Welcher Wettbewerb? Nicht nur die Frage am 1. Mai...
Unser kapitalistisches System betont immer wieder den Nutzen des Wettbewerbs. Ihm wird der rote Teppich ausgebreitet, wo immer er zum Thema wird. Es scheint fast so, als wäre “Wettbewerb” der Schiedsrichter, der jedem Spiel die Fairness garantiert – und die endlos laufende Meisterschaft. Dabei verkennen wir, dass jedem Wettbewerb ein Grundproblem innewohnt: Es gibt am Schluss EINEN Sieger.
Ein aktuelles Beispiel:
Die Schweizer Wettbewerbskommission bemerkt zur Situation, dass Coop durch den Zukauf der Schweizer Carrefour-Verkaufsflächen Einsparungen im Einkauf erziele und diese an die Kunden weiter gebe, dass dies “für den Wettbewerb positiv” sei.
Eine absolut lapidare Feststellung, ich weiss. Und doch hinterfrage ich genau diesen einen Satz. Angesprochen ist nur der Wettbewerb nach dem billigsten Angebotspreis. Wenn der Gewinn dieses Wettbewerbs von allen Teilnehmern gleich wichtig genommen wird, gewinnt ihn in jedem Fall der wirtschaftlich Stärkste. Denn er kann über die grössere Menge am billigsten produzieren, verpacken und transportieren lassen.
Hat er ein bisschen Gegenwehr, so muss er dafür besonders aggressiv sein und intern die Kosten so strikt minimalisieren, dass alle weichen Faktoren im Betrieb abspecken müssen – nicht zuletzt die Mitarbeiter.
Am Markt wird dadurch die Differenz zwischen Preis-Führerschaft und, z.B., Dorfladen, zusätzlich verschärft. In den Medien wird über den Preiskampf sehr viel mehr berichtet als über Qualitätsunterschiede. Denn nichts lässt sich objektiv (scheinbar) so gut messen wie Unterschiede in der objektiven Zahlen-Messgrösse des Preises. Das gilt sogar für Konsumentenschutz-Magazine. Nichts findet dort so viel Platz wie reine Preisvergleiche. Die Preissensibiliserung der Konsumenten nimmt dadurch über Gebühr zu. Folge: Die alternative Angebotskonzepte verfolgenden Organisationen geben auf. Der Wettbewerb führt in seiner Konsequenz zum scheinbar objektiv dominierenden Billigpreis-Angebot des Stärksten. Und damit zu weniger Auswahl.
Verglichen mit einem durchschnittlichen Schweizer Detailhandelsangebot, das heute (noch) drei Preisebenen kennt, sind in Deutschland Parallel-Angebote von Billiglinien möglich: Sie können als Kunde zwischen drei billigen Produkten wählen, statt zwischen drei Qualitäten. Der billige Preis hat die Frage nach der Qualität, an die eh niemand mehr glaubt, verdrängt.
Diese Frage des Wettbewerbs beherrscht auch die Globalisierung – wobei dort nicht einmal die Wettbewerbsgrundlagen und die wirtschaftlichen Voraussetzungen (Arbeitsrecht, Ökologie etc.) für alle Teilnehmer gleich sind. Gewinnen wird auch in diesen Märkten am Ende EIN Player. Die Globalisierung vergrössert nur den Markt, sie verhindert nicht dessen Mechanik. Dafür lockt sie mit noch grösseren Gewinnen: Wer den Markt beherrscht, schöpft ihn ab.
Dass die grossen Spieler dieser Märkte so denken, zeigt sich am neusten Beispiel der Wrigley-Übernahme durch die Mars-Besitzer. Sofort wird in der Presse die neue Nr. 1 deklariert, der Umsatz genannt – und die Quintessenz für alle anderen ist, so wird geschrieben: Es wird notwendig, sich zusammen zu schliessen, um “den Anschluss zu halten”. Die Nr. 2 ist der erste Verlierer.
Unter uns gefragt:
Hat wirklich jemand von uns das Gefühl, dass wir diese Form von Wettbewerb wirklich brauchen? Sie führt doch nicht in die Freiheit, sondern in die Abhängigkeit einer Marktmacht, die sich durchgesetzt hat. Und am Ende die Regeln diktiert.
Was dies für Grundnahrungsmittel, Trinkwasser, Energie für die Welt bedeutet, können wir schon erahnen…
Politik? Ist bald wohl nur noch eine Beschäftigung für Träumer. Es sei denn, wir räumen ihr ein, als Vertretung unserer tieferen Bedürfnisse die Regeln auszuarbeiten, die ausdeutschen, was gemeint sein könnte, wenn wir sagen: Wettbewerb ja, aber…
Eine sehr schwierige Frage, die sich schon bei unserem nächsten Einkauf uns allen wieder stellt.
[Bildquelle: swissinfo.ch ]

Zappadong · 2. Mai 2008, 07:44 · #
Ich bin als Coop-Kind aufgewachsen. Will heissen: Die Familie hat immer im kleinen Coop um die Ecke eingekauft. Als Erwachsene bin ich zur Coop-Erwachsenen geworden – mit ab und zu einem Fremdgehen bei der Migros. Kleine Coop-Läden kann man heute suchen. Sie ziehen sich aus den Dörfern zurück, lohnt sich nicht mehr. Nur Deppen wie der Volg harren noch aus und stellen sicher, dass Oma Müller zu Fuss einkaufen gehen kann. Weil aber Oma Müller keine Kofferräume voller Ware aus dem Laden mitnimmt, haben die Lebensmittel bei Volg ihren Preis. Was Tochter Müller dazu veranlasst, Oma Müller in ihren Wagen zu verfrachten und sie im nächsten Coop- oder Migros Grossladen mit einem überdimensionierten Einkaufswagen auf Tour zu schicken. Da steht sie dann, Oma Müller, in Versuchung geführt von lauter Zeugs, das sie nicht braucht, häuft ihr Wägelchen und erschrickt über der Summe, welche die nette Verkäuferin ihr an der Kasse nennt. Dann hält sie verdattert das Kundenkärtchen von Tochter Müller hin (weil sie selber noch keins hat), nimmt noch die “Märkli” und den Benzingutschein mit und verlässt einigermassen geplättet den Laden. Im Dorf machen sie einen kurzen Stopp beim Volg, weil Tochter Müller die Butter vergessen hat, die sie jetzt noch schnell kaufen will.
Vor langer Zeit sind Läden wie der Coop und die Migros entstanden, um für die Leute da zu sein. Auch auf dem Dorf. Dann haben sie begonnen, Monopoly zu spielen. Auf der Strecke bleiben die Leute, für die sie angefangen haben.
Ein Vorschlag: Die ganzen Werbekosten, die diese Ketten verbraten (in Werbung, die es gar nicht braucht, weil sowieso jeder Schweizer, resp. jede Schweizerin in einem der beiden Läden einkauft), könnte man sinnvoll investieren. In Dorfläden zum Beispiel.