Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Nobel ist das nicht - eher fatal

∞  9 Oktober 2009, 17:10

Der Friedensnobelpreis geht an Barack Obama.

Es wurde ja schon immer Politik gemacht mit der Vergabe des Preises. Aber noch nie war es so extrem wie diesmal. Obama ist die Personifizierung einer politischen Wandlung, er ist guten Willens, mit einer einzigartigen Rhetorik. Das will der Nobelpreis ganz offensichtlich verstärken, als wollte man verhindern, dass eine Märchenblase in der Realpolitik zerplatzt. Erfolgreich wird man damit nicht sein, und der amerikanische Präsident mag innerlich bestärkt werden durch diesen Preis, seine Handlungsfreiheit ist dadurch aber eher eingeschränkt worden.

Es sei wichtig, solch renommierte Preise an Menschen zu verleihen, die morgen nicht schon vergessen wären, konnte ich bei Radio 1 hören. Ich befürchte umgekehrt, dass auch das Prestige eines Nobelpreises gepflegt werden muss und zu befürchten ist, dass, geht es so weiter, in ein paar Jahrzehnten kaum mehr jemand weiss, wo der denn eigentlich vergeben wird und vor allem warum?

Das Komitee hat mit diesem Entscheid eine Debatte über den Sinn des Preises ausgelöst – und politischen Sprengstoff verhindert, indem z.B. die Chinesen nicht vor den Kopf gestossen wurden mit der Auszeichnung eines Dissidenten, sechzig Jahre nach der Gründung der VR China.

Zahnlos sollst Du loben die Guten dieser Welt.




  1. Michael Kostic · 9. Oktober 2009, 19:55 · #

    Wenn ich so etwas lese frage ich mich ob den Menschen nunmehr wirklich alles egal ist. In den USA wird nach wie vor gefoltert. Nicht einmal dieses Versprechen hat Herr Obama eingelöst: “Amerika foltert nicht!”. Wie erbärmlich…

  2. Marianne · 9. Oktober 2009, 22:15 · #

    Auch ein Mensch der Willens ist, vieles zum Guten zu verändern, schafft dies nicht in kurzer Zeit. Aber Obamas Ideen sind gut, der Mensch dahinter glaubwürdig. Ich sehe die Vergabe des Friedens-Nobelpreises zur jetzigen Zeit als Versuch, diesem Mann den Rücken zu stärken. Nötig hat er es, denn solche Politiker braucht die Welt mehr den je.

  3. Titus · 10. Oktober 2009, 03:50 · #

    Vielleicht hilft es, sich einmal vorzustellen, was heute wohl ist, wenn Hillary Clinton Präsidentin der USA geworden wäre. Ich denke, sie hätte diese Hoffnungen nicht wecken können.

    Ja, Barack Obama hat viele Hoffnungen geweckt und dabei überzeugt. Das verdient mindestens sehr viel Respekt. Soweit ich mich an frühere Präsidenten erinnern mag, vermag keiner ihm das Wasser reichen.

    Doch Hoffnungen sind ein wichtiges Gut, weil sie auch Lebensantrieb sind. Sie wollen nicht enttäuscht werden. Das ist die eigentliche Hypothek für Obama, welche er sich allerdings selber aufgebaut hat, also nicht erst seit dieser Preisvergabe existiert. Ich halte ihn aber für intelligent genug, das selber auch zu wissen und in seine politische Strategie miteinkalkuliert zu haben.

    Er weiss sehr wohl, dass er in etwa einem Jahr erste konkrete und positive Resultate vorzuweisen hat, damit diese im darauffolgenden Jahr von der amerikanischen Bevölkerung (positiv) wahrgenommen werden und die Grundlage für seine Wiederwahl bilden.

    Erreicht er jedoch nichts, woran ich nicht glaube, dürfte es allerdings schwierig werden…

  4. Michael Kostic · 10. Oktober 2009, 07:43 · #

    @Marianne u. Titus:

    Zunächst einmal sei festgestellt das unter der Prämisse Hoffnung auch Benito Mussolini als auch Adolf Hitler diese Auszeichnung mehr als verdient hätten. Beide haben ihren Völkern Hoffnung auf eine bessere Zeit gebracht.

