Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Wer reisst mir meinen Sitzplatz unterm A... weg?

∞  22 November 2009, 17:31

Spitzenfussballspiele in der Schweiz. Klassiker. GC gegen Basel. FCZ gegen Basel. FCZ gegen GC. YB will nicht zurück stehen. Nicht mal Luzern. In St. Gallen halfen die Fans gar beim Stadionabbruch des alten Espenmoos.




Gemeint sind aber nicht nur die Fussballer. Oder die Zuschauer. Die wirklichen Fans. Sondern die Hooligans.

Sich die Köpfe einschlagen mit Baseballschlägern. Sitze aus den Verankerungen reissen. Petarden in den gegnerischen Fanblock schiessen. Polizisten aufmischen. Parolen schreien, die zuckenden Hände gestreckt nach vorne oben ausfahren lassen. Die Enthemmung beginnt im Kleinen und hat je länger je tiefere Schranken.
Auch, weil sie auf eine Hemmung der Gesellschaft trifft. Die will die Vereine mehr in die Pflicht nehmen und sie büssen. Sind ja schliesslich “ihre Fans”. Gleichzeitig debattieren wir über die Verhinderung des gläsernen Staates durch Video-Aufnahmen auf öffentlichem Grund. Was droht mehr? Der privat sich organisierende oder spontan wütende Pöbel, oder der manipulierende Staat?
Was vor allem droht: Eine Gesellschaft, die, statt sich zu wehren, sich in Statthalter-Diskussionen verliert, wer denn welche Verantwortung (und welche Kosten) zu tragen habe? Dies ist scheinheilig. Tönt für mich alles ein bisschen wie: “Ich nicht, der andere auch.”

Die Chaoten treten uns derweil zielgenau aufs Hühnerauge:
Wer sich um die Regeln einen Deut schert und die grobe Auseinandersetzung nicht scheut, macht uns ratlos. Ist doch schade, wenn ein bisschen Drohen mit dem Zeigefinger die Jungs nicht zur Raison bringt. Und während wir es also nicht schaffen, diesem Druck Stand zu halten und so viel Strafe auszusprechen, wie die Situation verlangt, kann ich mir überlegen, wie mein persönliches Verhalten der Situation nun gerecht werden mag:
Selbst nicht mehr zu Fussballspielen (und bald zu Eishockeyspielen) mehr gehen – und damit die Clubs für ihre Unfähigkeit “bestrafen”, für sichere Verhältnisse zu sorgen.
Dann gehört Fussball endgültig zu jenen Vergnügen im Hause Thinkabout, für die ich den Fernseher brauche. Den Hartgesottenen im Stadion bleibt dann die Aufgabe, für die akustische Stimmungskulisse zu sorgen, die mich das auch im Fernsehsessel geniessen lässt.

Oder erst recht hingehen, weil ich mir von Chaoten und Delinquenten das Vergnügen nicht nehmen lassen will? Ihnen diese Macht über meine Freizeitgestaltung nicht zugestehen? Aber es bleibt eine Tatsache: Ich ärgere mich jedes Mal über ungestrafte Sachbeschädigungen – und über eine Gesellschaft, die mit einer unendlich lahmen und nassen Zündschnur mit Jahrzehnten Verspätung auf solche Auswüchse reagiert, wenn überhaupt. Es ist Zeit, dass wir alle wieder verbindlicher erzogen werden. Von welchen Umständen auch immer, aber vor allem motiviert von unserem ehrlichen Bedürfnis, in unserer wirklichen Freiheit nicht eingeschränkt zu werden -und jede Freiheit des Nächsten dort begrenzt zu sehen, wo eine andere beginnt. Und dies alles, bitte, sehr, sehr verbindlich.


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Kommentare

  1. Caro · 23. November 2009, 10:12 · #

    Bist Du denn schon mal im Espenmoos gesessen? ;-)

  2. Zappadong · 23. November 2009, 10:28 · #

    Da ich mich für meinen Blog ziemlich in Recherchearbeit gestürzt und viele gute Links gefunden habe, mache ich für einmal schamlos Werbung:

    http://zappadong.blogspot.com/2009/11/wo-man-ungestraft-ganze-bahnwagen.html

  3. Thinkabout @ Caro + Zappi · 23. November 2009, 10:31 · #

    Danke Euch!
    @Zappi: Aber immer doch. Wollte eh noch auf Deinen Artikel verweisen, den ich mittlerweile dank Thinkabouts Wife auch gelesen hatte.
    @Caro
    Oh, keine Sorge, das getrauen sich auch die Zürcher Hoolies im Letzigrund

  4. Marianne · 23. November 2009, 10:57 · #

    Das mit den Hooligans fängt ganz weit unten an. Nicht die Fussball-Clubs sind verantwortlich, sie sollten auch nicht bezahlen, das wäre total ungerecht. Dank ihnen geniessen Tausende ihre geliebten Fussball-Matches. Ich plädiere für einen Grundkurs für Frischverheiratete, b.w. für alle mit Kinderwunsch, Einen “wie erziehe ich meine Kinder zu anständigen Menschen”-Kurs, Und dies nicht nur als Schnellbleiche, in einer Stunde. Sodern mit Abschlussprüfung und Diplom. Nur so kommen wir weg vom Chaotentum, von Schlägern und rücksichtsllosem Benehmen. Wie hiess es doch; zuhause muss beginnen………..

  5. Zappadong · 23. November 2009, 12:50 · #

    Das Problem ist folgendes, Thinkabout: Wir stecken schon längst in einer Generation von Eltern, die den Kurz zum anständigen Benehmen selber nötig hätten. Die Vorbilder fehlen an allen Ecken und Enden. Und ich fürchte, wir brauchen weit mehr als nur Kurse für zukünftige Eltern.

  6. skriptum · 23. November 2009, 13:19 · #

    Was sowas mit Fußball (von Sport ganz zu schweigen) zu tun haben soll, weiß vermutlich kein Mensch …

  7. Richard · 25. November 2009, 13:37 · #

    früher haben sich die burschen auf den diversen, dörflichen festen die köpfe eingeschlagen und heute, vermehrte mobilität, eben bei großveranstaltungen. kenne viel brave opas “heute” die vor 40 bzw. 50 jahren es auch ganz schön als “halbstarke” krachen ließen und heute nicht smehr davon wissen bzw. es damals ja ganz anders war! einzig die hemmschwelle von körperverletzung zu totschlag scheint gesunken zu sein. zu den eltern – welche fallen auf? einen bodensatz von unbelehrbaren gab es immer schon. meine mutter verbot mir mit dem oder jenem zu spielen – meistens aus meiner damaligen sicht die interessantesten – und hatte in der nachbetrachtung recht – und das gibt es heute auch noch.

  8. Thinkabout @ Richard · 28. November 2009, 11:14 · #

    Stimmt – aber die Auswüchse verlagern sich immer mehr in den öffentlichen, gemeinschaftlichen Raum, und es kann nicht sein, dass ich mit dem Jungen eines Freundes NICHT an einen Superleague-Match gehen kann mit der Gewissheit, von Gewaltszenen verschont zu bleiben.


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