Vom Wert des einfachen Ausdrucks - und dem Mut dazu
In letzter Zeit häufen sie sich wieder: Die kleinen leisen Zeichen schüchterner Menschen, die sich bei mir melden, nicht ohne sogleich zu betonen, dass sie sich leider nicht so gut ausdrücken könnten… wie ich, meinen sie natürlich.
Was als Lob gemeint ist und vorauseilend als Entschuldigung für die vermeintliche eigene Unzulänglichkeit, macht mich oft ein bisschen traurig. Und ich möchte hier erklären, warum:
Menschen, die gut formulieren können, gelten als “sehr kommunikativ”. Damit kann man Zuhörer oder Leser aber auch überfahren. Jene, die es positiv sehen, hören mir gerne zu. Oder sie lesen mich gerne. Aber sie reden eher weniger als mehr mit mir. Die Menschen, auch Freunde, wollen oder können sich nicht dem “Vergleich” aussetzen, und meinen, sie würden gegen meine Formulierungen nicht bestehen können. Darum lesen sie hier still mit.
Es ist, wenn man sich dies ein bisschen aus meiner Warte zu Gemüte führt, nicht schwierig, zu erkennen, dass das auch einsam macht.
Doch wir können die virtuelle Blogwelt gern verlassen, und die Wirkung der Wortaktrobatik an einem “realen” Beispiel betrachten:
Ich orte ein Problem in einer Beziehung mit einem Freund, meiner Frau, oder in einer Gesprächsrunde. Wenn ich dieses Problem auf den Punkt bringe, dann ist das im Moment wie eine Erlösung für die anderen. Aber es fehlt danach irgendwie auch die Luft zum Atmen – und es fällt sehr leicht, dann alles in bester Ordnung zu glauben, weil es so gut “klingt”. Rhetorik, Wortgewandtheit, geschliffener Ausdruck – das alles hat mit Wahrhaftigkeit, mit Tiefe, mit dem wirklich richtigen Wort zur richtigen Zeit nichts, überhaupt nichts zu tun. Und mich selbst verleitet es dazu, Dinge schön zu reden.
Wenn Sie selbst also weniger Schnörkel brauchen, um etwas auszudrücken, oder sie vielleicht den Punkt gar nicht treffen, wie sie glauben, so reden sie trotzdem mit den Menschen um Sie herum: Denn sie haben vielleicht etwas ganz Entscheidendes beizutragen: Eine Bescheidenheit in ihren Worten, die es vielleicht viel leichter macht, ehrlich zu bleiben und den Dingen keinen Firlefanz umzuhängen. Und wenn Sie dann mit Menschen wie mir reden oder schreiben, so kann ich Ihnen noch etwas garantieren: Typen wie ich registrieren sehr genau, welche Klasse darin liegt, dass da jemand spricht oder schreibt, ohne sich selbst dabei zu belauschen und andächtig die Ohren spitzen, um den Nachklang der eigenen Stimme im Ohr zu behalten oder per Stift noch einen Nachsatz einzufügen – und noch einen. Mit Gespräch, mit Auseinandersetzung mit sich selbst hat letzteres wirklich nichts zu tun. Das ist eine Ego-Beweihräucherung, mehr nicht.
Verbiegen Sie sich nicht, aber glauben sie daran, dass das, was Sie fühlen, einen Wert hat und jene Menschen interessiert, die es auch verdienen, von Ihnen Empathie zu empfangen. Und vergleichen Sie Ihre Talente nicht mit anderen. Das mache ich schon selbst zur Genüge – natürlich immer mit schlechtem Fazit für mich selbst.
Wir neigen alle dazu, undankbar für unsere Gaben zu sein und damit genau das auszulösen: Dass wir nämlich zuwenig daraus machen. Übrigens reden wir alle auch zwischen den Zeilen. Auch in Mails, Blogs, Briefen und SMS. Wer uns also verstehen will, wird nach uns suchen und uns finden. Und er wird vor allem auch nachfragen, wenn er sich nicht sicher ist. Der ganze Rest da draussen kann Ihnen und mir gestohlen bleiben.
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Josephine · 1. Oktober 2009, 21:58 · #
Ich habe oft auch das Empfinden, dass andere zu wenig mit mir reden bzw. sich mir nicht mitteilen, weil sie sich in ihrer Ausdrucksfähigkeit vorab mit mir vergleichen und glauben, daneben nicht bestehen zu können. Der eine oder andere hat das auch schon so gesagt. In der Tat macht das einsam. Und darüber hinaus ist mir diese Gabe gegeben, was nicht heißt, dass ich bewusst beabsichtige, andere damit zum Schweigen zu bringen! Mir persönlich ist es egal, wie andere sich mitteilen, Hauptsache, sie tun es, denn es interessiert mich brennend, was andere bewegt. Und ich möchte Anteil nehmen am Mitmenschen.
