Thinkabout ist Grufti – ob sich das je nochmals ändert?
Thinakbout mag Facebook nicht. Thinkabout schreibt gerne E-Mails (nach Duden die korrekte Schreibweise). Doch damit scheint er je länger je mehr mit sich selbst einsam zu werden. Warum ich doch nicht bei Facebook wirklich aktiv bin. Noch nicht.
Es war gar nicht so lange vor der Jahrtausendwende, liebe Leser, als diese neumodischen “elektronischen” Kommunikationsmittel auftauchten und alsbald eine Diskussion über die Verluderung der Sprachkultur und den Untergang des Briefes einsetzte.
Quelle: wikipedia
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In Deutschland wurde am 3. August 1984 um 10:14 Uhr MEZ die erste Internet-E-Mail empfangen.
Quelle: wikipedia
Und nun haben wir also Facebook, und ich beginne zu ahnen, wie es damals den Briefeschreibern gegangen sein muss. Ich war und bin ein Vielschreiber. Ich war von der E-Mail sofort begeistert. Es erlaubte, in beliebiger Ausführlichkeit, von formlos bis formvollendet seine Gedanken mitzuteilen, Dateien auszutauschen und dabei praktisch in Echtzeit das Geschriebene auch in den Briefkasten des Adressaten zu senden.
Gleichzeitig waren und sind E-Mails weniger aufdringlich als andere Kommunikationsformen. Sie kommen in ein Postfach und können da schon mal auch ein bisschen liegen bleiben. Das fand und finde ich ganz angenehm: Mails haben sich den Charme der Blitzgeschwindigkeit ohne die absolute Rückantwortsofort-Anforderung bewahrt und tragen so in sich das freundliche Angebot, sofort von etwas Notiz zu nehmen – und später darauf einzugehen.
Das gute liebe Mail hat mir manche Freundschaft beschert. Man kann in Mails genauso gut zwischen den Zeilen lesen wie in Briefen, doch während jeder Versuch einer Brieffreundschaft an der eigenen Nachlässigkeit oder am Postweg früher oder später bei mir gescheitert ist, so wurde das Mail mein liebstes Kommunikationsmittel. Damit werde ich nun selbst, wie damals Eltern und Anverwandte, zum Outsider, zum Methusalem und Grufti: Denn ich stelle feste, dass sich die Mails in meinem Postfach ausdünnen. Die Menschen mögen nicht mehr schreiben. Also, nicht so, auf jeden Fall. SMS geht ja noch, aber Facebook ist viel schneller und cooler und “offener”. Jeder kann sofort sehen, was ich mitzuteilen habe. Ich pinne es einfach.
Jemanden anschreiben, ohne dass es sonst jemand mitbekommt? Energie für einen Einzigen statt zumindest für ein Forum, das gefälligst mitbekommen soll, dass ich mit dem Besagten gut kann?
Ich weiss natürlich, dass Beides möglich ist, aber, Freunde, seien wir mal ehrlich: Die Pinwand, der Hinweis auf die eigenen Vernetzungen, das ist doch wichtig. Und es ist die Fortsetzung dessen, was die Kids auch in der Erwachsenenwelt vorgeführt bekommen: Heute pflegt man seine Kontakte, man vernetzt sich. Das ist wichtig. Man braucht Beziehungen, virtuelle Links geben den Anschein einer tatsächlichen Verbindung. Und ob der Pflege dieser schnell hingehauchten “ich dich auch’s” fühle ich mich nur schon bei der Beobachtung aus der Ferne atemlos werden.
Kurz: Es ist einfach nicht mein Ding. Und irgendwie möchte ich nach wie vor auch nicht, dass sich das ändert. Weil diese Art der Social Media mit mir etwas anstellt, das ich nicht wirklich unter Kontrolle habe.
Täuscht mein Eindruck, dass sich heute die Menschen sehr viel häufiger dabei ertappen, dass sie plötzlich jemandem wortreich erklären, warum sie solange keine Zeit mehr hatten für ein Hallo? Ein Hallo, das eine Antwort erlaubt, meine ich, ein en gemeinsamen Espresso, ein Gespräch.
Ich bin also nicht dabei, noch immer nicht, zumindest nicht richtig. Es sei denn, es kommt jemand daher, der mich genau da packt, wo ich anzufixen wäre:
Wenn schon so Vieles an Facebook so trashig oberflächlich ist – wäre es da nicht DIE Herausforderung, die interessanten Funktionen, die Möglichkeiten des Kontakts so wahr zu nehmen, dass daraus wirklich ein Forum würde, das Meinungen bildet, austauscht? So, wie das Firmen sich schon lange wünschen, für ihre Produkte, mit bezahlten Meinungsmachern in Foren… Aber gegen den wahren Geist der Debattierlust, von einer seriösen Zeitung genährt und geleitet, wäre kein oberflächliches kommerzielles Kalkül stark genug, um diese Vorteile und die entsprechende Tiefe zu bagatellisieren. Zig Mio Nutzer von Facebook gibt es schon allein im deutschsprachigen Raum. Entsprechende Auftritte im eben beschriebenen Sinn sind aber kaum auszumachen. Wird sich das ändern? Machen die Menschen ihr Facebook – oder formt sich Facebook seine Menschen?

Christa · 25. November 2011, 23:23 · #
Schöner Beitrag, mit dessen Thematik ich mich lange auseinandergesetzt habe, als ich nach einer entsprechenden Plattform für das Social Media Engangement unseres “PC-Service” suchte. Ich entschied mich für das Blog, weil es für mich noch etwas mit Kommunkation zu tun hat und zwar in dem Sinne, was ich darunter verstehe – Austausch.
