Schwäbische Ignoranz und ein Konter
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Und noch eine letzte Begebenheit von meinen kürzlichen Bahnfahrten. Ich hatte es da wirklich immer mal wieder mit Ausflüglerinnen mittleren Alters zu tun. In diesem Fall schienen die vier Damen auf der anderen Seite des Ganges von einer Tagung einer NGO-Organisation zu kommen, wobei ich über deren Ziele nicht mehr aufschnappte, als dass es sich wohl um Umweltfragen handelte.
Man bekommt ja so einiges mit in den offenen Wagons des ICE, und in diesem Fall habe ich mich auch in keiner Weise dagegen gewehrt, zumal die sich mir anbietende Feldstudie durchaus interessant war und von mir in aller Ruhe und Offenheit vorgenommen werden konnte, da das heitere Grüppchen doch ausnehmend einnehmend ausschliesslich mit sich selbst beschäftigt war. Das Faszinierende für mich war die Vielseitigkeit der Interessen, die hier wach zu Tage traten: Ich habe sonst nur Teenager so angeregt über die technischen Möglichkeiten des neuen Handys referieren hören, während diese sich dafür sehr viel weniger engagiert im nächsten Atemzug einem Zustandsbericht der neusten Strickarbeit zuwenden dürften. Und dann wurde wieder darüber gestritten, wie hinderlich oder förderlich die Sitzungssprache Englisch für die Tagung gewesen sein dürfte. Das alles in breitestem Schwäbisch vorgetragen, amüsierte mich nicht wenig, und manchmal muss das Lächeln in meinen Mundwinkeln doch etwas gar deutlich auszumachen gewesen sein, auf jeden Fall war man sich gegenseitig nicht gerade unsympathisch, ohne dass ich mich in die Konversation eingemischt hätte.
Das änderte sich dann allerdings kurz vor Basel relativ schnell und brüsk, als den Damen klar wurde, dass ich Schweizer war (und bin). Plötzlich war sie da, die erste Bemerkung über die Schweiz und uns Schweizer, und wie geschickt wir es anstellen würden, vom “Fluchtgeld” der Nachbarländer zu leben, während wir zudem in unserem Verhältnis zur EU nur nach den Rosinen picken würden.
Da traf es sich doch wunderbar, musste ich eh’ gleich aussteigen, wobei ich die Gelegenheit benutzte, das Wegräumen der Lektüre, den Griff zum Mantel und das Herunterwuchten der schweren Tasche mit einem kleinen, bewusst mit fester, um nicht zu sagen, lauter Stimme vorgetragenen Referat zu untermalen, in dem ich den selbstgefälligen Tanten (ich bitte um Entschuldigung, aber nur halbwegs) ein paar Fakten um die Ohren wehen liess:
Dass die scheinbare Einigkeit in der EU wohl nicht so ganz besonders gut aussähe, würde das Volk aller Mitgliedländer so eingehend zu Europa und zum Zusammenleben unter einander befragt werden, wie das in der Schweiz nun zum wiederholten Male geschehen sei, immer mit positivem, Europa zugewandtem Ergebnis. Oder ob vielleicht das Damenkränzchen hier so sicher sei, dass der erweiterten Personenfreizügigkeit (mit Einbezug von Bulgarien und Rumänien) 60% der Deutschen zugestimmt hätten, explizit vielleicht gar, präzisierend, 60% der ach so schaffigen Schwaben? Und ob es wohl in Deutschland möglich wäre, dass man in einem auch im eigenen Land lebendigen Steuerwettbewerb eine Gemeindeversammlung fände, die einer Steuererhöhung von 6%, so zum Beispiel, zustimmen würde? Bei uns wären die Menschen sich eben gewohnt, nach Ihrer Meinung gefragt zu werden und dafür dann auch Verantwortung für eine Art Gemeinsinn und Gemeinschaft zu übernehmen. Und deshalb würden wir umgekehrt eben Wert darauf legen, dass Föderalismus UND Zusammenspiel in dieser Gemeinschaft von Parlamentariern vertreten würden, die wir in Persönlichkeitswahl bestimmen könnten – und nicht nur nach dem Parteibuch. Oder, darf ich fragen, ob eine der Damen hier mir vielleicht sagen kann, wie wenigstens einer der Parlamentarier heissen könnte, der genau ihre Interessen in Brüssel vertrete?
