Warum hier weiter bloggen? Und wie?
Bloggend dem Warum nachspüren?
Vier Jahre lang habe ich nun also ein Blog geführt, und zwar als eine Art Logbuch der eigenen Gedanken, geführt im Web (ein Weblog eben), mit dem breitest möglichen Spektrum. Was treibt uns alle denn so um im Leben, über alle Tage eines Jahres gesehen? Eine ganze Menge. Genau. Nicht in allem, was einen beschäftigt, ist man Experte. Wobei auch für ihn alte Fragen unbeantwortet bleiben oder neue zu stellen sind. Als Antrieb für das weitere Nachdenken, gewissermassen.
Zeitgeschichte, oder auch nur Zeitgeschehen hat dabei je länger je mehr Platz eingenommen auf diesen Seiten. Eine persönliche intellektuelle und emotionale Verstrickung in ein Projekt wie FACTS2.0 war dafür eine Art Brandbeschleuniger, die Lust an der Debatte bekam Raum und rieb sich am inneren Versuch, Linie und Tiefe zu wahren. Doch je länger je mehr hat mir die Ruhe gefehlt, das momentane Geschehen wie das persönliche Erleben auf die Ebene zurück zu führen, wo wir alle zu fragenden Experten unserer eigenen Lebensentwürfe und Lebens- und Weltbilder werden:
Wer bin ich? Woher komme und wohin gehe ich? Warum lebe ich?
Ob wir wollen oder nicht, wir es gedanklich bewusst angehen, ob wir unsere Stimmung bewusst davon beeinflusst sehen, ob wir uns in der Sinnfrage umgetrieben oder positiv herausgefordert fühlen, immer beeinflusst ein Fragewort unser Sein und die Wertigkeit, die wir ihm zuordnen:
Warum?
Wenn wir in jedem neuen Geschehen, jeder aktuellen Lebenssituation die Frage stellen, ob wir glücklich oder tief zufrieden sind, so ist mit der Antwort verbunden, ob wir in dem, was unser Dasein bestimmt, einen Sinn erkennen und diesen bejahen können. Für eine momentane Leichtigkeit mag es ausreichen, dass uns die Frage gelassen bleiben lässt, weil sie uns im Moment nicht kümmert. Dauerhaft aber fordert sie eine Antwort oder eine Haltung, in der wir dieser Frage zu begegnen versuchen.
Der Mensch als denkendes Wesen, das sich von jedem Säugetier unterscheidet und die Entwicklungsgeschichte zum Urheber der Zivilisation durchlaufen hat, lässt sich genau daran festmachen:
Er ist das einzige Lebewesen, das nach dem Warum fragt.
Ich möchte mich diesem Phänomen wieder mehr widmen, mich mit meinen Fragen beschäftigen, sie aushalten, und mir die Zeit lassen, um sie jenseits der Tagesaktualität, aber durchaus durch sie angeregt, immer wieder neu zu stellen und nach Antworten zu suchen.
Daher habe ich einen starken Wunsch, den ich dem fünften Jahr meines Bloggens voran stellen möchte: Ich möchte mir für meine Einträge mehr Zeit lassen. Und damit aus der inneren Routine ausbrechen, die mich darauf achten liess, wirklich täglich etwas Neues online zu stellen. Keine solchen Zwänge mehr. Ich habe hier keinen Abgabedruck. Und im Hintergrund werde ich mir die Zeit schaffen, die es, theoretisch, doch möglich macht. Ich will sie aber zuerst dafür nützen, mehr zu lesen. Nicht noch mehr Zeitungen. Sondern Bücher. Und Blogs. Ja, genau, Blogs: Es gibt nämlich, wie ich glaube, durchaus so was wie eine neue Textgattung, die dem Blogeintrag entspricht. Dem möchte ich nachforschen. Eine Einladung zur Beteiligung folgt zu gegebener Zeit.
