Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Sind Sie Kunde oder Mensch?

∞  18 April 2010, 18:56

Wer denn nun die Profiteure der modernen neuen Arbeitswelt wären, wird oft gefragt. Fragt man Wirtschaftsverbände, so hört man eines eher früher als später:
Der erste Profiteur ist der Kunde.
Danach profitiert der Kunde vom immer grösseren Angebot (aus der ganzen Welt, Globalisierung sei Dank) zu immer billigeren Preisen.

Das Argument hat, betrachtet man es als stichhaltig, durchschlagende Wirkung: Da wir alle Konsumenten und damit Kunden sind, sind wir also die Profiteure – und müssen anderseits die Nachteile in Kauf nehmen, die da sind: Fehlende Jobsicherheiten, höherer Leistungsdruck, steigende Anforderungen an die mobile und ausbildungsmässige Flexibilität: Wenn wir problemlos und gern in der ganzen Welt Ferien machen und entsprechend lange Reisen machen, so müssen wir auch betreffend Arbeitsplatz flexibler werden. Es gibt für niemanden den Fünfer und das Weggli. Ich will mich hier mal auf die Qualität des Wegglis konzentrieren, sprich danach fragen, wo denn mein Profit als Kunde liegt?

Der Kunde als Profiteur der Globalisierung? Wir kriegen immer mehr immer billiger zu kaufen. Nur: Was war zuerst? Unser Anspruch nach Mehr? Oder der Wunsch der Industrie und des Handels, mehr verkaufen zu können? Es werden doch Unsummen darin investiert, die Präferenzen des Kunden in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wer nicht blöd ist, kauft billig, und wer verantwortungsvoller Familienvater ist, kauft einen SUV mit viel Blech für die Sicherheit der eigenen Familie in der Stadt. Marken versuchen, mit einem hohen Anspruchsdenken, einer hohen Konsumbereitschaft und Statuspflege höhere europäische Fertigungskosten mit mehr Qualität zu rechtfertigen. So werden hiesige Arbeitsplätze gesichert. Aber beständig bleibt nur ein Kostenfaktor im Verkauf: Das Marekting. Marken wie Nike geben unter Umständen mehrere zig Prozent des Umsatzes für neue Werbung aus. Autowerbung ist allgegenwärtig. Funktioniert das, so bleiben die Preise hoch. Der Margendruck aber nimmt nicht ab, oder er wird durch noch mehr Profitstreben hoch gehalten: Hohe Preise garantieren im Endeffekt keine europäischen Arbeitsplätze. Sondern sie schieben die Verlagerung nur auf. Am Ende wird der Prozess nie aufzuhalten sein, wonach das beste Produkt am billigsten Ort produziert wird. Knowhow kann überall adaptiert werden. Zusätzlich unterstützt wird das duch das Kundenverhalten, das wir an den Tag legen und das gefördert wird: Wir wollen immer schneller immer Neues. Was heute hip ist, ist im Idealfall schon morgen kalter Kaffee. Eine Firma, die hochwertige Digitalkameras herstellt, muss deswegen noch lange nicht auch einen Reparaturservice in Europa unterhalten. Oder im einzelnen Land. Die Rechnung ist oft einfach und schnell gemacht: Neu ersetzen ist billiger als reparieren. Das ist dann zum Vorteil des Kunden, für mich, wenn ich ein neues Teil auf Garantie bekomme. Gleichzeitig aber wird Schrott produziert, wird zementiert, dass es ein Reperaturhandwerk nicht mehr braucht – und wenn ich meine Kamera reinigen oder überholen lassen möchte, gibt es bald keine Fachleute mehr, die das machen können. Zu teuer. Kaufen Sie eine neue Kamera. Sie kostet heute nur noch die Hälfte von dem, was die ihre vor drei Jahren gekostet hat.