    In einer globalisierten Zeit sollten wir einmal darüber nachdenken was es bedeutet, wenn es den US Amerikanern noch besser geht als ohnehin schon. Bevor das jetzt falsch aufgenommen wird: Es geht dabei sachlich betrachtet nicht darum wie und an wen die ihren Reichtum verteilen, nur das sie ihn sich allein völkerrechtlich “zu unrecht” angehäuft haben. Vieles davon kommt z.B. da her: http://www.iraqbodycount.org/

    Und dann bitte ich noch sachlich über folgendes nachzudenken: In den USA können Maßnamen wie z.B. Guantanamo nur und einzig mit der Mehrheit der verschiedenen Häuser UND der Militärführung erreicht werden. Über alle politischen Einstellungen hinweg, also Republikaner UND Demokraten.

    Zusätzlich ist der Militärindustrielle Komplex in den USA derart angewachsen, dass die US mittlerweile 55% des Weltwaffenhandels ausmacht. Das allein entspricht dem BIP der Bundesrepublik Deutschland…

    Herr Obama steht vor einem gewaltigen Scherbenhaufen. Hoffnung hilft da absolut nichts. Ganz im Gegenteil halte ich gerade die gesamte öffentliche Verzerrung der Fakten in Richtung Hoffnung für uns alle für absolut fatal.

    Aus Deutschland, Österreich und auch der Schweiz kommt genau deshalb schon wieder enorm viel Kapital als Investment in die USA, obwohl wir im deutschsprachigen Raum dieses sehr viel dringender benötigen. Denn was hier der Bildung, dem Sozialsystem derart vorenthalten wird, versickert dort nur in der nächsten, der Kreditkartenblase (ergo finanzieren wir Europäer den Amis einen dicken Fernseher, mehr nicht).

    Wie schon oben festgestellt, es ist erbärmlich..

  5. Thinkabout · 10. Oktober 2009, 12:24 · #

    Nachtrag, auch auf die Wortmeldungen hin:

    Auch ich finde das, was in den USA mit der Wahl Obamas zum Präsidenten geschah, einzigartig. Der Nobelpreis mag das Symbol Obama honorieren wie die Haltung, nach allen Seiten das Gespräch anzubieten.
    Unsere geweckte Hoffnung wie die Vergabe des Nobelpreises sagen daher mehr über uns und unsere Erwartungen aus, als über Obama – oder gar über seine Leistungen. Was mir die letzten Tage immer stärker bewusst wurde:
    Auch hier wieder bestimmt die ganze Debatte die westliche Arroganz: Der Nobelpreis ist ein westlicher Preis, der Strahlglanz für die ganze Welt voraussetzt, annimmt, oder gar reklamiert. Die Konfliktherde, auf die wir über die Schulter Obamas vor allem schauen, sind der Iraq, Afghanistan und vor allem der Iran: Alles Länder, denen der Nobelpreis herzlich egal ist, die darin höchstens ein weiteres Beispiel eines einseitigen, hochnäsigen Blicks des Westens auf die Welt sehen. Kein Araber (ich weiss nicht einmal, ob diese Bezeichnung hier korrekt ist) wird dieser Verleihung irgend etwas abgewinnen können – als Angehöriger einer Welt, die wir gar nicht auf gleicher Augenhöhe mit uns wahrnehmen. Sollte es allerdings Obama gewinnen, daran etwas zu ändern, DANN hat er tausend solche Preise verdient.

  6. Caro · 10. Oktober 2009, 17:55 · #

    Das sah vielleicht ein wenig anders aus, als der Friedensnobelpreis 1994 an Yasser Arafat verliehen wurde … (zusammen mit Shimon Peres und Yitzak Rabin).

  7. Mara · 11. Oktober 2009, 10:29 · #

    Auch ich war enttäuscht Angesichts dieser Friedenspreisvergabe. Jeder mit Visionen und jeder Hoffnungsträger braucht Rückenstärkung – das stimmt wohl. Aber jemanden einen Preis zu verleihen der ausser einer vagen Hoffnung auf Veränderung bisher noch nichts wirklich erreicht hat( ein halbes Jahr ist dafür auch zu kurz) kommt einem Kniefall vor seiner Rhetorik gleich. Insbesondere wenn es dabei sowieso schon um einen Menschen in einer mächtigen Position geht.

    Es hätte dem Ansehen des Preises gut getan einfach auch mal keinen Auszuseihnen, als ausgerechtnet alte Herren von Vorgestern (Kohl und Genscher) oder einen Mächtigen von Heute zu ehren.


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