Noch ein bisschen Brainstorming: Der Lohn
Was verdienen Sie?
Je nachdem, wie gross Ihr Selbstvertrauen ist, werden Sie darauf eine unterschiedliche Antwort geben. Und darum verdienen selbstbewusste Menschen eher mehr, als sie verdienen, was bescheidene Menschen in aller Regel nicht von sich sagen können. Es ist möglich, dass die bescheidenen damit zufriedener sind als die Selbstbewussten. Das mag dann auch wieder eine Art ausgleichende Gerechtigkeit sein. Verdienst, Lohn, ist also immer auch eine Frage der Haltung. Und des Arbeitgebers. Viele dürften auf jeden Fall innerhalb der eigenen Personalstruktur betreffend Lohnparität das Wort Ausgewogenheit nicht guten Gewissens in den Mund nehmen. Ein Stück weit ist ja tatsächlich der Lohn jeweils auch eine Frage der Marktlage: Wer hat in welcher Phase welchen Job gesucht? Und wie leicht oder schwer war es, jemanden zu finden?
Wie sind Sie eigentlich eingestellt worden? Sie sind doch bestimmt auch gefragt worden, was “Sie sich denn vorgestellt haben”? (oder hätten). Schon das Einstellungsgespräch spurt also in manchem Fall ein Grundgefühl vor. Bin ich übervorteilt worden, dass man so schnell bereit war, meine Forderungen zu erfüllen? Oder, noch schlimmer: Warum war der Arbeitgeber bereit, auf mein Insistieren hin 15% mehr zu bezahlen?
Wie sportlich wir solche Unstimmigkeiten und Verhandlungen nehmen, ob wir uns richtig bezahlt fühlen – das kann sich sehr wandeln. Respekt allein reicht sicher nicht als Ersatz für fehlendes Geld. Aber ohne Respekt ist alles nichts. Der Lohn will verdient sein, und was verdient wird, soll gelöhnt werden. Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass beide Seiten ein gutes Gefühl anstreben sollten. So entsteht Leistung – und damit die angenehme Frage, ob ein Bonus fällig werden kann, weil ausserordentliches erreicht wurde. Geleistet wurde es vielleicht die Jahre zuvor auch. Aber in diesem Jahr hat es sich augezahlt. “Hat der Markt das her gegeben”. Für den Lohn braucht man nicht zu danken. Er ist verdient. Idealerweise scheut man sich dennoch nicht, zu danken. Denn dass man bekommt, was man verdient, ist vielleicht selbstverständlich, aber längst nicht überall der Fall. Und nicht immer. Es hat seine Gründe, dass man über Geld nicht spricht. Aber sehr oft daran denkt…
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Zappadong · 13. März 2010, 09:45 · #
Ich brainstorme mal mit. Aufgrund von Gesprächen mit Betroffen der letzten paar Wochen (dieser Beitrag würde auch zum Beitrag Leistungsgesellschaft passen – sämtliche Aussagen sind wirklich gemacht worden):
“Ich an Ihrer Stelle wäre zufrieden. Anderswo finden Sie bei der Arbeitsmarktlage sowieso keinen Job.”
“Und dann war ich raus. Nach 27 Jahren. Auf absolut beschämende Weise. Nachdem ich gegangen wurde, ist meine Abteilung implodiert – eine Mitarbeiterin in der Psychiatrischen, die andere hat gekündigt.”
“Kein Mensch hat auch nur im entferntesten eine Ahnung, wie sehr das Selbstvertrauen leidet. Am Ende traut man sich nichts mehr zu, denkt, man könne nichts und werde nie wieder einen Job finden.”
“Ich mache den Job von zwei Leuten und arbeite eine neue Arbeitskraft ein. Und wenn ich meine eigene Arbeit dann nicht zu 100 % erledige, werde ich von der Chefin angeschrien.”
“Ich muss in einem Monat 35 Jahresabschlüsse von Firmen machen, für die ich zum Teil Bankbelege aus Chile anfordern muss. Als ich dem Chef sagte, das sei unmöglich zu schaffen, meinte er nur: Bis jetzt hast du ja auch immer alles geschafft. Aber ich sag dir. Es geht einfach nicht.”