Zum Wohle des Kunden? Wo führt uns dieses Wohl hin? Wollen wir uns wirklich unsere Arbeitswelt in dieser Weise diktieren lassen, indem wir genau diese Kunden sind? Natürlich wird uns gesagt, dass es uns allen schlechter gehen wird, wenn wir nicht Motor des Wachstums sind, das ja in jedem Fall ein Wachstum sein muss, das auf schnellerem Verschleiss oder steigenden Ansprüchen gründen muss.
Und wir machen das ja mit. Allmählich verschwinden die Haushaltgeräte im Stile eines Hooverstaubsaugers. Das Ding war aus Eisen, Metall, mit Dichtungen für die Ewigkeit. Irgendwann hatten zu viele einen Staubsauger, der noch immer nicht defekt war. Schauen sie sich die Dinger heute an! Plastik kann so schöne Farben annehmen.

Praktisch alles, was Sie besitzen, ist darauf ausgelegt, so lange zu halten, dass sie nicht wütend werden, wenn es auseinander fällt – aber ja nicht länger. Und Design begründet neue Bedürfnisse. Das Marketing nimmt neue Themen auf und befriedigt mit viel innovativem Schein das sich meldende neue Bewusstsein. Darum fühlen wir uns alle besser, wenn wir einen Geländewagen mit Hybridantrieb fahren. Es gibt doch noch Hoffnung, dass wir vernünftig werden und die Wirtschaft jene Produkte verkauft, für welche die Wissenschaft zur Erhaltung der Welt die Grundlagenforschung betreibt. Es sei denn, sie wird von dieser Wirtschaft finanziert…

Wenn die Wirtschaftsverbände davon überzeugt sind, dass der Kunde profitiert und profitieren muss, weil er bekommt, was er verlangt, dann ist das für sich bestimmt nicht falsch. Es ist das Wirtschaftsmantra der freien Marktwirtschaft.
Aber es ist auch entlarvend. Denn hinter dem Kunden sieht die Wirtschaft nicht den Menschen. Sondern den Konsumenten. Dass das nicht das gleiche ist, das müssen allerdings wir selbst erkennen – und uns entsprechend verhalten. Und wir sollten alle im Kleinen anfangen und nicht auf die grossen Veränderungen warten. Das bedeutet dann nämlich zumindest, dass wir ein etwas anderes Bewusstsein schärfen können, da, wo wir Einfluss haben: Bei unseren Kindern, in unserer unmittelbaren Umgebung. Angenehmer Nebeneffekt: Wir merken dabei schnell, wie gross unsere Unwissenheit ist. Und schon wünschte man sich ein bisschen was von dieser Demut in den höheren Etagen…




  1. Claudia Klinger · 20. April 2010, 09:06 · #

    “Die Wirtschaft” sind allerdings auch “wir alle”, nämlich als Arbeitende und Hersteller von Produkten und Dienstleistungen. Und da Technik fortwährend menschliche Arbeit verüberflüssigt, muss immer neue und immer mehr Arbeit entstehen, damit möglichst viele “in Arbeit bleiben”: also neue und immer kurzlebigere Produkte, immer mehr Marketing und Werbung etc. usw. Auch weltweit wollen Menschen nicht mehr Landwirtschaft betreiben, sondern etwas vom Kuchen abhaben, der ein besseres Leben verspricht. Arbeit, Arbeit, Arbeit….
    Man fragt sich z.B., warum so ein 25%-prozentiger Produktionsrückgang wie in der Krisen-geschüttelten Auto-Industrie nicht ganz gelassen gekontert wird, indem alle eben nur 75% arbeiten, bei 75% Lohn. Das sind schließlich keine Hungerleider, die am Existenzminimum knabbern, sondern gute mittlere Einkommen.
    Warum geht das nicht? Weil alle jede Lohnsteigerung sofort ausreizen und den Lebensstandard entsprechend erhöhen – daran hat man sich dann gewöhnt und empfindet es als Katastrophe, wenn plötzlich ein Viertel wegfällt.

    So hängt leider alles mit allem zusammen und wir erzeugen eine immer wertlosere Produktwelt, deren vorderste Aufgabe es ist, schnell in Müll überzugehen. Damit weiter konsumiert wird und weiter “verbraucht”, damit weiter gearbeitet werden kann…

    Völlig irre, aber Realität.


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