Suizid - eine unmögliche Annäherung
Eine Annäherung von ganz hinten,über den Begriff, hilflos wie alles andere, mit dem man versucht, Antworten zu finden, wo niemand mehr antworten wird.
Komisches Wort. Hat irgendwie einen Klang wie der Name eines Giftstoffes. Wie Pestizid.
Der Mediziner sagt von selbstmordgefährdeten Personen,sie wären suizidal. Da tönt das schon ein bisschen eingemitteter. Eine bennennbare Gefahr, auf dem Weg, in den Griff gekriegt zu werden, so, als würde eine Kategorie geschaffen für etwas Ungeheuerliches, eine Schublade angeschrieben, die man nach Zuordnung schliessen kann.
Gibt es Suizid bei Naturvölkern? Wenn ja, dann ist das Verhältnis dazu ganz bestimmt ein anderes. Weil der Mensch in allem und bei jedem Atemzug den Gesetzen der Natur unterworfen ist – und das auch fühlt. Dem Ursprünglichen, der Natur, dem Leben nicht enthoben und entfremdet, bleibt auch der Tod stets ein Teil davon. Kennen Angehörige solcher Gemeinschaften die Pubertät? Sie kennen Initiationsriten – und eine ganze Menge Regeln. Pflichten und Rechte, die Stolz begründen und Aufgaben, die Identitäten in einer Gemeinschaft erleichtern und dazu dienen, Kampf und Annahme mit und in der Natur zu unterstützen. Wo die Sorge der Frage gilt, ob heute abend etwas über dem Feuer hängt, ist das Leben einfacher und härter zugleich…


Tina · 15. August 2009, 18:17 · #
Hier ein interessanter Film zum Thema Suizid:
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/2583314
Die für mich seit langem ungeklärte Frage:
Habe ich selbst das Recht – in einer mir hoffnungslos erscheinenden Lebenslage- mein Leben zu beenden?
Ist das Leben ein Recht – oder eine Pflicht auszuharren bis das Herz aufhört zu schlagen? Darf ich als mündiger Mensch, der das Fällen von Entscheidungen jeden Tag gewohnt ist , auch diesen Punkt bestimmen?
Oder wurde mir das Leben geschenkt und ich maße mir damit an Gott zu spielen?
“Der Suizidversuch ist in Deutschland als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts straffrei” (Wikipedia)
Ist das jetzt juristisch und moralisch gesehen das “grüne Ampelmännchen”?
Ich hätte aus religiöser Sicht trotzdem Gewissensbisse…Blöd ist das….
Marianne · 15. August 2009, 19:04 · #
Wenn ich an das scheussliche Wort “Selbstmord” denke, finde ich “Suicid” direkt versöhnlich. Warum gibt es immer wieder Diskussionen darüber, ob man sich das Leben nehmen darf? Wurde irgendjemand gefragt, ob er/sie auf die Welt kommen möchte? Wenn Schmerzen oder psychische Faktoren das Leben zur Qual werden lassen, darf man, finde ich wenigstens, sein Leben beenden. Man ist niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig. Eine Religion, die verlangt, dass man unter schrecklichen Schmerzen bis zum Ende durchhält, wäre für mich untragbar.
Mara · 15. August 2009, 22:02 · #
@tina
Das ist juristische gesehen – eigentlich wurde der Gedanke auch urpsrünglich nur deswegen entwickelt, weill sonst alle, die der/dem Selbstmörder geholfen haben sich strafbar gemacht haben. Tötung auf Verlangen widerrum ist weiterhin strafbar – wenn auch in sehr viel geringerem Masse als Totschlag. Aber die Kritierien dafür sind auch nicht einfach zu erfüllen..
@all
Ganz im Gegensatz dazu die Diskussion in der Schweiz, die wirklich von einem autarken Recht auf Selbstmord ausgeht.