Liebe Grüsse, Josephine
Cherrie Holzwarth · 1. Oktober 2009, 22:00 · #
Danke Kurt – Du kannst einem Mut machen !
Ich glaube mitunter ist dies auch ein Generationenproblem. Ich entsinne mich sehr wohl auf mein Elternhaus (es war ein gutes). Dass man selbstverständlich den Erwachsenen und Fremden nicht widerspricht, ein paar Mal leer schluckt bevor man sich selbst zu Wort meldet, das wurde den Kindern suggeriert. Dies prägt fürs ganze Leben. Unglücklich sind diese Menschen nicht, denn sie haben gelernt, dass nicht immer das laute, erste massgebend ist. Dass genauso mit leisen Tönen zur Musik aufgespielt werden kann.
Das schreibt ein echter Fan von Thinkabout und Co.
Cherrie
ChliiTierChnübler · 3. Oktober 2009, 09:03 · #
Ich habe das grosse Handicap, dass ich oft Menschen nach der ersten Begegnung nicht ausstehen kann. Ich kenne aber diese unangenehme, intolerante Seite an mir und zwinge mich – es ist tatsächlich ein Zwang – der Person eine zweite Chance zu geben. Nur selten wurde ich dann enttäuscht. Manche wurden meine besten Freunde. Woher diese generelle ablehnende Haltung kommt, weiss ich bis heute nicht. Aber ich für mich weiss, ohne ernst gemeinte Gespräche, würde ich früher oder später komplett vereinsamen in einer Welt voller Oberflächlichkeiten und Vorurteilen. Interessanterweise ist diese Ablehnung immer nur einseitig. Die meisten Menschen haben zu meinem Glück und Erstaunen immer etwas Nettes über mich zu sagen. Ausgenommen natürlich wie immer die Blogwelt ;)
Janna · 3. Oktober 2009, 11:08 · #
…jaaaa – das hast du sehr gut gefunden: ich gehöre auch zu den Menschen, die hier leise mitlesen…und wenig schreiben, weil ich mich “einfacher” ausdrücke -wie ICH meine…
Ich merke aber, dass ich vieles zwischen den Zeilen schreiben kann…und durch Auslassen etwas sagen (deshalb die vielen Pünktchen in allem, was ich schreibe; das soll Raum geben, meinen Worten nachzuspüren…)
Aber das kannst du ja, das weiß ich – deine Augen begleiten mich weiterhin – und deine mails an mich sind aufbewahrt…:-) Janna
Thinkabout @ Chlitierchnübler · 3. Oktober 2009, 12:35 · #
Dein “Problem” ist interessant: Ich musste meinerseits eher lernen, dem ersten Eindruck mehr zu vertrauen. Denn meistens stellte sich heraus, das ein Unbehagen, das ich mit Vorurteilen gleich setzte, sich danach bestätigte. Es ist wohl so, dass wir in unseren Reaktionen auf andere Menschen und neue Situationen immer im Rahmen des eigenen “Nasenspitzes” reagieren. Manchmal stehen wir uns einfach selbst im Weg. Und in jedem Fall gilt: Je besser wir uns kennen und unsere Reaktionen danach beurteilen, ob wir uns eher verkriechen oder uns Begegnungen gönnen und uns unsere Neugier erhalten können, um so lebendiger wird jeder neue Tag.
Und was Du zur Überwindung der Oberflächlichkeit sagst: Ja, gerade das Internet ist hierzu eine höchst spannende Welt mit ganz besonderen Herausforderungen, diese Oberflächlichkeit nicht das Ende sein zu lassen – sondern sie im Gegenteil hinter sich zu lassen. Es ist durchaus möglich, gerade im Netz mit eigenem Mut zur Tiefe ganz ausserordentliche Begegnungen geschenkt zu bekommen.
Thinkabout @ Janna · 3. Oktober 2009, 12:39 · #
Liebe Janna – auch ich hab’ nix davon fortgeworfen, auch der Zwischenräume wegen. Sei einfach Dich selbst. Worin immer Deine Menschen Dich erkennen können – sie werden sich an dem, was sie finden, erfreuen, und Dir eine Menge zurück geben. Der Mut, sich selbst der Liebe wert zu finden, die Selbstliebe eben, ist nicht nur für das grosse Liebesglück eine Hilfe, sondern für den Umgang mit sich selbst das einzige grosse Geheimnis. An jedem neuen Tag.