Nachfrage
Sie sind Kunde. DER Kunde, DIE Kundin. Jeder Anbieter wird Ihnen versichern: Sie sind die Kaiserin, der König, das Mass der Dinge. Vor allem der Dinge. Rein theoretisch geschieht nichts, ohne dass Sie es wollen: Der Markt liefert Ihnen das, wonach Sie fragen. “Halt!” werden Sie sagen. “Das stimmt nicht! Es gibt so viele Dinge, die nicht mehr erhältlich sind, und die Qualität wird auch immer schlechter. Und so manches neue Zeugs ist lätz, schlicht unbrauchbar, Kitsch, Schrott.”
Mit Verlaub, das liegt an Ihnen. Sie kommen einfach nicht mehr mit. Denn die Anbieter haben ihr Angebot längst erweitert. Sie fragen nicht mehr so sehr danach, was Sie brauchen. Sie sagen es Ihnen immer häufiger und mit immer mehr Aufwand gleich selber. Und wir sind lernfähig. Erstaunlich lernfähig. Ich werde nie so richtig verstehen, warum sich in Leh, der Hauptstadt der nordindischen Provinz Ladakh, mitten in der Himalaya-Region, Michael-Jackson-Jacken mindestens so gut verkaufen wie in Los Angeles (gemessen an den Bevölkerungszahlen, natürlich).
Warum wollen Chinesen jetzt Milch trinken und Käse und vor allem Fleisch essen?
Weil sie ihren Fortschritt mit Vergleichen messen und dahin wollen, wo wir vermeintlich sind. Wer die dicksten Autos fährt oder gar baut, muss ziemlich viel richtig machen.
Wir haben “gelernt”, den Dingen einen Status zu geben. Wir haben uns dem Mehr verschrieben. Dem Wachstum. Je weniger wir uns um unser Brot sorgen mussten, um so weniger wussten wir, was als nächstes anzustreben war. Spätestens wenn das Haus gebaut und das neue Auto gekauft ist, fragen wir einen kurzen Moment lang: “Und jetzt?” Aber es gibt darauf sofort hunderte von Antworten. Und Vorbilder links und rechts, in den Medien, vor dem Fenster, über dem Zaun. Der Wettbewerb ist nie zu Ende, das Schönere liegt immer voraus.
Wir fragen nach Selbstverwirklichung. Arbeit für alle. Also, als theoretische Möglichkeit, wenigstens. Beschäftigung für alle war keine Nachfrage, höchstens ein Problem für wenige. Mit der Selbstverwirklichung meinen wir die berufliche Entwicklung, die Karriere, das Vorwärtskommen, das Mehr, das wir haben wollen.
Die Wirtschaft braucht Wachstum. Gott sei Dank haben wir nie genug…
Vorsicht, wenn die Waage kippt. Wenn Dinge plötzlich unnütz erscheinen, für deren Produktion bereits viele Fabriken in Betrieb sind. Wenn nur schon weniger konsumiert wird. Wenn die Illusion schwindet, Sicherheit könne man sich kaufen und Konsum bedeute Status.
Vielleicht rücken Menschen in kleineren Gemeinschaften enger zusammen, wenn der Kartoffelkeller länger vorhalten muss. Wenn die Zeiten besser werden, sind wir wieder die gleichen Nachfrager. Wir werden nichts gelernt haben. Nichts, was sich nicht wegspülen liesse im wirtschaftlichen Boom. Kein Wunsch nach mehr Natürlichkeit, nach Entschleunigung, wenn das Bankkonto fett und fetter wird.
Solche Anwandlungen sparen wir uns auf für die Not, wenn wir nicht wissen, wohin wir denn jetzt noch in die Ferien fahren sollen? Dann machen wir wieder Ayurveda in Südindien, Trekking in Nepal oder Fliegenfischen in Kanada.
Und übers Wochenende besuchen wir den Zen-Kurs und die Kurzeinführung in Yoga. Entschleunigung – einfach hip, dass man sich das leisten kann, bevor man sich weiter seine Welt verändert.
Wir fragen nach dem Haben. Und bekommen das Da-Sein, das wir verdienen.
