Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Staunen statt wundern

∞  13 Mai 2010, 20:58

Glauben Sie an Wunder?
Eigentlich möchte ich anders fragen: Kommen in Ihrem Leben Wunder vor?

Können wir darüber überhaupt diskutieren? Was ist denn für Sie ein Wunder? Ein Phänomen, das Sie nicht erklären können, das objektiv physikalisch nicht erklärt werden kann?

Es gibt eine nüchterne, rationale Weise, wie wir über nicht erklärbare Phänomene diskutieren können. Und es gibt eine subjektive Empfindung, eine Wahrnehmung, eine Art, wie wir emotional, aufgebrochen und seelisch offen, scheinbar vielleicht Rationales gar nicht anders erklären können oder mögen – als schlicht so: Was ich erlebt habe, ist ein Wunder.

Ein Arzt kann ganz genau erklären, was bei einer Geburt geschieht. Er kennt die biologischen Mechanismen, die medizinische Begleitung, hat ein Wissen von Risiken und Wahrscheinlichkeiten, weiss nüchtern, was geschieht, kann den Vorgang in verschiedenste Phasen aufteilen. Und dann erlebt er als Vater die Geburt seines eigenen Kindes mit, und diese Geburt läuft genau so ab, wie sie ablaufen sollte. Alles ist “logisch” erklärbar, ist “bekannt”. Aber für ihn ist es ein Wunder.

Gott sei Dank, ist es das. Es bedeutet nämlich nichts anderes, als dass die Regel, die wir in den Dingen erkennen, diese Dinge nicht entzaubern kann. Es gibt auch das Wunder der Ordnung – und stets das Geschenk des Augenblicks, die Beglückung, die da sagt: Dass das gerade jetzt gerade mir geschieht, geschehen darf?

Wunder ziehen täglich an uns vorbei. Auch das wissende Auge kann sie sehen – und in allem erkennen. Nichts ist so bekannt, dass es nicht zum Wunder werden könnte. Denn nichts muss selbstverständlich sein oder werden.

Ich bin nicht dafür, diesen Begriff inflationär zu gebrauchen. Ich will ihn nicht verharmlosen, verniedlichen, und auch nicht auf die blosse Wahrnehmung dank ein bisschen mehr Achtsamkeit reduzieren. Aber ich sage zum Beispiel gern, dass es mir als Wunder erscheint, zu bestimmten Zeitpunkten auf bestimmte Menschen gestossen zu sein. Das Wunder der Begegnung ist mir immer wieder wie eine Gotteshand, die mich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort stellt – und jemand anders auch.
Ja: Wenn es dazu führt, dass wir staunender und dankbarer werden, dann bin ich dafür, dass wir uns mehr wundern dürfen. Falsches Wort eigentlich: Wenn wir uns wundern, dann sagen wir eigentlich schon, dass wir (be-)zweifeln. Ausdruck unserer rationalen Grundstrukturen. Man ersetze wundern durch staunen: Ja, mehr Staunen zu können, das würde uns allen gut tun. Die ganze Welt wäre dankbar darüber.


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Bildquelle: Bigfoto via Wissenslogs: Wunder-Bare Wissenschaft
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Kommentare

  1. Uwe · 14. Mai 2010, 12:53 · #

    Ist es nicht so, lieber Thinkabout, daß wir kein einziges Phänomen objektiv erklären können?

    Menschliches “Wissen” erschöpft sich doch so ziemlich in der Beobachtung und Beschreibung, dann in der Fortschreibung von Gesetzmäßigkeiten, deren eigentliche URSACHE uns völlig schleierhaft ist. Weshalb gibt es Leben? Was und wozu ist es? Warum verhält sich Chemie, Physik, Biologie, etc. genau so, wie sie sich verhält? Warum Gravitation? Warum Wasser? Da ist man doch schnell am Ende mit seinem Latein und es eröffnet sich einem der weite Raum des Glaubens.

    Wer nun glaubt, daß sein Verstand ihm objektives Erkennen und restlosen Einblick gewähren könnte, wer sich der Beschränktheit seines Verstandes nicht bewußt ist, der wird sich immer wieder wundern. Schön, wenn er dann staunen kann, anstatt ängstlich und ärgerlich zu werden. Wer aber die Beschränktheit seines Verstandes kennt, der kann relative Unbeschränktheit erleben, denn “Seelig sind, die geistig arm sind.” :)

  2. Gerhard · 19. Mai 2010, 15:32 · #

    Manchmal begegnet man sich ganz zufällig: Man läuft aus einer Straße und bgegnet einer lieben Person, die gerade vorbeigeht. Eine Person, die man lange nicht mehr gesehen hat. Man hat zuvor beim Gehen kurz innegehalten, um nach etwas zu schauen – nur deshalb war die Begegnung überhaupt möglich geworden.
    Wie oft ist man wohl unterwegs und jemand Bedeutendes aus seinem Leben ist unerkannt gerade in der Nähe? Das wäre doch interessant, zu erfahren.


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