Olympia und Religion
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Gedanken zur Eröffnungsfeier in London. Zu jeder solchen Feier. Die englischen Bezeichnungen “celebration” und “ceremony” drücken schon sehr viel aus.
Ein paar Eindrücke aus der Olympia-Eröffnungsfeier, die ich mir gestern aufzeichnete und durch die mich nun nachträglich per Vorlauftaste gekurbelt habe. Selbst so, in einer Art Schnelldurchlauf durch das Wesen dieses Anlasses – und damit durch das Wesen “Mensch” – fühlte ich mich immer wieder an die kürzlichen Diskussionen zur Religion erinnert. Von wegen:
Der Mensch braucht keine Religion.
Er lechzt förmlich danach. Die neuen sakralen Bauten unserer Welt sind die Sportstadien – und praktisch jeder Teil der Zeremonie hat liturgische Züge. Die Feier ist voller symbolischer Handlungen und auf Schritt und Tritt geht es um die Grundmotivation, dass sich eine Gemeinschaft der Welt mit ihrer Identität vorstellt – und damit überzeugen und mitreissen will.
In praktisch jeder Bildsequenz sind euphorisierte Menschen zu sehen. Und es ist ansteckend. Man kann nachempfinden, was es bedeuten kann, in dieses Stadion einzumarschieren. Ja. Marschieren. Wir brauchen das Wort ganz selbstverständlich. Einmarsch der Mannschaften.
Der Mensch braucht Religion.
Er vermisst sie, wenn sie ihm abhanden gekommen ist und sucht Identität in Ersatzhandlungen. Religionen gibt es, weil wir Menschen sind. Wir kommen nicht ohne den Halt einer Zugehörigkeit aus, das Gefühl, unseren Sinn zu kennen. Am Ende ist wohl auch unsere fundamentale Kritik an den Auswüchsen etablierter Religionen in erster Linie Ausdruck einer Frustration und Enttäuschung: Alles Schall und Rauch, Brimborium, Augenwischerei und Manipulation. Da ist sie, die nächste Spiegelfechterei.
Dass der Spuk vorbei geht, es hier ja “nur” um Sport geht, ist kein Gegenargument. Tatsache bleibt die Beobachtung, dass wir uns solche Fokussierungen, die alles Alltägliche ausblenden und uns unter das Dach einer übergeordneten Idee treten lassen, immer wieder erschaffen. Wir haben diese tiefe Sehnsucht in uns, Teil eines grossen Ganzen zu sein und darin unseren Platz und unseren Sinn zu haben.
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Christa · 28. Juli 2012, 22:13 · #
Jetzt muss ich doch g’rad lachen. Gerade eben wollte ich einen ähnlichen Beitrag verfassen. Du kamst mir zuvor. So belass’ ich es eben bei einem Kommentar.
“Der Mensch lechzt geradezu nach Religion.” Da stimme ich völlig mit dir überein. Ich weiß nicht, ob es dir auch schon aufgefallen ist, aber je leerer die Kirchen werden, umso voller werden die Sportstudios. Im Grunde ist der Körperkult, wie er von vielen Menschen betrieben wird, nichts anderes als eine Art Religionsersatz. Und wenn wir mal ganz genau hinschauen gibt es tatsächlich einige Gemeinsamkeiten zwischen Religion und Sportstudio: Beiden geht es irgendwie um die Vervollkommnung des Menschen. ;-)
dirk · 29. Juli 2012, 01:43 · #
Das ist gut beobachtet, liturgische Züge, symbolische Handlungen, ansteckend euphorisierte Menschen, Marschieren. Auch die Diagnose trifft. Nur die Verallgemeinerung nicht. Mich, meine Frau und andere, die wir kennen, steckt das nicht an, es schreckt uns ab. Wir spüren zum hellen Tag dieser Begeisterung unwillkürlich ihre Nacht und es gruselt uns. Menschen sind nicht alle gleich. (Zum Glück? Ich denke: Ja.)