Das Leben fragt nicht danach, was wir haben, wenn die Sinnfrage auftaucht. Irgendwann fragen wir danach, was wir mit uns anfangen, mit der Zeit, die, kaum ist sie vorhanden, ein Problem ist. Viele von uns werden vielleicht in nächster Zeit weniger freie Zeit haben, sich nach der Decke strecken müssen. Viele werden erneut Beispiele des Phänomens liefern, dass wir unglaubliche Leistungen erbringen können und einen grossen Durchhaltewillen besitzen.
Die Nachfrage, die bleibt, und zwar nicht als neue Konsumfrage, als Variation des Mehrs, das wir immer suchen, sondern als Erinnerung, als unveränderte Krux, die einen immer mal wieder umtreibt, bis man lernt, nicht mehr danach zu fragen:
Woher komme ich, wer bin ich, wohin gehe ich?
Es ist eine Nachfrage, die, will ich ihr gerecht werden, einfach mal stehen gelassen werden muss. Ich muss sie – unerfüllt – aushalten. Dabei ist es genau diese Nachfrage, die instinktiv nach dem bequemsten Angebot sucht, der schnellen Antwort, dem Trost, dem beruhigenden Konsum, dem gescheiten Buch, das man zumindest mal gekauft hat und das man dann lesen kann, wenn mehr Zeit dafür ist.
Aber es ist die einzige Nachfrage, die sich auch ohne schnelle Lieferung erfüllen kann. Es ist jenes Feld, in dem wir als Kunde auch dann weiter kommen, wenn die Waren nicht billiger werden, ganz im Gegenteil: Wir lernen, besser auszuwählen. Wir beginnen zu investieren, statt zu kaufen. Die offene Nachfrage nach meinem Sinn und die versuchten bewussten Antworten dazu werden Orientierung. Ein Lebensprojekt. Weil sie unser Verhalten gegenüber allen anderen Angeboten aller Märkte steuern kann. Dann muss mir auch keine Werbung und kein Medium mehr sagen, was mein Bedürfnis ist.
Das Wichtigste Wissen hierzu habe ich mir dann in mir eröffnet, und ich kann mich daran machen, es aufzubrechen, zu erschliessen und wirklich satt zu werden.
°
[Bildquelle: seniorenheim-friedensau.de ] – nicht provokativ gemeint: Das Nachfragen nach unseren Nächsten, die so entfernt geworden sind, entsorgt statt versorgt. Die Nachfrage nach Freunden, nach etwas Freundlichkeit in unserem Alltag, nicht nur gewünscht, sondern auch geschenkt…
Hinweis:
Der Beitrag wurde auf das Stichwort “Nachfrage” für denkmalnachschaumalhin geschrieben.
Zwischen Tagen schwebende Gedanken
und
Zeit-und-Leere
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Marianne · 16. November 2008, 16:50 · #
Wir sind, zumindest in den grossen Centren, schon lange nicht mehr Kunde König. Wir sind schlicht Käufer und wir sollen kaufen, was uns angeboten wird. Fehlt ein beliebter Artikel heisst es kurz angebunden: “wurde aus dem Sortiment genommen, warum weiss ich auch nicht”. Was dominiert ist Lifestyle und Fertigware. Gegarter Reis und geschälte Kartoffeln! Irgendwie finde ich es gar nicht so schlecht, wenn allgemein etwas mehr gespart werden muss. Nur so finden wir den Weg zurück zur Normalität, heraus aus der Dekadenz.
Gut auch, dass, wie immer wenn das Geld knapper wird, die Solidarität untereinander wieder zum Tragen kommt. Darum bitte nicht meckern, sondern das Beste daraus machen.
SeelenLeerer · 16. November 2008, 18:48 · #
Liebe Marianne
Haben wir beide den selben Text gelesen?
So wie ich ihn verstehe,
empfindet Thinkabout diese Krise als Chance
und meckern erkenne ich nur darin,
dass der dadurch ausgelöste Prozess eventuell nicht anhaltend ist.
Lieber Thinkabout
Der Weg ist beschwerlich und keineswegs schnell zu erledigen. Darum wollen ihn wohl nur wenige gehen.
Er ist jedoch nachhaltiger als alles andere und darum werden jene belohnt, die ihn gehen.
Irgendwie doch echt gerecht, oder?