Warum nur ist mir dieses Schreiben hier so teuer? Ich werde nun mit grossem Vergnügen und eben so grosser Dankbarkeit diesem Gedanken noch ein Weilchen nachhängen. Und wünsche ein schönes Wochenende! Vielleicht mit dieser Frage:
Was ist denn Ihre liebste Freizeittätigkeit, also die Tätigkeit, die Sie Ihre Freizeit als freie Zeit erleben lässt? Viel Spass beim Nachspüren und Vertiefen – und: Just do it!
°
[Bildquelle: kontemplativ.de ]
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Zeit und Leere
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leu · 18. Oktober 2008, 19:59 · #
Das ist nun wirklich eine gute Frage die ich in den nächsten Tagen mal etwas vertiefen werde. Danke
Zappadong · 20. Oktober 2008, 13:04 · #
Ich habe immer so gebloggt, wie du gerne (wieder) bloggen möchtest.
Nur: In den letzten Wochen sind zwei Dinge passiert.
1. Blogoscoop ist online gegangen, und plötzlich hat das Spiel mit den Zahlen Spass gemacht. Ich weiss jetzt, wer/was technorati ist, was ein Google ranking ist, wie man pingt, ja, sogar was ein RSS Feed ist und man so einen installiert (lauter Dinge, die ich vorher nicht wusste und die mich auch nicht interessierten)...
Solche Sachen faszinieren mich ungemein – und leider habe ich den Hang, mich von solchen Spielereien auch total reinziehen zu lassen. Sprich: Mir war plötzlich wichtig, was mir vorher – mit Verlaub – scheissegal gewesen ist – die Zahlen. Und es ist passiert, was ich nie wollte, dass es passiert: Ich ertappte mich auch plötzlich dabei, auf die “Einschaltquoten” zu achten.
2. Die Ereignisse haben sich überschlagen: Facts, die Finanzkrise, meine Tageszeitung, die den Bach runter geht … und überall drängte es mich aus einer inneren Wut, aber auch aus einem tiefen inneren Antrieb heraus, meine Meinung zu diesen Themen schreiberisch zu verarbeiten.
Und so kam es, dass aus meinem Vorsatz, weniger zu bloggen, weniger online zu sein, zum x-ten Mal nichts geworden ist.
Ich danke dir für den Gedankenanstoss zur richtigen Zeit. Auch ich werde wieder so bloggen wie früher: Nämlich dann, wenn ich etwas zu sagen resp. schreiben habe. Das kann mal mehr – aber auch mal weniger sein. Und vor allem sollen mir die Zahlen wieder so egal sein wie früher.
Thinkabout · 20. Oktober 2008, 21:00 · #
Ach Zappi,
wie herrlich ehrlich das ist und wie gut ich es verstehe!
paz · 20. Oktober 2008, 23:17 · #
ein guter gedanke, lieber kurt thinkabout! wobei: weshalb soll man sich den tagesaktualitäten verschliessen? und wenn’s halt der vermaledeite facts- dingsbums, oder die amerikanischen wahlen, oder die derzeitige “finanz“krise ist.
“mein schreiben, mein atmen” sagst “du”. man atmet wohl mehrere hundert liter luft in einem tageszyklus, und der gedanken werden es wohl zehntausende mehr sein. deswegen schreibe ich wohl momentan so selten, ich müsste mich wirklich mit dem computer-schreib-programm vernetzen, damit alles rüberkäme. und ob dann wirklich alles rüberkäme? gedankensprünge zuhauf! das würde wohl kaum einer mehr verstehen. tant pis… ich lebe noch immer, mit immer längerem bart und geklauter brille, aber ich lebe noch. obwohl mich kaum jemand mehr lesen kann.
obwohl ich spiele mit dem gedanken… wenn ich mich vielleicht bald an den username sowie das passwort bei meinem host noch erinnern kann… ;-)
bald wieder in männedorf! lust auf ein essen? halt wie gehabt auf dem teppichboden…
gruss!
Martin · 21. Oktober 2008, 20:28 · #
Trotzdem viel Spass beim Bloggen.