Vermeintlich Schwache
Themen: SMS zum Tag undZugeneigt
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Wer Schutz sucht und seine Schwäche gesteht, beweist in seinem Vertrauen jene Stärke, die gleich auch die Basis des eigenen Werdens und Wachsens darstellt.
Immer wieder sind mir Hilfe Suchende riesige Vorbilder:
Es braucht Mut, sich mit einem Problem anzuvertrauen, Kraft, sich Schwäche einzugestehen, Demut, Ratlosigkeit zu erkennen.
Ich bin schon gefragt worden, ob mich nicht manchmal die Sorgen anderer erdrücken könnten?
Je länger je mehr sage ich frei heraus: Nein. Meine Erfahrung ist, dass ich immer zuerst lerne und profitiere.
Wer Angst empfindet, wo andere keine Gefahr sehen, und doch den Mut findet, einen scheinbar normalen Schritt zu tun, ist eine Sensation, und nicht einfach gewöhnlich, oder eine Herausforderung an die Geduld. Ich empfinde eine grosse Achtung gegenüber Menschen, die sich ihren Ängsten stellen und Stiere an den Hörnern packen, denen andere gar nie begegnen.
Menschen, denen vieles ein wenig schwerer fällt, um einen doofen Werbespruch etwas umzumodeln, lehren mich aber auch, dass auch sie den Anspruch haben dürfen, an ihrem Tun gemessen zu werden, an ihrem Aufstehen und sich Stellen.
Wir alle haben in unseren Möglichkeiten den Punkt am Berg, den zu überwinden das nächste Ziel sein muss. Und wir alle brauchen dazu den eigenen Willen, die eigene Kraft und den Mut zur Konsequenz, das Tal, das zwar dunkel oder eng sein mag, das wir aber kennen, auch verlassen zu wollen.
Wenn einmal ein Wort, ein Rat hilft, so fällt mir noch was auf: Selten weiss ich zuvor, dass es so sein wird. Immer aber sehe ich, dass es die Arbeit des Fragenden ist, die eine Klärung herbei führt. Wir anderen sind höchstens Mittler. Und vielleicht extra Beschenkte, wenn wir erleben dürfen, dass wir Botschafter einer Hilfe sein durften.
Seelenleerer · 2. September 2007, 23:58 · #
Du wirst ja immer weiser.
Schöne Erklärung fürs Begleiten.
Bloss die Kraft, die es braucht, ist schon vorher vorhanden, gebunden durch die Angst vor der Veränderung als Unterdrückung unserer Energie.
Also braucht es genau genommen nicht Kraft, sondern Mut und darum warten die Menschen auch meist, bis sie wirklich nicht mehr anders können.
Erst dann lassen sie los und sich fallen.
Tina · 3. September 2007, 05:36 · #
Ich frage mich, wieso zunehmend anonym nach Rat gesucht wird; bei der Telefonseelsorge oder in Internetforen – geschützt durch einen Nickname….
Angst vor Sympathieverlust wegen der offen zugegebenen “Schwäche”?
Angst davor, verletzt oder abgewiesen werden zu können?
Dabei könnten Menschen, die uns kennen, die Gesamtsituation vermutlich besser beurteilen und somit den klügeren Rat erteilen. Und nichts verbindet mehr und vermag mehr Vertrauen und Tiefe zu schaffen als ein gemeinsam durchdachtes und bewältigtes Problem.
Margit Farwig · 3. September 2007, 08:22 · #
Heute oder es war schon immer so, dass nach einer Offenbarung viele Menschen nicht schweigen können und das Problem weiter tragen. Damit ist das Vertrauen zerstört worden. Nie mehr werde ich diesem oder einem anderen Menschen etwas mitteilen, mein Problem ist am Besten bei mir aufgehoben. Entzieht sich jeglicher Klärung und damit Erleichterung. Dann kommt hinzu, ich habe das nun gesagt, fängt der Prozess des Schämens an, hätte ich das bloss nicht gesagt. Er verändert sein Verhalten gegenüber diesem Menschen, also auch nicht richtig. Es verändert sich aber auch das Verhalten des Menschen, dem ich mein Problem anvertraut habe. Man will solche Probleme nicht hören, kann damit selbst nicht umgehen. Es kommt immer auf die “Größe” und “Schwere” des Problems an. Wenn man nichts sagt, kann es keinen weiteren Schaden anrichten, das Erlernen von Selbstlösung wird gestärkt, gibt Zuversicht und, was einmal raus ist, kann man nicht zurück nehmen. Es muss schon großes Vertrauen dasein, wem man etwas erzählt. Die Welt wird zunehmend geschwätziger.
