Stille Annäherung an die bewusste Leere
Die Leere, die ich ahne und der ich mich nähern möchte, ist von einer Stille, die ich begrüsse und suche, weil ich erkenne, wie schön es ist, in ihr meine Gedanken ruhen lassen zu können. Sie ist wirklich leise – aber in einer befreienden, entspannenden Weise. Es ist eine Leere, die jede Langeweile überwunden hat.
Ein Nichts, das sich neu füllt und doch seine Weite behält, durchlässig wie eine Lunge, mit jedem Atemzug. Ganz natürlich und ohne mein weiteres Zutun. Ohne daraus eine neue Aufregung zu machen. Ich bin einfach und erlebe das Geschenk meines Seins wie der Körper den von mir eingeatmeten Sauerstoff begrüsst.
Die Energie, das Tanken von Kraft und innerer Gewissheit ist eine Art sich ausbreitende heitere Gelassenheit, die so begehrenswert wird, dass ich verweilen kann in der Stille.
Nicht jedem Menschen ist diese leere Stille nah. Manche kommen von sehr weit her, und die dunklen Löcher, die sie fühlen, liegen wie bodenlose Endlosigkeiten über diesem allertiefsten Grund.
Ich glaube aber, dass hinter allen Schmerzen und Sehnsüchten nach Ruhe und Einkehr und hinter dem lautesten Schrei danach diese tragende Leere erreichbar bleibt – weil sie dem Menschen, dem fühlenden Wesen, nicht ausgetrieben werden kann. Sie ist der Kern seiner Erinnerung, seines Wesens, der immer da ist.
Alles andere, darüber liegende, wirkt vielleicht verdeckend, bedrohlich, fortreissend oder zwanghaft niederziehend. Unter den alles tragenden Grund aber vermag nichts mich zu reissen und genau so kann mich nichts endgültig von der wieder herstellbaren Haftung in meinem Selbst fern halten.
Ich kann von meinem Ursprung, von meinem tiefsten Sinn durch nichts wirklich getrennt werden. Ich kann vielmehr immer heimkehren. Es kann mir sehr schwer gemacht werden, mich meiner zu erinnern. Aber es kann mir nie für alle Zeiten unmöglich sein.
Meine Vorstellung von dieser Zeit, in der ich mein Leben lebe, ist dabei genau so begrenzt wie die Tiefe meiner Erinnerungen und meiner Wahrnehmung, meines Bewusstseins. Aber genau so wie Erinnerung und Wahrnehmung kann sich auch mein Zeitempfinden weiten. Ich kann mich mit der Zeit versöhnen. Mit meiner Vergangenheit und ohne Angst vor der Zukunft. Auch von diesen Gedanken kann ich mich lösen und den Moment begrüssen. Immer wieder.

Tina · 6. März 2007, 04:50 · #
Also mir als realistischer Weltanschauerin ist das ein bißchen zu esoterisch, um Dich dabei begleiten zu können….
Ich denke mal, jeder Mensch braucht eine Aufgabe, die ihn fordert, um dann die Stille genießen zu können. Dieser Wechsel von Arbeit und Freizeit, Sonne und Regen, Ärger und Freude, Ausgepowert sein und Relaxen…..DAS ist es.
Und eine Vision – ein Ziel, das einem Flügel verleiht….
Stille am Stück ist nichts für mich.
Ein Ausschnitt aus dem neuen Buch: “Jugend ist ein Zustand der Seele”, der den Text auf einem Stein im Parco Giardino Sigurtà wiedergibt (deswegen ohne copyright) lautet:
...Man wird nicht alt,
weil man eine bestimmte Anzahl
von Jahren gelebt hat,
sondern weil man seine Ideale aufgibt.
Während die Jahre ihre Spuren
auf dem Körper hinterlassen,
wird die Seele gezeichnet
vom Verlust der Begeisterung….
...daß Du bald wieder einen Stern am Himmel entdeckst, dem Du voller Begeisterung folgen kannst,
und der Dich vom Blick in den Spiegel ablenkt, das wünsche ich Dir…..
Alles Liebe,
Thinkabout · 6. März 2007, 14:08 · #
@Tina: Interessant, was Du in meinem Beitrag liest. Das passiert mir ständig. Ganz offensichtlich fällt es schwer, meiner Umgebung zu vermitteln, was mich wirklich umtreibt: Tatsächlich hatte ich nie zuvor so sehr das Gefühl, wirklich zu leben.
Und ich habe überhaupt keine Bedenken, dass aus dieser Art zur-Ruhe-finden nicht Impulse entstehen, die gestalterische Kraft entwickeln. Ich glaube einfach, dass zu viele Menschen gar nicht zum Nachhorchen, zum Innehalten kommen und dadurch zwar ein ständiger Antrieb besteht, der aber oft nur wenig mit den tieferen eigenen Wünschen zu tun hat. So schwer es zu verstehen ist: Ruhe, Stille, immer mal wiederkehrende Leere ist für mich der Ursprung meiner Perspektiven. Und nicht deren Feind. Und Begeisterung? Ich bin noch nie freudiger am Morgen aufgestanden, als gerade jetzt, wo ich mich täglich davon überraschen kann, was mir der nicht bis ins letzte vorbestimmte Tag bringen wird. Reizarmut mag es geben – aber ganz bestimmt nicht abgestummte Rezeptoren, im Gegenteil: Ich beginne ganz neu zu sehen, zu riechen, zu atmen, zu denken.
Ich nenne Dir noch ein Beispiel: Ich glaube nicht, dass man vom Dalai Lama sagen kann, dass er so wirken würde, als lebte er nicht gern und erfüllt und voller Aufgaben. Zu seinem Ritual aber gehört, täglich in der Meditation über den (eigenen!) Tod nachzudenken. Das ist nicht morbide, sondern immer wieder eine bewusste Hinwendung zum Leben.
Ich habe in keiner Art und Weise vor, meine Ideale aufzugeben. Ich überprüfe sie nur und stelle sie auf den festen Sockel meines eigenen Ichs.