Scheinbare Toleranz oder echte Akzeptanz?
Nun ist also eingetreten, was ich vermutet habe. Die Minarett-Initiative ist angenommen worden, und ich spüre schon nach nur 24 Stunden eine veritable mentale Erschöpfung angesichts der Herausforderung, meine Geisteshaltung zu erklären und auszuführen, die nicht nur Schwarz oder Weiss kennt und sich nicht den liberalen Umhang geben mag, mit dem man auf geistigen Höhenzügen reiten kann.
Ich fühle mich müde. Ausgebrannt. Ein wenig hilflos auch. Aber mutlos? Dazu besteht kein Grund, eigentlich nie. Es gilt nur, sich zu vergegenwärtigen, was uns alle verbindet, die wir uns Religionsfreiheit wünschen, weil wir in diesem Raum die für uns existenziellen Fragen untersuchen können. Mich verbindet mit den Gläubigen aller Religionen und den Anhängern aller Philosophien nicht ein Antwortkatalog, aber sehr wohl die Palette vieler geteilter Fragen – auf die wir, wenn wir für uns allein der flüchtenden Zeit gegenüberstehen, nicht wirklich die letzte Antwort haben können.
In den verschiedensten spirituellen Ausgestaltungen unseres jeweils persönlichen Glaubens liegt eine Vielfalt, wie sie auch in unseren unterschiedlichsten Charakteren abgebildet wird. Und doch scheint mir, dass wir nirgends so eng zusammenrücken könn(t)en wie in der spirituellen Kontemplation:
Jenseits aller Reibungsverluste im unnötigen Streit, wessen Gott denn die Wahrheit spreche, könnten wir jene Wahrheiten tiefer ergründen, die Erkenntnisse aller Religionen sind. Es liesse sich der Respekt leben, der zuhören lässt, es liesse sich gemeinsam studieren, gar beten oder meditieren. Wer nach der Zeit fragt und jene Gelassenheit lernt, die nicht mal mehr der Leere einen Raum zuweisen muss, will nicht mehr Recht haben vor anderen, sondern den Frieden in sich selbst vertiefen. Und er wird auf dem Weg dahin alle achten und ehren, die ihm dabei ein Stück weit Begleiter sind. Egal, welchen Bergführer diese Menschen auch selbst als den besten für sich erkannt haben.
Und darum denke ich in diesen Minuten an die Fremdenführer, die uns an den entlegensten Orten der Welt in ihre Gotteshäuser begleitet haben und mit Demut, Würde, aber ohne jeden bedrängenden Eifer die Welt ihres Glaubens erklärt haben. Und ich sehe mich auf Teppichen sitzen, an Altären kauern, Lithurgien lauschen, und mir wird in diesen Minuten klar, welches Geschenk ich dabei erhalten habe.
Ja, ich wünsche mir eine Schweiz, in der alle Religionen in friedlicher Koexistenz leben können, ich wünsche mir Minarette, die genau so selbstverständlich gebaut werden wie Kirchtürme. Warum habe ich geholfen, es zu verhindern?
Weil ich glaube, dass wir für diesen hohen Anspruch noch nicht so weit sind. Man mag es glauben oder nicht: Gäbe es die Kirchtürme noch nicht und bestünde dafür ein Bedürfnis, so erginge mein Stopp-Ruf nach beiden Seiten: Es ist keine Einbahnstrasse. Wir müssen mehr wissen wollen. Ohne Angst. Mit offenen Händen. Wir brauchen aber auch die selbstbewusste, Vertrauen aufbauende muslimische Gemeinschaft, die sich nicht nur erklärt, sondern einbringt und an unserer Welt mit arbeitet. Und wir brauchen den Mut und die religiöse Empathie aller, die mit religiösen Welten in Kontakt kommen, dass wir die entsprechenden Bedürfnisse ernst nehmen, sie aber auch auf Ihre Toleranzwerte überprüfen. Die Toleranz kann nicht nur ein Dulden sein. Integration bedeutet Akzeptanz. Weniger sollte nicht das Ziel sein.
Sind wirklich Türen zugeschlagen worden? Wenn sich einmal der Rauch der verbalen Pulverdämpfe verzogen hat, wird sich zeigen, ob wir nur Türen zugedrückt haben, oder ob es auch gelingt, wach- und aufzurütteln und durchaus gemeinsam für den freien Austausch und das Miteinander Neues anzugehen. Keiner der Teilnehmer an den Diskussionen, die ich in den letzten Wochen bestritten habe, hat sich als Muslim offenbart oder eine besondere Nähe zu muslimischen Kreisen offenbart. Wir werden aber genau dies brauchen: Menschen, die Toleranz, ja eben gar Akzeptanz leben und von einander wissen wollen.
Weniger geht nicht. Auch für die vehementen Ablehner der Minarettverbots-Initiative nicht.
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Claudia · 30. November 2009, 22:44 · #
Dass du etwas erschöpft bist, wo nun den ganzen Tag die Reaktionen kamen, kann ich verstehen! Aber dein Beitrag hier ist wichtig und ich finde toll, was du für eine differenzierende Diskussion ermöglicht hast. Und mutig, selber so Stellung zu nehmen.