Mit einem Kreuzchen alle vier Jahre, werte Damen, geben wir uns eben nicht zufrieden. Das hat mit Demokratie, nach unserem Verständnis, mit Verlaub, gar nix zu tun. Und vielleicht reagieren wir auch deswegen so empfindlich auf den technokratischen Zentralismus, den der Parlamentsmoloch in Brüssel ausstrahlt?
Offene Münder allenthalben, alles sind froh, muss ich aussteigen. Ich auch. Auf dem Bahnsteig greift neben mir ein junger Mann nach seinem Koffer und sagt trocken, aber herzhaft: “Danke!”
Dann machen wir, dass wir weg kommen. Wir sind bald zu Hause. Er in Basel, ich in Zürich. Das birgt genügend Reiz zu Gegensätzen. Aber hier waren wir uns einig. Völlig einig.
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Titus · 25. Februar 2009, 02:33 · #
Schon oft hatte ich für mich gedacht, dass wir wahrscheinlich die grösseren EU-Befürworter sind als die EU-Bürger selbst. Ich mein’ das jetzt nicht schulterklopfend.
Es geht dabei auch oft vergessen, dass wir – sollte ein Thema auch EU-Recht tangieren – uns ohnehin und schon lange an der EU ausrichten, können wir es uns ja auch nicht erlauben, einen Sonderzug zu fahren. Sich nach dem EU-Recht auszurichten ist wahrlich keine Rosinen-Pickerei, wohl eher eine bittere-Pille-Schluckerei. Denn: Im Gegensatz zu den EU-Ländern können wir nicht mitwirken und kein Veto erheben (oder eine EU-Verfassung mit einer Volksabstimmung zum Scheitern bringen – von wegen Rosinen-Pickerei…).
In der aktuellen Diskussion rund ums Bankgeheimnis, welche ohnehn schon längst fällig war, schiesst man auch nur gegen die Schweiz – und schaut an den zur EU gehörenden Steueroasen vorbei (z. B. Österreich, siehe 10vor10 vom 24.02. oder die zu Grossbritannien gehörenden Cayman Islands). Immer gegen die kleinen Dicken ;-)
Wir hierzulande brauchen wohl einfach diese “Separatisten-Rolle”, obschon wir deswegen wohl nicht unbedingt besser fahren. Und was ist die Motivation der EU-Länder, immer etwas neidisch auf die Schweiz zu blicken?
gabriele · 25. Februar 2009, 20:47 · #
I sag do wieder amol herzlich Danke für den Konter Thinkabout.
Wie recht Du hast und Titus auch.
Gruß vom Schwäble Gabriele
mit einem breiten Grinsen im Gesicht, trotz des Ernstes Deiner Worte, erlaube ich es mir;-)
Thinkabout · 25. Februar 2009, 22:26 · #
Nu, man kann ja reden miteinander, Gabriele, und das macht eben alles einfacher. Nur so kann man auch von einander lernen und einen anderen Blick auf Dinge werfen.
Admiral Golowko · 26. Februar 2009, 11:08 · #
“und wie geschickt wir es anstellen würden, vom “Fluchtgeld” der Nachbarländer zu leben, während wir zudem in unserem Verhältnis zur EU nur nach den Rosinen picken würden. “
Dies ist in der Tat eine dümmliche und überhebliche Bemerkung, da ist viel Neid auf die Eigenständigkeit und den gesellschaftlichen (und eben gerade nicht ausschliesslich materiellen) Wohlstand der Schweiz mit enthalten.
Viele Deutsche leben gefühlt immer noch in der alten EU 15…und nicht in der neuen EU 27.