Brigitte · 3. September 2007, 14:16 · #
Zum ersten Mal hier zu Gast – und ich bin begeistert! Ein intelligenter Blog, der mir mit Sicherheit noch viel Freude machen wird!
Thinkabout · 3. September 2007, 18:21 · #
Ach Brigitte, das geht runter wie Öl – feinstes Olivenöl natürlich. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Entdeckung weiter zu erzählen – oder lassen Sie es auch bleiben, ganz wie Sie wollen. Einfach so, wie es Ihnen beliebt und gefällt.
Seelenleerer · 3. September 2007, 23:40 · #
Hey Tina
Margit hat es wunder(schmerz)voll erklärt.
Kleine Anfügung meinerseits.
Die Menschen im Allgemeinen sind vermutlich viel einsamer als Du dir vorstellen kannst und benutzen zur Überwindung bloss die ihnen am meisten vertrauten Hilfsmittel. Nicht jeder hat solch lebendige Nachbarn, wie ein Herr PAZ.
Zuweilen ist der Rat eines Aussenstehenden präziser und vorurteilsfreier als jener einer vielleicht irgendwie involvierten Person aus dem Umfeld.
Zudem oft leichter an zu nehmen, denn es gehört Weisheit dazu, etwas zu tun, obwohl es einem die Eltern empfohlen haben.
Tina · 4. September 2007, 04:12 · #
@Seelenleerer
Stimmt schon, ist aber eigentlich schade. Ich dachte auch weniger an Eltern – obwohl meine mit Sicherheit auch zu meinen Freunden zähl(t)en – eher an die im Leben gesammelten wichtigen Begegnungen, die man vertieft hat.
Wenn das Wort “Freunde” nur bedeutet, daß ich eine austauschbare Schaar Menschen um mich herum versammeln kann, die meine Cocktailhäppchen essen und auf mein Wohl trinken, wenn ich sie einlade, reicht mir das persönlich nicht aus.
Auch ich bin schon mal von Freunden enttäuscht worden – aber viel öfter habe ich wichtige Erlebnisse mit ihnen geteilt und daraus resultiert eine handvoll Menschen, denen ich vertraue.
Wenn ich keinen “Gebrauch” von der Freundschaft mache, genau diese Lebensbegleiter außenvor lasse, wenn mich etwas bedrückt oder ich einen Rat suche, gebe ich ihnen und mir auch keine Chance, diese Beziehung lebendig zu halten und ihr Tiefe zu verleihen.
Margit Farwig · 4. September 2007, 09:11 · #
ät TINA,
selbstverständlich teilt man seine Sorgen seinen Freunden mit und es wird beraten, getröstet usw. Doch hat sich herausgestellt für mich, dass ich meine “Sorgen” vergesse, wenn ich tatsächlich einem/er Freund/in eine wirkliche Stütze sein kann. Wichtig ist, dass Band wird stärker und der Grund des Stärkens weggeschlossen als wenn es nie ein Problem gegeben hätte.
Seelenleerer · 4. September 2007, 12:55 · #
Liebe Tina
Wunderbar dass Du Freunde hast und Deine Form der Freundschaft ist sicher das Bereichernste was es gibt.
Doch von Dir auf andere zu schliessen ist in diesem Falle ein Trugschluss.
Vielen Menschen fehlen eben genau diese Freunde. Männer reden oft von Kollegen und Junge sind oft noch zu scheu, sich wirklich zu öffnen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass andere die selben Sorgen haben könnten, weil alle so souverän zu wirken versuchen.
Wohin sollen sie sich denn wenden, wenn sie keine Freunde haben?
Klar, das Beste wäre, sie würden sich welche “erarbeiten” aber Dir ist aus eigener Erfahrung sicher bewusst, dass solch ein Prozess Jahre dauert und das Problem vielleicht nicht so lange warten kann.