Mich persönlich ärgert, zu erleben, wie dieses “Ereignis” schon zu ganz anderen Zwecken benutzt wird: nämlich um die Schweizer Art direkter Demokratie zu verunglimpfen und – wegen “radikaler” Ergebnisse – als das Falsche hinzustellen. Das muss wohl sein in diesen Zeiten, in denen sich viele Netizens ähnliches wünschen und über (natürlich social-media-gestützte) Verfahren und Erprobungsfelder nachsinnen!
Zur Sache noch: ich finde, es geht gerade NICHT um Religion bzw. religiöses Empfinden, jedenfalls nicht von Seiten vieler Minarett-Ablehner. Sondern um lebensweltliche Ängste, dass demnächst “ganz demokratisch” immer islamischere Gesellschaften entstehen und die persönlichen Freiheiten und Gepflogenheiten mitteleuropäischer Kultur verloren gehen könnten.
Man streitet doch nicht um Gott, um Gebetsformen oder Meditationsweisen, sondern um Zwangsehe, sexuelle Freizügigkeit, Frauenrechte, “Ehrenmorde” und andere krasse Diskrepanzen, die natülich nicht von allen Muslimen befürwortet werden, aber doch von etlichen. (Der Kopftuchstreit ist ein dem Minarettstreit völlig vergleichbarer Akt). Das kocht dann bei Gelegenheit so einer Abstimmung alles in einem Topf hoch… so denk ich mir das jedenfalls.
“Keiner der Teilnehmer an den Diskussionen, die ich in den letzten Wochen bestritten habe, hat sich als Muslim offenbart oder eine besondere Nähe zu muslimischen Kreisen offenbart.”
Ich vermisse auch im Web eine Plattform, auf der man miteinander und nicht übereinander spricht. Man sollte denken, dass es das mittlerweise geben müsste!
goggi · 30. November 2009, 23:06 · #
“in der Minarette genau so selbstverständlich gebaut werden wie Kirchentürme” Ich hoffe du stellst die Bedeutung der beiden Türme nicht auf die gleiche Ebene. Genauso wie Miarette hier verboten sind, sind es Kruzifixe anderswo. Ich finde, man sollte nicht den Umstand diskutieren, dass das Verbot beschlossen wurde, oder wie man dieses Zeichen, oder Signal deuten soll, sondern einfach weiter die 1000 anderen Schritte weitergehen die in Sachen Integration gegangen sind und dabei die Bedürfnisse der 1,5 Millionen Ja-Stimmen nicht ganz vergessen. Demokratie bedeutet zwar schon auch, die Minderheiten zu schützen. Die Mehrheiten sind ja aber auch noch da.
und ja, ich bin auch müde.
Menachem · 30. November 2009, 23:38 · #
Nein, kein Kommentar mehr.
Ich möchte mich aber den ersten Worten Claudia`s hier anschließen und danke dir für dein Engagement, dass wir hier auf deiner Seite diese Diskussion führen durften.
Thinkabout @ Menachem · 30. November 2009, 23:46 · #
Nach meinem Willen wird es in den kommenden Monaten weitere Artikel zu dem Thema geben. Und sie sollen fortsetzen, was hier erst angedacht wurde. Menschenfreundlich, aber verbindlich für das Zusammenleben, das dieses Wort verdient. Mit echtem und ehrlichem Interesse an Neuem und Fremdem. Ich bin bereit, mein Haus zu öffnen. Auch für Gastbeiträge. Wir werden sehen.
Anna · 3. Dezember 2009, 11:41 · #
Mir fiel die Entscheidung nicht leicht in dieser Abstimmung. Den Ausschlag gegeben hat schlussendlich das Unbehagen darüber, dass sich eine Partei, die sich bisher ausnahmslos in jeder Abstimmung über Frauenfragen gegen die Frauen gestellt hat, sich auf einmal in nur allzu offensichtlichem Opportunismus die Gleichberechtigung gross auf die Fahne geschrieben hat. Und auch dieses Mal hat sie sich nicht etwa für die Frauen eingesetzt – sondern den Schweizer Frauen geradezu angedroht, bei einer Ablehnung der Initiative würde bald der Kopftuchzwang, die Ungleichberechtigung und die Scharia auch für sie gelten.
Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, einer Partei mit einem JA Unterstützung zuzusichern – die selbst alles andere als ein leuchtendes Beispiel von Gleichberechtigung, Toleranz oder Akzeptanz abgibt. Die einfache «Lösungen» für komplexe Probleme anbietet, die nicht funktionieren, ihr aber oftmals eine breite Zustimmung und Erfolg bei den nächsten Wahlen sichern.
Mir graut vor einer zunehmenden SVP-Isierung, denn eine zunehmende Toleranz oder gar Akzeptanz verschiedenster Lebensformen ist von dieser Seite nicht zu erwarten – weder im Bezug auf Frauenfragen, Ausländer, Behinderte oder anderen Minderheiten. Weil aber ihr Modell der Radikalisierung offensichtlich so gut funktioniert, schliessen sich nun auch FDP und CVP mit weiteren diskriminierenden Forderungen an. Ist das wirklich die Art und Weise wie wir in der Schweiz Probleme lösen wollen? (Zumal viele der für den Abstimmungskampf verwendeten Forderungen, wie beispielsweise “Schwimmunterricht gilt für alle” ja bereits gesetzlich festgelegt – und damit hinfällig sind)
Ich verneine nicht die bestehenden Probleme, aber ich sehe die Lösung an anderer Stelle als in fortschreitenden Verboten (zuerst das Minarett, dann Kopftuch, dann Friedhöfe…)