“Ich habe am Schluss auch am Samstag und am Sonntag gearbeitet. Als ich meinem Chef sagte, es werde zu viel, meinte er, er sehe das Problem nicht. Dann klappte ich zusammen. Total. Drei Wochen arbeitsunfähig. Jetzt taste ich mich mit einem 50%-Pensum wieder an die Arbeit heran. Aber mein Chef hat mir schon gesagt, er wisse nicht, ob ich bleiben könne. Sie hätten jetzt eine Neue eingestellt.”
Für diese Menschen geht es schon lange nicht mehr um Zufriedenheit. Oder Lohn. Sondern nur noch darum, wie und wann sie vom System ausgespuckt und verschlungen werden.
Lohn: In dem Wort steckt das Verb lohnen. Und ich frage mich langsam, aber auch immer heftiger, ob es sich “lohnt” für einen Arbeitgeber, der nur Zahlen sieht, sein Freizeit, seine Gesundheit, sein Leben zu opfern.
Würde ich einen Job suchen, müsste sich dieser “lohnen”. Nicht in Form von Geld. Sondern Zufriedenheit bei der Arbeit. Vor ein paar Jahren, als sich längst schon alles zu ändern begonnen hatte, entdeckten ein paar Abgehobene das “Humankapital”. Wenigstens Lippenbekenntnismässig. Heute ist nicht einmal mehr das nötig. Heute wird an vielen Orten ausgepresst und weggeworfen.
Ich bin deshalb dankbar für jeden Arbeitgeber, der in seinen Angestellten noch die Menschen sieht. Der sein Bestes gibt, sie so zu behandeln und bezahlen, dass es sich für sie “lohnt” zur Arbeit zu gehen. Wie gesagt. Der Betrag ist mir nicht so wichtig, war mir nie so wichtig (weshalb ich selten viel verdient habe), für mich musste sich eine Arbeit immer auf andere Art “lohnen” – auf die persönliche. Am besten und befriedigendsten ist, wenn beides zusammengeht: Der Betrag und die Befriedigung. Nur scheint mir, dass es immer weniger Menschen gibt, die das erreichen.
Das Erschreckende: Ich arbeite mit jungen Menschen am Anfang des Berufslebens, die ihren Beruf mit Leib und Seele ausführen – und schon so gnadenlos in der Auspressmaschine gelandet sind, dass sie die Motiviation und Lust verlieren. Irgendwo Anfang 20.
Dafür traf ich kürzlich einen Bekannten. Der lässt sich jetzt mit 61 frühpensionieren. Raus aus dem Malocheralltag. 3000 Franken bekomme er pro Monat. Aber das reiche ihm. Er freut sich auf sein neues Leben. Ich bin sicher, dass sich der Schritt für ihn “lohnen” wird.
Uwe · 13. März 2010, 12:28 · #
Das Kapital kauft Arbeit und Boden. Kapital wird vererbt und hat die Neigung, sich zu konzentrieren.
Ab und zu wird dem einen oder anderen Verkäufer des Produktionsfaktors Arbeit bewußt, in welcher Lage er sich befindet: Weil er nicht über nennenswertes Kapital oder Grundbesitz verfügt, muss er seine Arbeitskraft verkaufen, wenn er am Wirtschaftskreislauf teilnehmen möchte.
Vor der “industriellen Revolution” war die Mehrzahl der Menschen selbständig und hatte noch nicht verlernt sich selbst zu ernähren. Heute sind EU-weit nur noch um 13 % selbständig aber auch die leben oft von Transferleistungen. Die Verteilung des gewonnenen Wohlstandes zu allseitiger Zufriedenheit, scheint ein schwer lösbares Problem zu sein. :) Von den psychologischen Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, seine Selbstbestimmung zu verlieren, ganz zu schweigen.
Thinkabout @ Zappadong · 14. März 2010, 09:49 · #
Deine Beispiele zeigen es sehr schön: Der persönliche Umgang am Arbeitsplatz ist entscheidend. Mindestens einen Chef zu haben, der diesen nicht behindert, und Kollegen, welche ebenfalls etwas da hinein investieren, wäre schön. Und genau diese Dinge kann man in aller Regel vor Jobantritt nicht abschätzen, weil man die Menschen ja noch nicht kennt (oder nicht in dieser Team-Situation).