Austausch hat für mich etwas mit Nähe und
Vertrauen zu tun und dieser benötigt das Kostbarste was ein Mensch besitzt, nämlich Zeit. Zeit fürs Zuhören und Zeit fürs Antworten. Aber das scheint im Zeitalter von Facebook und Twitter außer Mode. Wer heute Zeit hat, ist verdächtig, ein Grufti vielleicht. Wessen “Organizer” nicht randvoll mit Terminen gefüllt ist, ist out. Wessen Handy nicht ständig bimmelt, der sollte eine Flatrate bei “rent a call” buchen.
Bei allem Respekt vor dem heute Machbaren aber Facebook und Twitter sind doch nichts anderes als die Einwegkommunikation, so wie ich sie vor Urzeiten erlernt habe. Sie haben ihre Berechtigung, das mag ich nicht bestreiten, aber die Chancen, die diesen Plattformen zugeschrieben werden, sind aus meiner Sicht noch nicht voll ausgeschöpft. Wir Menschen funktionieren nun mal nicht nur technisch miteinander. Das Internet ist erwachsen geworden schriebst du, ich wähl’ jetzt mal das “du” auch wenn mir diese übergestülpte Nähe immer noch schwer fällt. Die Technik mag gereift, erwachsen geworden sein, die Menschen, die diese Technik nutzen stecken zum Teil noch in der Pubertät. Es tut mir Leid dies hier schreiben zu müssen. Aber das sind meine ganz persönlichen Erfahrungen.
Liebe Grüße von einem noch älteren Grufti.
P.S. Ich bin nich so sprachbegabt wie du. Was ist eigentlich die weibliche Bezeichnung für Grufti? ;-)
Roman · 26. November 2011, 07:55 · #
Lieber Kurt
Ein sehr schöner und gelungener Text ist das. Ich gehöre auch zu den Menschen, die dem Fäisbuuk aus dem Weg gehen. Ich mag Menschen, aber möglichst nahe und natürlich. Was nützen mich Freunde auf einer virtuelen Plattform, wenn ich einmal tatsächlich Freunde brauche? Ich befinde mich derzeit in einer solchen Situation und ich hätte um nichts auf der Welt gewollt, dass Du mich via Fäisbuuk hier besucht hättest. Du warst hier, als Mensch und physisch. Danke! Das ist Tausend mal besser als das doofe Fäisbook.
Frank Rawel · 26. November 2011, 08:00 · #
Die letzte Frage im Artikel würde ich nach meinen Facebook-Erfahrungen pessimistisch beantworten. Facebook formt die User. Sie sind auf viele “Freunde” und “Gefällt mir” aus, kommunizieren immer mehr aus steriler Instanz. Die offensive Vernetzung ist oft ein Rückzug ins Unverbindliche. Ich kenne Menschen, mit denen ich einmal wenigstens am Telefon reden konnte, bevor die Email aufkam. Nach den Emails bekam ich nur noch SMS. Zuletzt durfte ich als Facebook-Freund an den Statusänderungen teilhaben.
Facebook habe ich (auch aus Datenschutzgründen) verlassen. Es hat man Leben nicht bereichert, eher die sozialen Kontakte verarmt.
Thinkabout @Alle · 26. November 2011, 12:50 · #
Herzlichen Dank für Eure Kommentare – die ich, in Ihrer Deutlichkeit, höchst bemerkenswert finde!
@Christa
auch ich bin mit dem Du zurückhaltend, aber Du liest schon so lange bei mir – da finde ich das höchst angebracht. Ich freue mich darüber.
Deine Bemerkungen über den Einweg-Kommunikationscharakter von Facebook sind so ziemlich das Gegenteil von dem, was uns Facebook als Ziel der ganzen Übung verkaufen will, oder?
Ob der Mensch angesichts der Komplexität der Welt, der er sich nicht stellen kann oder will, je aus der Pubertät kommt, wage ich zu bezweifeln. Auch Fernsehen ist ein interessantes Medium – das nicht richtig oder bewusst genutzt wird. Wir brauchen gar keine Tastatur, um grandios kläglich an unseren Möglichkeiten zu scheitern. Eine Fernbedienung, die wir nur zum Zappen brauchen, reicht dafür völlig aus.
Deine Schlussfrage treibt mich ganz schön in die Enge. Weiblicher Grufti? ähm, Ich befreie mich, und zwar mit dieser Ausflucht: Im Stadium des Gruftis ist “der” oder “die” womöglich nicht länger relevant: Da hat man oder frau womöglich so vieles scheinbar hinter sich, was dazu gehört (ich rede da nur vom Blick derjenigen, welche das Prädikat Grufti vornehmen, und noch nicht mal von den Selbstbezichtigern, gell).
@Roman
Ja, und ich habe von Deiner Situation erfahren, weil ich Dir, sieh an, eine Mail geschrieben habe – und Du Dir ausführlich Zeit fürs Erzählen genommen hast.
Du bist sowieso eines der wunderbarsten Beispiele meiner ganzen I-Net-Lebenszeit, was aus einem virtuellen Kontakt an wirklicher Lebensnähe werden kann. Wir lesen uns und sehen uns.
Und wann immer ich irgendwie helfen kann, ganz praktisch und real, dann lässt Du mich das wissen, ja?
@Frank Rawel
Danke für diese glasklare Darstellung der eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen. Es sind genau meine Beobachtungen, wobei ich gerne zugebe, dass ich aus der Warte des Bloggers natürlich auch viele Kontakte verfolge (und mein eigenes Verhalten beobachte), bei denen es noch viel direkter und offenkundiger um das Schaffen von Aufmerksamkeit für die eigenen I-Net-Blogpräsenzen geht.
Aber Ihre Sätze sind tatsächlich wie in Stein gehauene Wahrheiten für mich.