Tibet: Ob Bilder der Gewalt etwas bewirken?
Was mich im Moment auf Grund der aktuellen Berichterstattung aus Tibet so traurig macht, ist folgender Gedanke:
Jahrzehnte sind vergangen, in denen die Tibeter gewaltlosen Widerstand zu leisten versuchten. Eingetragen hat ihnen dies viel Sympathie. Manch anderes unterdrücktes Volk hätte sich wohl wenigstens diese Aufmerksamkeit gewünscht. Doch war hat es darüber hinaus gebracht? Wenig. Exilexistenzen waren vielleicht leichter zu gründen, weil ein Goodwill an verschiedenen Orten auf der Welt sich in konkrete Hilfsangebote verwandelte.
Aber auf der politischen Ebene bewegte sich wenig bis nichts. Chinas Wachstum hat die KP-Funktionäre mit samt ihrem Machtverständnis zu attraktiven Bräuten gemacht, um die westliche Staaten herum scharwänzelten, als ginge es darum, sich mit einer Prinzessin vermählen zu können.
Ausgeblendet wurden nicht nur lästige Menschenrechtsfragen, sondern auch indoktrinäre bis lenkungspolitische Einflussnahmen in wirtschaftliche Projekte. So lange genügend Zinsen anfallen, wuchert die Gier, und darin treffen sich die Angehörigen aller Staaten.
Jetzt sind die Proteste gewalttätig geworden in Lhasa. Tibeter schlagen zurück, die Wut entlädt sich gegen die Han-Chinesen, die in Lhasa bereits mehr als 50% der Einwohner stellen. Der Staat zeigt seinen ganzen Zynismus nur schon durch die Wahl der Worte:
China ruft Volkskrieg gegen Tibet aus
Es fliesst Blut, und es wird noch sehr viel mehr Blut fliessen. Die chinesische Führung wird mit der “drohenden” Olympiade vor Augen nur Abschottung und Repression parat haben, ohne jede Rücksicht auf Verluste. Dies produziert nun die grossen Schlagzeilen.
Blood sells.
Gewaltlosigkeit aber hat keine spektakulären Bilder. Und so wird auch hier sich nur etwas ändern, indem sich die Gewalt durch ihre Abbildung selbst desavouiert, demaskiert, entblösst, bis niemand mehr wegschauen kann. Das wird viele Menschenleben kosten. Und noch sehr viel mehr abseits aller Beachtung. Und der Ausgang bleibt offen.

Bild: faz.net© Reuters, Artikel im Text verlinkt

flöschen · 16. März 2008, 13:46 · #
Hoffentlich sind diese Bilder nicht komplett wirkungslos, auch gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele. Sonst laufen ja auch noch einige Dinge in China recht falsch (Umwelt, Menschenrechte, Zivilgesellschaft).
Ausserdem berichtet BBC, dass 80 Tibeter und nicht, wie von China behauptet, nur 10 (wäre ja auch schon schlimm genug!) Leute ums Leben kamen.
Thinkabout · 16. März 2008, 14:03 · #
@flöschen
Es ist zu befürchten, dass es längst hunderte sind… es ist leider sehr schwer, einen Überblick zu bekommen, von dem man annehmen kann, dass er korrekt ist.
Caro · 16. März 2008, 20:04 · #
Ich fokussiere nun mal auf die Olympischen Spiele: hätte man alle Länder, in denen Menschenrechte verletzt werden, boikottiert, wären die Spiele schon längst ausgestorben…
Allerdings denke ich, dass die Spiele eine grossartige Chance sind, auf Tibet aufmerksam zu machen: laut Vertrag mit dem IOC sind tausende von Journalisten dazu befugt, sich in dieser Zeit frei im Land zu bewegen und geniessen darüber hinaus Zensur-Freiheit.
China hat das internationale Messer am Hals.
Raphael · 17. März 2008, 10:10 · #
Mit den olympischen Spielen bin ich da eher ambivalent: Auf der Einen Seite kann es nicht sein, das sich die westlichen, demokratischen Länder jedem, diktatorischen Staat gegenüber “diplomatisch” verhält, blos weil wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehe.
Auf der anderen Seite hat Caro schon auch ein wenig recht: Vielleicht sind diese Spiele die Möglichkeit den Fokus der Weltöffentlichkeit auf Tibet zu richten, aber da bin ich eher am Zweifeln.
Thinkabout · 17. März 2008, 13:41 · #
@alle: Ja, Olympia ist eine Chance. Nur sind die Verhältnisse realpolitisch und real-wirtschaftlich so, dass wohl mehr Hoffnung verkauft wird: Die Tibeter fassen Mut – mit dem Ergebnis, dass sie um so brutaler zurück genommen werden. Bei den Mutmassungen über die Anzahl Toten ist für mich etwas anderes noch viel unerträglicher: Die Tausendschaften von Inhaftierten – und was da hinter den Mauern geschieht, mag ich mir gar nicht ausmalen… So sind vorbeugend zum Beispiel alle Tibeter, die früher mal aus politischen Gründen in Haft sassen, wieder gefangen genommen worden.