Thinkabout @Christa · 29. Juli 2012, 02:49 · #
So habe ich die Vervollkommnung des Menschen noch gar nicht betrachtet… Mehr Fleiss und Schweiss für ein paar Gedanken hinter der vollkommenen Hülle sind als Fitnessprogramm einfach zu wenig attraktiv…
Thinkabout @Dirk · 29. Juli 2012, 02:57 · #
Aber Menschen machen sich gerne gleich, weil sie gerne dazu gehören wollen. Man sollte aber auch nicht jede evtl. zu leicht zu weckende Begeisterung für solches Tun verteufeln. Diese gleiche Energie hat auch schon viel Gutes geschaffen. Der Kern dieser Regung gehört zum Beispiel auch zu jeder Bereitschaft, in einem Verein aktiv mitzumachen.
Oder ein Teil dieser zu beobachtenden Euphorisierung an Olympia kann an der Bereicherung durch das Zusammensein im olympischen Dorf fest gemacht werden, wo Sportler, die sich sonst oft abnabeln und abkapseln, sich plötzlich in der grossen Gemeinde Gleichgesinnter wieder finden und Parallelen entdecken.
Neugier wird geweckt, und gerade die Vielfalt der Geschichten auf engem Raum wirkt gemeinschaftsbildend.
dirk · 29. Juli 2012, 14:44 · #
@thinkabout: Die “Vielfalt der Geschichten auf engem Raum”, gefällt mir. Überhaupt das Miteinander. Aber auch die Verschiedenheit der Menschen. Vor allem halte ich Menschen für Sinnstifter, denke, dass sie mehr drauf haben, als sich anzuschließen. Auf einem Schiff z.B. wollen alle gemeinsam, dass es heil ankommt. Doch für das Ziel der Reise muss man sich entscheiden. Du hast Recht, viele Menschen wollen mehr, ein starkes Gefühl der Verbundenheit, einen Gleichklang, ein Banner vielleicht, unter dem sie sich sammeln. Nur nicht alle. Es gibt immer Sonderlinge. Ich verteufle ja nicht, ich empfinde nur anders. Ich war stets in Vereinen, ich geh gern durchs Gedränge eines Marktes, ich mag es, wenn die Musiker im Orchester zusammen die Musik erklingen lassen. Nur der Gleichschritt des Marsches, das Schunkeln usw., die Ergriffenheit durch eine gemeinsame Stimmung ist mir fremd. Mir wird körperlich übel. Das habe ich mir nicht ausgedacht, ich bin so, schon als Kind. Fastnacht z.B. war lustig, das Verkleiden und Herumtollen, kam aber eine Gruppe uniform Vermummter auf mich zu, hatte ich Angst. Mit der Nacht meinte ich dies: Die gemeinsame Begeisterung kann eine Feier sein. Sie kann sich aber auch in Taten entladen, die jeder für sich, unberauscht, nie begehen würde. Den olympischen Spielen der Antike wurde nachgesagt, dass sie den Frieden förderen sollten, indem sie den Krieg substituierten. Das ist historisch wohl falsch, aber ich verstehe, wie man auf so was kommt.
Vielleicht hat ein Schweizer es leichter, sich darauf einzulassen, als mancher Deutsche. Was man assoziiert, hängt mit Erfahrungen zusammen. So mochte ich Feuerwerk sehr, bis ich den Krieg kennenlernte. Seit einer Nacht unter Beschuss, die ist dreißig Jahre her, bleibt mir schier das Herz stehen, begrüßen meine Nachbarn harmlos knallend und zischend das neue Jahr.
Übrigens: Auch wenn Sport, Religion, Nation oder Unternehmen manchmal ähnliche Mittel nutzen, sind doch verschieden. Darum betrachte ich diese Mittel unabhängig davon. Im Stadion sehe ich zu, an der Front stürme ich selbst, in der Religion meditiere ich, im Sport trete ich gegen andere an, im Unternehmen tobt der Karrierekampf – stimmen dann alle die Firmenhymne an, schwören sie sich wieder auf das gemeinsame Ziel ein, – eine Kirche hat das nicht nötig, erfreut mit ihrer Feier … usw.