Humankapital, Sozialkompetenz, emotionale Intelligenz, Nachhaltigkeit – seufz: Wann immer die Verschlagwortung einsetzt, so bekomme ich das Gefühl, hat die Gesellschaft, haben wir schon verloren. Es bedeutet nämlich, dass ein Kernproblem zum allgemeinen Thema gemacht wird. Damit wird es zerredet und zerflanscht, und alle Welt beginnt damit Geld zu verdienen und/oder Aufmerksamkeit zu erhaschen. Damit aber hebt das Thema ab und kehrt selten dorthin zurück, wo es hingehört: An den einzelnen Lebensplatz…
Thinkabout @ Uwe · 14. März 2010, 09:53 · #
Heute sind EU-weit nur noch um 13 % selbständig aber auch die leben oft von Transferleistungen.
Ja. Oder sonst vom Verkauf von Dingen, welche die Welt nicht braucht. Unsere Arbeit ist selten genug “nötig”. Meiner Meinung nach ist auch das schon ein Problem. Auf dem allerdings die ganze Wirtschaftswelt aufgebaut ist: Man stelle sich vor, jeder würde nur noch kaufen, was er wirklich braucht…
Relax-Senf · 15. März 2010, 14:52 · #
@ Zappadong: Verstehe die Aussagen der Leute und nehme sie ernst. Anzufügen ist, es gibt Chefs die sich falsch Verhalten, weil sie Karriere machen wollen, weil sie selber Angst um ihren Job haben, weil sie über ein Defizit an sozialer Kompetenz verfügen (oder auch gar keine).
Wenn alle Personen kündigen würden, die am Arbeitsplatz unzufireden sind, würde sowohl die Wirtschaft als auch der Arbeitsmarkt zusammenbrechen. Und dies Frau Zappadong ist nicht sarkastisch gemeint.
Zappadong · 16. März 2010, 08:17 · #
@Relax:
Ihrer Aussage mit den Chefs stimme ich zu.
Fakt ist, dass sich im Moment in meinem persönlichen Umfeld die Anzahl der Menschen häuft, die nur noch eines wollen: weg von ihrer Firma. Sollte sich der Markt irgendwann wider Erwarten doch noch erholen, wird es bei jenen, die die Schraube zu hart angezogen, die Zitrone zu sehr ausgepresst haben, zu einem wahren Exodus kommen.
Unzufriedenheit bei der Arbeit ist ein Bestandteil der Arbeit. Kein Mensch kann immer glücklich sein mit den Arbeitsbedingungen. Dort aber, wo man im Moment regelrecht geknechtet wird – dort wird man weggehen.
Ich denke, es ist zu einem grossen Teil eine Frage des “Wie”. Alle wissen, dass die Zeiten sehr hart sind. Ich wage zu behaupten, dass die meisten wollen, dass es ihrer Firma gut geht und dass man bereit ist, ziemlich weit zu gehen, um die Firma durch schwierige Zeiten zu tragen. Aber es gibt einen Punkt, an dem die Grenzen des Erträglichen überschritten werden, wo die Arbeitswelt die Menschen so krank macht, dass sie ausfallen. Nicht für kurze Zeit, sondern für länger oder immer.
Für die finanziellen Folgen wird irgendwann der Staat – und somit wir – aufkommen müssen. Die menschlichen Folgen, die Tragödien, die sich im Privaten abspielen, wird unsere Gesellschaft tragen müssen. Mit allen Konsequenzen.
Ich weiss, dass Sie Ihren zweiten Absatz weder sarkastisch noch als Drohung schreiben. Ich denke auch nicht, dass die Menschen kündigen werden, denn es geht um ihre finanzielle Existenz. Aber viele von ihnen leben als Zombies, desillusioniert, “abgelöscht”. Ich wage mir nicht einmal auszudenken, was das für Folgen das für uns alle haben kann.
Thinkabout @ Zappadong · 20. März 2010, 16:55 · #
Die Zitronenpresse – mir scheint, es wurde noch nie so unverholen auf Kosten von Menschen Politik gemacht. Von der Wirtschaft dann anderes zu erwarten, ist wohl sehr verfehlt. Und so lange die linke politische Ratshälfte in Wirtschaftsfragen so viele Nonvaleurs in die Schlachten schickt, wird sich daran auch nichts ändern. Nicht mal jetzt, wo sich ganze Wirtschaftskreise selbst die ganz kurzen Hosen angezogen haben. Ausser dass die FDP sich zu Markte trägt und ihre Stimmen von den Nachbarn aufgesogen werden, ist keine Bewegung auszumachen. Auch inhaltlich nicht. Erst recht nicht.