Obamas Worte sind nicht einfach Blasen
Barack Obama ist die beherrschende Person in der momentanen internationalen politischen Berichterstattung. Viele können sich seiner Strahlkraft nicht wirklich entziehen, andere mokieren sich darüber, wie viel er von seinen Reden wohl abschreiben mag?
Doch worum geht es denn bei der Entwicklung der letzten Monate wirklich, mögen auch noch so viele MTV-Videos auf den Zug aufspringen, der nun Fahrt aufgenommen hat?
Verdorben ist wohl nicht nur die politische Landschaft der Welt, verdorben, beschädigt, desavouiert ist auch unser Glaube an Veränderung, an die Kraft und Aufrichtigkeit einer Bewegung.
Wir sollten nicht vergessen, dass die Geister, die jetzt geweckt werden, auch eine Kraft der Masse erneuern, die danach nicht einfach wieder ignoriert werden kann.
Ich gebe zu bedenken:
Auch ein Kennedy würde heute vielleicht so eingegrenzt in seiner Wirkung, so kritisch hinterfragt, dass seine Rede: “Ich bin ein Berliner” wohl nie gehalten worden wäre. Aus heutiger Sicht darauf zu antworten, dass dies auch nichts verändert hätte, ist eine elementare Missachtung der Gemütslage jener, die damals unter den Eindrücken der aufgezogenen Mauer zutiefst beunruhigt waren. Kennedy hat damals bewiesen, dass er eine Empathie für die Not der Menschen entwickeln konnte, die er besuchte. Gewiss, es waren nur Worte. Aber wenn ein Politiker Wirkung erzielen will, dann hat er erst einmal nichts anderes zur Verfügung (es wäre auf jeden Fall gut so, wenn dies wieder an viel mehr Orten so wäre). Will er sich gegen Lobbyisten aller Couleur behaupten, ja gegen den herrschenden Mainstream etwas verändern, so muss er diesem die Kraft und die Macht jener nahe bringen, die er erreicht. Dadurch bekommt er selbst auch die Gewissheit, dass sich Mehrheiten finden lassen für konkrete Veränderungen.
Ja, Politiker drehen an Rädern. Sie versuchen, zu manipulieren. Aber sie können auch tatsächlich Veränderungen bewirken, sie anstossen, alimentieren, begünstigen, auslösen.
Und wir sollten daran denken, dass es nicht falsch ist, sich wieder einmal daran zu erinnern, dass es auch eine Qualität bedeuten kann, sich durch den Appell von Grundwerten anrühren zu lassen.
Wir alle sind am Ende verantwortlich, wenn es nach
Yes, We Can,
einmal heissen sollte:
Yes, we did it.
Solche Slogans sollten wir nicht nur Nike zugestehen. Komischerweise unterstellt dort niemand falsche Absichten. Die Botschaft wird sogar “geglaubt”. Peinlich genug, wenn uns im Gegensatz dazu hier nur Skepsis heimsucht.
Und dies noch als Unkenruf zum Schluss:
Meine Befürchtung ist, dass niemand Obamas Lauf so ernst nimmt, wie seine fundamentalistischen Gegner in allen religiösen oder wirtschaftlichen Schattierungen. Kein anderer Politiker in den USA dürfte im heutigen Zeitpunkt so stark Gefahr laufen, einem Attentat zum Opfer zu fallen. Da bin ich hundertprozentig davon überzeugt. Nur schon darin liegt eine Gewissheit: Es geht hier nicht nur um Worte.

Fundstück: time.com

Mark Balsiger · 21. Februar 2008, 16:43 · #
Klar gedacht, ausgezeichnet getextet. Kompliment. Obama ist seit seiner Siegesserie in einer schwierigen Situation: Die Medien machen Jagd auf ihn, seine Vergangenheit, seine Missgriffe. Das war zu Zeiten von Kennedy nie so ausgeprägt der Fall. Was bislang ans Tageslicht kam, ist penibel. Wo liegt das Problem, wenn Obama in seinen Reden auf andere zurückgreift. Welcher Politiker macht das nicht? Obama ist das Medium. Hier gibt es Parallelen zu Ronald Reagan, der ab 1979 ein ausgezeichnetes Team um sich hatte, welches ihm jeden Satz auf den Leib schnitt. Die jahrzehntelange Tätigkeit als Schauspieler kam ihm dabei sehr zugute. Heute wissen wir, dass Reagan wichtige Medienkonferenzen tagelang übte, da sass jeder Einwurf, jede Handbewegung. Er ging in die Geschichte ein als “the great communicator”.
Obama hat ein ähnliches Talent. Wenn immer ich ihn am Bildschirm sehe und höre, kriege ich Gänsehaut. Das schaffte in den letzten 20 Jahren kein halbes Dutzend Politiker. Zugleich ist Obama ein Mitreisser, und das können die USA wahrlich gebrauchen. Ihm ist zuzutrauen, dass er im Amt stetig wächst – und gut beraten wird.
Strandsteine · 21. Februar 2008, 19:26 · #
Lieber Thinkabout,
hier habe ich den Song Yes, we can
dort ist auch der Text des Liedes zu lesen.
Leider teilen wir Deine Befürchtungen,
das er Opfer eines Anschlages werden könnte.
Aber es sei uns allen zu wünschen,
das der Optimismus siegt.
die Steine verfolgen die Vorwahl mit großer Interesse.
Thinkabout · 21. Februar 2008, 22:54 · #
Liebe Gertrud
Die Strandsteine sind – wieder einmal – ganz am Puls der erzählten Geschichte. Danke Dir auch hier!
Ulf Runge · 22. Februar 2008, 01:14 · #
Lieber Kurt,
da ist es mir aber mehrfach kalt über den Rücken gelaufen. Ja, es gibt nur wenige dermaßen für mich so emotional wichtige Reden wie die vor dem Schönberger Rathaus.
Und ich sehe mich noch legospielenderweise am Fußboden hocken, als mich die Nachricht erreicht, dass dieser Mensch mit so viel Ausstrahlung, auch auf mich, einfach nur abgeknallt worden ist.
Die USA haben eine schöne Wahl vor sich: Die erste Frau oder den ersten Farbigen. Egal wie, sie machen es hoffentlich richtig.
Klasse Artikel!
LG, Ulf