Tina · 17. November 2008, 17:12 · #
Na ja, mittlerweile habe ich öfters mal meine Schwierigkeiten aus all den Produkten das richtige für mich herauszufischen…..und mich nicht – ob der Schnäppchenpreise- für ein Gerät zu entscheiden, das in einer 126-seitigen Bedienungsanleitung seine 1025 weiteren Verwendungsmöglichkeiten verrät, die mich zuhause schlichtweg überfordern und die ich niemals brauchen werde…. Aber günstig und gut getestet war es! ;-)

Titus · 17. November 2008, 20:29 · #
Geht es um die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nicht vielmehr um die Frage, wie man (dauerhaft) glücklich ist/wird?
Ergeben wir uns nicht deshalb dem ständigen Konsum, weil uns dieser einen Moment lang etwas Glück, etwas Freude beschert – bis wir wieder von anderen Konsumgütern “abgelenkt” werden und uns nicht mehr ob dem Gekauften erfreuen (weil in Vergessenheit geraten, in den Hintergrund gerückt)?
Erfreuen wir uns in schlechteren Zeiten nicht deshalb ob kleineren Dingen, weil dann die kleineren Dinge (oder Güter) uns einen Moment Freude und Glück schenken – bis dass wir wieder noch grössere Güter kaufen können?
Stellt Euch vor, alle auf dieser Welt hätten eine unerschöpfliche Geldquelle zu Hause, Geld bestünde also im Überfluss. Was dann? Lernen wir dann etwas?
Tina · 18. November 2008, 06:00 · #
@Titus
In Richard David Prechts neuem Buch “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” findet man quasi eine “Anleitung zum dauerhaften Glücklichsein”.
Im Kapitel “Was ist ein glückliches Leben” schreibt auch er, daß Erwerben zwar glücklich machen kann, nicht aber besitzen.
“Geld und Prestige stehen auf der höchsten Stufe unseres persönlichen Wertesystems noch vor Familie und Freunden. Dies ist umso erstaunicher, als dass die Werteskala der Glücksökonomen genau andersherum ausfällt Danach gibt es nichts, was mehr Glück stiftet als die Beziehungen zu anderen Menschen, Familie, Partner etc. An zweiter Stelle steht das Gefühl, etwas Nützliches zu tun. Vertraut man der Skala, so leben die meisten Menschen im reichen Westen mit ihren Geldwerten falsch: sie treffen systematische Fehlentscheidungen…..Sie kaufen Dinge, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen, mit Geld, das sie nicht haben.”
Übrigens: Die Schweiz rangiert auf dem ersten Platz in Sachen Lebenszufriedenheit….
http://seminarkurs-glueck.blogspot.com/
Richard · 19. November 2008, 13:23 · #
Hinter der “Konsumsucht steht die Sehnsucht” gesehen in einem Schaukasten der Caritas vor einiger Zeit.
Wie heißt es so schön: die 2 wichtigsten Zustände im Leben – Gesundheit und die Zuneigung eines Menschen – sind für Geld nicht zu bekommen.
Und die Zweitwichtigsten? Sind meist sehr teuer.
Thinkabout · 20. November 2008, 10:00 · #
@Richard:
Es gibt noch so einen Zustand: Die Haltung, die den inneren Frieden nicht einmal von den von Ihnen genannten Zuständen abhängig macht. Die innerste Sicherheit ohne alle Abhängigkeiten.
@Tina:
Vielleicht ist Glück genau deshalb so flüchtig, weil wir komischerweise so angelegt sind, dass wir nach jenen Dingen streben, die es umsonst versprechen…
@dauerhaft glücklich?
nichts, gar nichts nachzuhängen vielleicht?
@Marianne:
Du bringst mich auf einen interessanten Gedanken: Wer nach “Geiz ist geil” billig einkaufen will, kauft nicht das gleiche und wählt nicht gleich, wie jener, der zu Kostenbewusstsein gezwungen wird…
@Seelenleerer:
Tja, vor die Aussicht hat Gott den Weg auf den Berg gestellt… Wobei es ja sehr schön ist, sich bei dieser Gelegenheit selbst spüren zu können – und sich darin zu üben, dass hinter diesem Berg der nächste folgt, und das alles so schon richtig angelegt ist für uns.
SeelenLeerer · 20. November 2008, 16:59 · #
Womit wir beim “Weg als Ziel” angekommen wären…