Thinkabout @Dirk · 30. Juli 2012, 00:01 · #
Ich mag es sehr, wie Du in diesen Diskussionen immer auch von Dir erzählst. Mir wird in diesen Debatten sehr bewusst, wie “beladen” wir alle Stellung beziehen, geprägt von den eigenen Erfahrungen, die bei solchen Themen scheinbar ganz besonders drastische und klar sich – gegen was auch immer – abgrenzende Positionen nötig zu machen scheinen. Da ist so ein Erzählen in Ich-Form, das nicht von vornherein erwartet, dass andere es genau so sehen, unheimlich wohltuend. Und entsprechend gerne lese ich Dir zu.
Ja, was Du bezüglich meiner Nationalität ansprichst, hat vielleicht auch Hintergrund: Tatsächlich schmerzt es mich manchmal sehr, wenn ich spüre, wie schwer es deutschen Freunden fällt, unbelastet von der Geschichte der eigenen Nationaliät oder der schlichten direkten (eigener oder der von Verwandten) Betroffenheit durch Kriegserlebnisse eigene Positionen zu solchen Phänomenen zu finden. Es ist mir manchmal, als würden sie Euch erzwungen verwehrt – und ich bin gar nicht so sicher, ob das in jedem Fall gut für Euch und uns ist.
dirk · 30. Juli 2012, 12:16 · #
@thinkabout, hättest du geschrieben, dass alle Tennis spielen, jeder Tennis zum Leben braucht, wäre mir aufgefallen, dass ich lebe und kein Tennis spiele. Wenn du immer weiter “alle” schreibst, sag ich mal, dass was nicht stimmt. Das ist keine persönliche Abgrenzung, sondern die Person als Beleg in der Sache. Ich bin nicht der Werwolf aus Morgensterns Gedicht.
Um Deutschland mach dir keine Sorgen. Keiner verwehrt dort mehr patriotische Freuden. Ich meinte nicht die Besonderheit Deutschlands (es haben so viele Völker Leichen im Keller), ich meinte die der Schweiz. Die ist klein und hat vier Sprachen und große Berge und es ist leicht, Individuum zu sein. Ich mag die Schweizer nicht verklären, aber mir gefällt ihre fürstenlose Tradition der Teilhabe, direkten Demokratie und Eigenständigkeit. Ich habe, wenn Schweizer ihre Athleten anfeuern, ein anderes Gefühl, als bei den Stadionbildern aus Nordkorea, wo Tausende mit ihren Leibern perfekte Führerbilder formen.
Thinkabout · 30. Juli 2012, 13:04 · #
@Dirk
Das lass ich doch gerne alles so stehen. Auch als Schweizer – und Teil eines kleinen “Alle”.
Stefan Wehmeier · 31. Juli 2012, 23:04 · #
“Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. (1943)
Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht.
Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.
Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen.
…Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.
…Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.”
Als Theologe konnte Dietrich Bonhoeffer nicht wissen, dass die Ursache der Dummheit die Religion ist. Die Befreiung von der Religion nennt sich “Auferstehung”:
http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html
Thinkabout @Stefan Wehmeier · 31. Juli 2012, 23:53 · #
Es ist durchaus interessant, was Sie zitieren, aber auch, wo Sie aufhören.
Den ganzen Text kann man zum Beispiel hier lesen:
akademie integra
korrekte Quellenangabe:
Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von E. Bethge. TB Siebenstern. Gütersloh 1985. S. 14 f.
Weiter schreibt Bonhoeffer: […] Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111, 10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist. […]
Dass Gottesfurcht der Anfang der Weisheit und entsprechend freien Denkens sei – das einem nicht Glaubenden zu erkären zu versuchen, das ist chancenlos. Ein Blick auf das Leben Bonhoeffers könnte immerhin darauf neugierig machen. Denn jenseits jedes intellektuellen Diskurses gibt es auch die Ebene des Beispiels und einer Überzeugung, die gefühlt werden kann – und aus der dann der klare Geist Sätze findet.
Menachem · 9. August 2012, 22:08 · #
dann würde ich noch gerne zum nachwirken dazustellen:
“Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.”(Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer)