Wehr' dich, aber verlier' dich nicht
Denen gegenüber, die mir Böses wollen, lass mich angemessen reagieren, und meine Seele möge gelassen bleiben, was auch geschieht.Talmud
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Egal, ob wir Ecken und Kanten haben, als “schwierig” gelten, oder aller Liebkind zu sein scheinen: Den Menschen, mit dem alle auskommen müssen, den gibt es nicht. Also geraten wir alle in Konflikte, und oft ist das Bemühen, nachzugeben und keinen Streit zu wollen, mehr eine Vermeidung von Ärger denn eine Klärung von Konflikten.
Es heisst denn auch: “lass mich angemessen reagieren”. Und angemessen kann sehr wohl Widerstand, Widerrede bedeuten. Und Bestimmtheit. Es ist durchaus nicht so, dass allen Menschen immer dann am besten geholfen ist, wenn Streit nicht ausgetragen wird. Das Kind, das schweigen soll, weil es sonst “immer die Familie durcheinander bringt”, wird an seiner Entfaltung gehindert – und die Familie bleibt der fragile Haufen, der nur nicht zusammenfällt, weil Hierarchien reklamiert werden, obwohl sie keine substanzielle Basis haben.
Nur: Was geschieht mit uns, wenn wir uns wehren? Bauen wir damit unsere Bedrängnis ab, werden wir unseren Frust los und bringen wir vor, was uns wichtig ist? Was ist danach? Was löst es aus?
Oft steigern wir uns in einen Disput hinein, und statt dass Ruhe in uns einkehren würde, sind wir, ist “der Kampf einmal eröffnet”, erst recht “geladen”: Wir gestatten denen, die uns angreifen, uns dauerhaft aus der Balance zu werfen – und womöglich ist auch unsere Replik nicht dazu geeignet, wirklich Grenzen zu ziehen, die der andere auch respektieren kann, wenn er es denn will.
Es ist nicht leicht, zu lieben. Und sich darin nicht zu verlieren.
Und ganz offensichtlich ist es ist auch nicht leicht, zu streiten, und dabei bei sich selbst zu bleiben – oder gar zu sich zu finden.
Claudia · 25. März 2011, 09:54 · #
“Bei sich selbst bleiben” heißt für mich konkret: zu sich selbst zurück kommen, das Streit-Thema auch wieder loslassen können. Quasi wie “Kupplung treten” beim Auto.
Es ist nicht zu erwarten, dass alle Menschen sich mir angleichen – weder in ihren Handlungen noch in ihren Meinungen. Interessenkonflikte sind normal, ebenso die übglichen Auseinandersetzungen über Meinungen, die man sich bildet, ohne selbst konkret von etwas betroffen zu sein bzw. sich tiefer damit befasst zu haben.
Selbstbeobachtung bringt die Erkenntnis, was die jeweiligen Eigeninteressen und Motive sind. Deren Bewertung mittels des eigenen Wertesystems führt zum Gefühl der Berechtigung (oder zum Verwerfen).
Als legitim angesehene Interessen kann man dann auch ohne Angst und Schuldgefühl vertreten, sowie den Versuch starten, das Gegenüber zur Offenlegung seiner Interessen und den Gründen für deren gefühlte / gedachte Berechtigung zu bewegen.
Findet man gemeinsame Werte, ist es möglich, Kompromisse zu finden, Ist das nicht der Fall, kann man Toleranz üben – was allerdings nur insoweit gelingt, wie man in der jeweiligen Sache mit dem Anderen nicht existenziell verstrickt ist. Leben und leben lassen funktioniert nicht z.B. auf einem Boot, das ein Leck hat…
Kompromiss, Toleranz, Ignoranz, Kampf – das sind die Optionen. Sieht man von den existenziellen Situationen ab, kann man mit einiger Übung gut “loslassen” – ansonsten aber nicht.
Thinkabout · 11. April 2011, 10:30 · #
@Claudia
Ich musste in den letzten Tagen immer wieder an das von Dir geprägte Bild denken: Die Kupplung drücken können. Wie wichtig das doch sein kann! Will man zur Ruhe kommen, muss man auskuppeln. Sonst nützt alles Bremsen nichts.
Auch Deine Gedanken über die Toleranz gefallen mir sehr: Fällt sie leicht, ist die Gleichgültigkeit nicht weit. Ist sie unmöglich, kann es auch bedeuten, dass man (für sich) Distanz schaffen muss.