Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Von Gaunern in feinem Tuch

∞  6 Dezember 2011, 15:33

Ein neuer Fall von missbräuchlichen Vermögensberatungsgeschäften lässt mich etwas grundsätzlicher Trübsal blasen, auch wenn am Schluss der Schwamm drüber geht. Bei mir wenigstens.


Da haben wir wieder so ein Beispiel: Die britische Bankenaufsicht hat die Grossbank HSBC zu einer Millionenstrafe verdonnert, weil sie ältere, pflegebedürftige Kunden “falsch beraten” hat (gefunden via mycomfor). Eine “speziell auf die Bedürfnisse von Senioren ausgerichtete Sparte der Bank” habe fast 2500 älteren Menschen “unpassende Produkte” verkauft.

Auch hier hat der Missbrauch System. Es sind nicht einfach einzelne Bankberater, die zu forsch verkauft haben, es ist noch nicht mal der allgemeine Druck des Arbeitgebers, mehr zu verkaufen, es ist mehr: Es wurde, wenn man genau hinliest, systemisch auf diese Kundschaft und auf dieses Geschäftsmodell hin gearbeitet, indem Strukturen geschaffen und die Kundengruppe klar definiert wurde – samt der Produkte, die aufgeschwatzt werden sollten. Natürlich darf man sich da auch ans Muster so manches Verkaufs von Lehmann-Brother-Papieren erinnert fühlen, oder an die deutschen Banken, welche über 80-jährigen langfristige Lebensversicherungen aufschwatzten.

Bevor wir glauben, uns in der modernen Welt nicht mehr auszukennen, erinnere ich daran, dass diese Welt nie anders war: Ich habe gerade eine Verfilmung von Oliver Twist gesehen. Ich habe die Welt des Charles Dickens als Kind mit heissen Ohren verschlungen, hin und her gerissen zwischen der gaunerischen Niedertracht der Bösewichte und der nicht auszurottenden Güte einer einzigen guten Seele…

Was in diesen modernen Beispielen und den Verlusten der Pensionäre so bitter aufstösst, ist die bewusste Erschleichung eines naiven Vertrauens, das den gepflegten Auftritt noch als Zeichen der Seriösität wertete – und tatsächlich noch etwas gab auf den Brand auf der Visitenkarte – geboren aus einem Glauben an die Redlichkeit, der lange vor all diesem Neudeutsch im modernen Finanzmarketing begründet wurde – und nun verloren ist. Wir haben in so vielen Bereichen je länger je weniger auf die innere Ehre einer Haltung gegeben – und die Welt zeigt uns dafür den Spiegel vor.

Anders als früher mag sein, dass es heute mindestens eine Bankenaufsicht gibt, die nicht immer völlig zahnlos bleibt und zumindest publik macht, welche Machenschaften da üblich waren – mag die Wirkung im Endeffekt auch gering sein. Für die Betroffenen erscheint mir die öffentliche Feststellung der Gaunerei nicht unerheblich, ja zentral:

Aus eigener Anschauung in unserer Verwandtschaft kenne ich die verheerenden Auswirkungen, wenn ein rechtschaffener, einfacher aber redlicher Mann in einem Geschäft über den Tisch gezogen wird, zum Beispiel, indem man im ein Baugrundstück andreht, im Wissen darum, dass es in Kürze in die Landwirtschaftszone zurück geführt wird. Dieses Wissen als Vorsatz zu beweisen, als Fremder gegenüber einem Klüngel von sich schnell einig werdenden Schlawinern , ist praktisch unmöglich. Und wer eine solche Sache nicht als Erfahrungsblätz abtun kann, Mund abwischen und durch, der nagt ein Leben lang daran – oder geht daran zugrunde. Es braucht noch nicht mal existenziell bedrohlich zu sein in den Auswirkungen – die psychische Qual wiegt schwer genug, und man möchte sich wünschen, dass Verkäufer mit solchen Machenschaften an den Papieren eines Tages ersticken, die sie zur Unterschrift vorgelegt haben.

So, jetzt fühle ich mich etwas besser.







  1. Menachem · 6. Dezember 2011, 19:49 · #

    Ich mich noch nicht.
    Es bleibt nach meiner Auffassung einfach dabei:
    Der Fisch stinkt vom Kopf her.

    Meiner Meinung nach gehören den Herren bei der Vorstellung ihrer außerordentlich guten Ergebnissen auf den Bilanzkonferenzen (erwirtschaftet auch aus den von dir beschriebenen GESCHÄFTEN! – von denen sie natürlich nichts wussten) Tomaten und Eiern an die Rübe geschmissen. (Vielleich wollen sie das ja sogar, dann könnten sie mit schönen Abfindungen den vorzeitigen Ruhestand in Hülle und Fülle genießen).

    Aber nein. Anstatt Tomaten könnten wir uns auch angewöhnen, Schuhe zu werfen. Damit wären zumindest diese schon mal entsorgt.

    Ich bin es einfeich leid, als einfacher Wurschtelseppl für alles privatwirtschaftlich haften zu müssen (und das tut oft genug richtig weh) – und andere hauen sich die Taschen voll. Wo um Gottes willen kann man denn dabei noch langfristig die Kraft her nehmen – nicht doch noch in das Gewand eines Saulus schlüpfen zu wollen?

    So, jetzt geht es mir auch etwas besser :)

  2. Thinkabout @Menachem · 7. Dezember 2011, 00:15 · #

    und genau darum will ich auch nichts an Deinem Statement umbiegen oder hinterfragen, lieber Menachem, auf jeden Fall nicht hier und jetzt: Ich weiss um Dein ehrliches Bemühen, in jeder Situation Deinen Mann zu stehen und für Deine Leute zu sorgen – und nicht jede Rechtschaffenheit findet – in der Tat – den Boden, auf dem sie Frucht tragen darf. Ich wünsche Dir, dass Du diese Dir eigene tiefe Kraft nicht verlierst. Es wäre nicht zuletzt um Dich selbst schade – denn Du BIST dieser Mensch, der sich immer wieder aufrappelt.

  3. Alice · 7. Dezember 2011, 05:49 · #

    Ja, ja, die Anzugtäger und unsere Gesellschaft.
    Frau Tochter trägt keinen Anzug, sondern Dinge, die nicht ganz gesellschaftstauglich sind (so was ist heute im stromlinenförmigen Zeitalter schnell mal möglich). Weshalb Anzugträger und andere gesellschaftlich Akzeptierte für sie am Fussgängerstreifen meistens nicht anhalten und sie regelmässig von Leuten angequatscht wird. So auch kürzlich. Als einer sie fragte, was sie denn so mache. Worauf sie sagte: Arbeiten. Worauf er dann vor Schreck fast von der (Sitz)Bank der Selbstgerechten fiel. Kleider machen eben Leute und Vorurteile und Schein kommt um Längen vor sein. Mir geht’s deshalb nicht besser, sondern je länger je mehr elender. An ganz zynischen Tagen bin ich darauf gefasst, dass Frau Tochter auf dem Fussgängerstreifen überfahren wird, weil man solche Subjekte irgendwann einfach über den Haufen fahren kann. Was sie unter den Kleidern und unter ihrer Haut trägt, wiegt eine ganze Horde solcher Anzugträger und (Sitz)Banksitzer um Längen auf. Aber eben. Wer guckt heute schon noch unter die Haut. Für die meisten reicht der nächste Anzug. Wenn er noch schön gebügelt und gestärkt ist, ist alles in bester Ordnung.


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