@thinkabout
Bei der These, dass sog. Naturvölker kenn Selbstmord nicht kenne wäre ich persönlich eher vorsichtig. Ist es vielleicht nur unserer Wunsch? unsere Sichtweise auf sie? – bevor ich nicht Zahlen sehe wäre ich skeptisch.
caro · 16. August 2009, 20:50 · #
Es ist sehr einfach, sich den Naturvölkern gegenübern als die arme, desorientierte Konsumgesellschaft darzustellen.
Wer macht sich schon die Mühe, die Verzweiflungstaten von Familienvätern oder -müttern in Entwicklungsländern zu zählen, die Selbstmord – oder “SUIZID” – begehen? Von Jugendlichen, deren “SUIZID” durch Kriminalität und Prostitution definiert ist?
Titus · 17. August 2009, 00:41 · #
Selbstmord hat viel mit Perspektive respektive Perspektivlosigkeit zu tun.
Wer dauerhafte und grosse Schmerzen hat, der denkt deshalb an Selbstmord, weil er oder sie keine schmerzfreie Perspektive sieht.
Wer seinen Arbeitsplatz verliert, seinen Ehepartner usw. der denkt aus dem gleichen Grund an Suizid: Ihm oder ihr fehlt einfach die Perspektive für ein anderes, neues Leben.
Und genauso dürfte es für die Jugendlichen sein.
Wer eine Perspektive hat, sieht ein Ziel vor Augen, sieht einen Grund zu leben.
Die Perspektive von Naturvölkern ist wohl ziemlich einfach und zwar schon alleine deshalb, weil sie nicht eine so grosse (Aus-)Wahl haben.
Denn auch das kann Grund sein für eine Perspektivloskeit: Man muss zwischen verschiedenen Optionen auswählen, man muss sich für eine entscheiden. Damit stellen sich eine Reihe von Fragen, deren Antwort man nicht kennt und deshalb noch mehr verunsichern. Habe ich die richtige Wahl und damit die richtige Perspektive gewählt? Hätte ich nicht besser…? Was wäre, wenn…?
Andererseits kann die Vielseitigkeit unserer Gesellschaft auch helfen, die Perspektive auf etwas anderes zu lenken.
Wer schmerzen leidet, erfreut sich vielleicht an den regelmässigen Besuchen der Grosskinder und möchte diese weiter aufwachsen sehen.
Wer unglücklich mit seiner Berufswahl ist, kann sich abends an einem Hobby erfreuen.
Wer seine Stelle verliert, den erfreut’s, wenn seine helfende Hand in der Nachbarschaft gefragt ist.
usw…
Es immer alles eine Frage der Perspektive…
Thinkabout · 17. August 2009, 16:33 · #
@Caro
Mit Naturvölkern sind nicht Entwicklungsländer gemeint, die längst schon den Gang in “unsere” Zivilisation angetreten haben.
@Mara
Richtig, ich weiss es nicht. Aber wir können ja auch dabei bleiben, warum wir zu fühlen und zu spüren meinen, dass es diese extreme Schwierigkeit, das Leben zu bejahen, in solchen Gesellschaften wohl eher weniger gibt?
@Titus
Das ist wohl richtig: Je einfacher das Leben ist, desto eindeutiger die Perspektive, die Möglichkeiten. Es sei denn, links und rechts haben sie bessere…
Zur Perspektive bildet die Erwartung das Begriffspaar in diesem Zusammenhang. Ich sage nur: Selbstverwirklichung – und die Ratlosigkeit, was das denn genau bedeuten und bedingen könnte oder würde?
caro · 17. August 2009, 21:48 · #
So hatte ich das durchaus auch nicht gemeint.
caro · 20. August 2009, 12:30 · #
Habe gerade in einem Forum ein Gespräch mit und über jemandem, der sich offen mit diesem Gedanken auseinander setzt, also, für den es einen realen Ausweg wäre.
Es ist leichter, darüber zu reden, wenn man den Begriff “Suizid” verwenden kann, als “Selbstmord”. Letzteres hat schon gleich etwas Moralisierendes an sich – wie auch immer der Einzelne darüber denken mag, im direkten Gespräch sollte dieser Finger nicht erhoben werden.