Reisen und Leben mit Orientierung
GPS und Google-Map statt Strassenkarte und Distanzrädchen – die neue Reiseplanung als Beispiel für Generationenwechsel im Informationszeitalter. Und die Krux, die Jung und Alt damit haben können – oder müssen.
Alle paar Jahre – mehr ist es zur Zeit wirklich nicht mehr – besuchen wir Freunde in Frankreich – und jedes Mal diskutieren wir angeregt über den bestmöglichen Weg für die Autofahrt. Und welcher dass kürzer und besser sei. Da das anzuvisierende Örtchen nicht gerade ein urbanes Zentrum ist, sondern ziemlich in der Pampa liegt und folglich mehr als die Hälfte des Weges nicht über die Autobahn führen kann, lässt sich darüber gar trefflich und endlos diskutieren.
Doch nun bekommen diese Gespräche ganz neue Grundlagen. Im Zeitalter von Google-Maps und GPS-Navigationssystemen lässt sich ja nun online vergleichen und programmieren und dann praktisch verifizieren, dass es eine wahre Freude ist, zumindest theoretisch. Denn real bleibt, und das ist ja doch auch irgendwie tröstlich, das subjektive Empfinden über die Bequemlichkeit massgebend. Vor allem, wenn die zwei meist diskutierten Routen, die der Freunde und unsere eigene, im Ergebnis eines ganzen langen Reisetages 40 km und zehn Reiseminuten auseinander liegen. Laut Google-Map.
Wie ich also so über die Google-Karte fahre, für eine Variante mit der Maus ein bisschen ziehe und – zack – die neue Route über den neuen Via-Punkt geführt wird und mich das Ergebnis visuell und numerisch anspringt, bleibt mir die Faszination über die heutigen technischen Möglichkeiten, von der Bebilderung etc. gar nicht erst zu reden. Und gleichzeitig beschleicht mich das immer wieder komische Gefühl, wie unaufhaltsam wir wohl im Begriff sind, eine neue Klassengesellschaft einzuführen, die mindestens die Unterschiede der Generationen verstärkt: Die älteren Menschen bekommen so schwer so Vieles noch mit, was uns möglich ist und wir (noch) einigermassen leicht lernen, sofern es uns denn wirklich interessiert.
Wenn ich daran denke, dass unser Alltag von immer individuelleren und singuläreren Wohn- und Lebensformen geprägt ist, so wird es darin auch immer weniger Berührungspunkte zwischen den Generationen geben – und damit auch immer weniger Hilfe.
Vielleicht ist ja dies ein Trost: Ich werde morgen mein GPS im Auto zu programmieren versuchen für eine längere Strecke, ebenfalls mit verschiedenen Check-Punkten. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit ich in die Bedienungsanleitung des Navigationssystems schon gesteckt habe und wie vertrackt das morgen vielleicht trotzdem noch sein wird, dann bleibt am Ende die Vermutung, dass das gefühlte Wohlbefinden und das “Fahren wie schon immer” vielleicht am Ende weniger schnell und ein wenig mit Kartenlesen verbunden sein wird, aber bestimmt nicht weniger Zeit verschluckt als mein Ansatz. Dafür werde ich meine Neugier an neuer Technik befriedigen können und meine Faszination für die Möglichkeiten erweitern. Ob damit das Beispiel als Ganzes relativiert wird?
Mir graut manchmal vor meinem eigenen Älterwerden. Wie schnell werde ich das Gefühl haben, mich nicht mehr wirklich auszukennen? Was muss das z.B. für ein Gefühl sein, am TV eingeblendet zu sehen und zu hören: Für nähere Informationen konsultieren Sie bitte unsere Web-Seite www.xy.ch. Und keine Ahnung zu haben, was das soll. Und das passiert den alten Menschen häufig. Und, notabene, auch beim Schweizer Fernsehen. Das sind die mit dem theoretisch öffentlichen Informationsauftrag.
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Bildquelle: Ein anderes Beispiel, ein schönes, für Web2.0 im Alter: styropor.ch
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Menachem · 22. Mai 2008, 18:43 · #
Auch mir graut manchmal vor dem Älter werden. Aber ich glaube, wenn ich meinen 89 jährigen Vater anschaue, daß der Navi für ihn keine Bedeutung mehr hat, auch der andere neumodische Gram nicht. Am meisten braucht er fern ab aller Schnelligkeit dieser Welt eins: Zuwendung, Hilfe, Unterstützung. Und davor graut mir, wenn ich einmal alt bin, wenn in der Schnelllebigkeit dieser Welt hierfür niemand mehr Zeit hat.
