vermischten, den müllers beispielsweise, molnár genannt. oder mit der familie krausz eine generation davor. juden. und jetzt habe ich charlie chaplin vor den augen, der mit inbrunst gegen tha jew wettert! tha jew!! in seinem film the dictator. zu finden bei www.filmschatten.blogspot.com

    was will ich eigentlich sagen? weiss nicht! weiss nicht mehr. ich sah gestern eine ältere dokumentation auf youtube, oder google-video, wie fundamentalisten kindern gehirnwäsche verabreichen. in amerika. nein, sie sind nicht moslems, sie sind christen, wie mein urgrossvater einer war. ein urgrossvater, der seinen enkel ( meinen vater ) seine eigene kotze essen liess… fundis, halt!
    halt!
    nie mehr!
    ich wehre mich, und sollte ich sterben!

    paz

  4. Tina · 2. September 2007, 17:22 · #

    @Lieber paz
    Das ist die Stelle, hier mündet der Main in den Rhein :-)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Main

    Da Deine Kindheitserlebnisse, die Dich mit unserem Mainzer Raum verbinden jedoch nicht wirklich erfreulich sind, solltest Du die Stelle vielleicht besser vergessen und nach einer schöneren suchen, ich bin sicher, die gibt es!...
    Nicht in der Vergangenheit graben, die ist rum! Nach vorne schauen! Und besser machen! ;-). Bist ja jetzt in der schönen Schweiz…und um die von Dir oben beschriebene Natur mit den Wiesen, Katzen und bunt gemischten Nachbarn beneide ich Dich schon ein bißchen…


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