Wer zum Teufel ist das: Ich
Henning Mankell im ZEITMAGAZIN 12/10 über das Altern:
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Henning Mankell im ZEITMAGAZIN 12/10 über das Altern:
Mankell ist nun sechzig. Mir noch etwas Jüngerem steht es nicht zu, hier zu protestieren. Es ist auch nicht nötig. Zum Alter und zur neuen Ehrlichkeit, die sich auch noch aussprechen lässt, gehört wohl heute, dass so was gesagt werden “darf”. Es ist ja auch nicht falsch. Vielleicht aber wandelt sich gerade dadurch unser Kampf. Das Leben beeinflussen wollen, um Beziehungen kämpfen, um Ansehen, Geld, Macht, Freiheit – wir alle machen unsere Scheinverträge mit dem Leben, ohne dass uns dieses Leben danach gefragt hätte. “Wenn ich dies oder das “erreiche”, dann bin ich zufrieden. Aber das Laben hat seine eigenen Pläne mit uns, und ab einem gewissen Alter weiss man das. Dazu gehört ganz bestimmt, gerade für intellektuelle Menschen, eine Resignation, die erst einmal eingestanden werden muss. Auch die wichtigsten Entscheidungen, die man im Leben traf, sagt Mankell, liegen mit 60 eigentlich für fast alle Menschen hinter ihnen. Doch die weisen Dinge geschehen womöglich im Stillen, die wirklichen Siege haben nichts Spektakuläres, bestechend sind womöglich die einfachen Rechnungen, die solche Menschen uns aufmachen können:
Den dummen Dingen schaut man je länger je mehr wohl einfach nur noch zu. Es ist wohl eine der grössten Aufgaben, wenn man dem Leben recht geben will, einzusehen, dass es macht, was es will. Das einzige, was wir beeinflussen können, ist unser Umgang mit dieser Tatsache. Mit uns. Mit unseren Ängsten und Fragen, mit dem Leid und der Unrast, die vor dem Frieden steht und diesen verbaut. Wir werden “die Welt” nicht verändern. Die Welt aber kann helfen, dass wir uns verändern – hin zu dem, was uns wirklich ausmacht, was wir sind. Schälen wir ein bisschen an der Zwiebel, die unsere Seele ist. Manchmal gibt das Tränen, aber wenn wir den Kern frei legen, liegt darin eine Schärfe und Klarheit, ein Geschmack, der allem, was wir sehen, fühlen und erleben, auch Würze geben kann und den Wert, das es besitzt: Es wandelt sich in der Zeit wie sich unser Körper wandelt, und unser Bewusstsein. Im Alter wollen wir wieder wissen, wer wir sind. Auch das sagt Mankell. Wir denken darüber aber ganz bestimmt anders nach als in jungen Jahren. Weil wir weniger fernsehen, können wir uns dafür auch genügend Zeit nehmen.
Es ist mehr davon da, als wir glauben. Ganz einfach deshalb, weil wir sie vielleicht im Alter ganz neu als Geschenk empfinden können. Der einzelne Augenblick zählt. Vielleicht mehr als früher, als die Zukunft wichtig war. Jetzt aber wird die Herkunft wieder zum Thema. Und ich hoffe, ich kann dann etwas von dem Gefühl vertiefen, das mich in mir drin nach der einzigen Genspur fragen lässt, die mich wirklich interessiert: Wer bin ich?
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Bildquelle: dtv.de
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Claudia · 20. März 2010, 10:51 · #
“Wir werden die Welt nicht verändern”, schreibst du. Als gäbe es diese vom Ich-Gedanken stammende Verobjaktivierung (hier ich, da Welt) wirklich.
Dabei SIND wir ein Teil der Welt – und insofern fortwährend an deren Gestaltung beteiligt: per Stoffwechsel, per Konsum, per Kommunikation und per politischer Wahl und evtl. Einflussnahme zwischen den Wahlen.
Schöner inspirierender Beitrag! Macht Lust, auch mal wieder was zu “wer bin ich?” zu schreiben.
Richard · 20. März 2010, 11:09 · #
die welt von mir wahrgenommen ist jeden augenblick durch meine subjektivität “Anders” mein mir jetzt gerade am nächsten stehender mensch wird diese wieder anders empfinden. dies zu akzeptieren ist die schönheit des alters
Seelenleerer · 20. März 2010, 14:58 · #
Wer Du bist kann Dir leider nur die Gegenwart erzählen.
Also weder die Gedanken an die Zukunft, die Du der Jugend zuordnest, noch die Rückschau des Alters helfen in dieser Frage auf die Sprünge.
Aber wenn Du den Kern schon einmal freigelegt hast, ist Dir dies ja längst bekannt.
Thinkabout · 20. März 2010, 16:55 · #
Wie wir die Welt sehen – in der Tat gäbe es eine sehr interessante Übung, um festzustellen, wie unterschiedlich man “die Welt sieht”. So möchte man doch annehmen, dass die Freunde eine einigermassen richtige Vorstellung davon haben, was im eigenen Leben “gut funktioniert” und was nicht. Könnte man sie erzählen lassen, wie sie unser Leben auf dieser Seite des Gartenzauns sehen, einschätzen und bewerten, wir würden uns wundern: Wir neigen extrem dazu, Dinge zu biegen, färben, auszuschmücken. Wir bilden uns unsere Welt, mag sie scheinbar noch so gegenständlich sein.
Seelenleerer · 20. März 2010, 19:43 · #
Genau dort setzt der Buddhismus an, er versucht Dir Werkzeuge zu schenken, um die Wirklichkeit auch wirklich zu erkennen.