Thinkabout · 22. Mai 2008, 21:51 · #
Ja, Menachem, da graue ich mit. Dazu kommt, dass wir selbst wahrscheinlich gerade daran sind, zu verlernen, um Hilfe zu bitten. Vom Staat, von der Institution fordern, was einem zusteht, das ist eines. Aber den Nachbarn darum bitten, einem die schwere Tasche hoch zu tragen oder den Video zu programmieren?
Titus · 23. Mai 2008, 01:28 · #
Um Hilfe zu bitten ist eines. Hilfe angeboten zu bekommen ist nochmals etwas anderes. Heute achtet doch kaum mehr jemand auf den anderen. Und obwohl der/die Andere eindeutig Hilfe bräuchte, kümmert’s niemanden. Man geht seinen Weg… :-(
Zu Google Maps: Was mir ebenfalls graut, ist das, was, im angegebenen Link hinter meinem Namen so amüsant dargestellt wird: Der gläsern “User”. Wir haben schon heute vergessen, wie wir mit all unseren funkgesteuerten Geräten überall unsere “Spuren” hinterlassen. Das wird sicher nicht abnehmen…
Und schliesslich drängt uns die moderne Technik auch noch in einen Glaubenskonflikt: Sollen wir nun dem Weg folgen, welcher das GPS angibt oder jenem Weg, der ausgeschildert ist (und in den letzten Jahrzehnten immer problemlos funktionierte)? Glauben wir der Technik mehr als dem, das durch Menschenhand angegeben wurde?
Nun, trotzdem alles Gute auf Deiner Fahrt, Thinkabout.
SeelenLeerer · 23. Mai 2008, 18:01 · #
Apropos Glauben,
Vorsicht bei Goggles Zeitangaben,
die stimmen leider zur Zeit nicht.
Marianne Gautschi · 23. Mai 2008, 21:10 · #
Auch ich gehöre eigentlich, mit 74 Jahren, zu den Alten.Aber da ich schon früh anfing, mich für alles Neue zu interessieren, da ich neue Techniken liebe, fühle ich mich noch gar nicht alt. Es liegt doch nur daran, neugierig zu bleiben, interessiert und den Kontakt mit den Jungen (Enkeln) zu pflegen. Das Alter kann uns sehr viel geben, nicht mit Geld, wer hat davon schon zuviel? – sondern durch die freie Zeit und die Art und Weise, wie man sie gebraucht.
Menachem · 24. Mai 2008, 22:36 · #
Ich finde das klasse, was du schreibst, Marianne. Auch wenn ich es nicht sehr qualifiziert ausdrücken kann, glaube ich. “Wir sind, was wir denken”
Thinkabout · 25. Mai 2008, 17:22 · #
@Marianne:
Wie Menachem bin ich von Deinen Worten angetan. Und da ich Dich schon ein bisschen länger “kennen darf”, ist mein Erstaunen über Dein Alter an Jahren gross. Wie sehr kann ich also unterschreiben, was Du sagst! Und gleichzeitig kommt mir der Gedanke:
Wie, wenn das Alter einem hilft, gelassen zu sein vor dem eigenen Unbehagen, etwas vielleicht nicht so gut zu können oder länger zu benötigen, um es zu lernen? Und wie, wenn das Alter es einem leichter macht, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und einen ermuntert, so ganz für sich ganz ungeniert das wirklich Wichtige (und Spannende) zu wählen!?
Marianne Gautschi · 25. Mai 2008, 21:14 · #
@Thinkabout:
ich weiss nicht, ob ich es gelassen hinnehmen werde, wenn ich einmal lange benötige, um etwas zu lernen. Noch geht das sehr gut. Schlimmer ist es, wenn der Körper nicht mehr so will. Da spüre ich sehr wohl meine Jahre. Nur, da ich weiss, dass dies normal ist, kann ich mich damit abfinden. Du hast aber recht, je älter man wird, umso leichter trennt man Wichtiges von Unwichtigem. Ich werfe dauernd Ballast ab. Menschen, die mich enttäuscht haben. Arbeiten, die nicht wichtig sind etc. Ein tolles Gefühl.