Wesenszüge des Verkäufers in der Bloggerseele
Oft habe ich als Verkäufer nach dem Wert einer Tätigkeit gefragt, bei der ich – immer auch Partei – versuche, “mein Produkt” mit seinen Stärken und Schwächen gegen das Konkurrenzprodukt mit dessen Stärken und Schwächen durchzusetzen.
Nicht immer, wenn ich erfolgreich war, konnte ich das wirklich auf das Produkt zurück führen, und nicht immer, wenn ich keinen Erfolg hatte, war das auf Nachteile des Artikels zurück zu führen.
Wer verkauft, merkt schnell, dass ein Verkauf immer auch eine Sache der Chemie ist: Wer sich zutiefst unsympathisch ist, wird sich hüten, gegenseitig Geld gegen Ware zu tauschen, wann immer das möglich ist. Also spielen immer “weiche” Faktoren wie Sympathie mit eine Rolle – weil auch Vertrauen dazu gehört, jemandem für eine Ware einen verlangten Wert zu bezahlen. Geht es dabei um eine Dienstleistung, ist das ganz stark ausgeprägt.
Wenn ich aber als Verkäufer immer auch auf das Vertrauen des Käufers angewiesen bin, dann muss ich mir eine Eigenschaft zulegen, die mein Selbstbewusstsein im Einsatz für das Produkt begleitet:
Er kommt ganz sicher, wird akzeptiert, der Moment, in dem ich mit dem Entscheid des Kunden leben muss. So bald ich eine Offerte abgebe, erlaube ich dem Kunden ein Urteil, egal, wie sehr ich ihn fachlich oder menschlich dazu qualifiziert glaube. Und es ist meine Aufgabe, mit seinem Urteil dann selbst umzugehen. Ich muss ein Nein akzeptieren. Und wenn ich es nur auf seinen mangelnden Durchblick zurück führe, schütze ich vielleicht mein Ego, aber ich verbessere mich sicher nicht.
Und wie ist das nun, wenn ich ein Blog eröffne, ein Forum gründe? Irgendwann gehe ich online, veröffentliche Content, etabliere einen User-Nutzen. Ich tue es freiwillig und das Angebot ist gratis. Man kann bei mir lesen oder auch nicht. Auf diesem Hintergrund kann ich jede Kritik annehmen oder ablehnen, das ist mein gutes Recht. Aber im Grunde muss ich jeden, der sich zu meinem Web-Erzeugnis äussert, ernst nehmen. Denn wenn ich es nicht tute und dabei wenn möglich auch meine Laune noch eine Rolle spielt, dann kann sich jeder fragen: Und bei nächster Gelegenheit – werde dann ich ignoriert?
Es ist eine grosse Herausforderung, in einem Online-Auftritt seine Linie zu finden und dann diese auch durchzuhalten. Es ist für sich selbst, ganz allein, schon schwierig, in einem Team aber noch sehr viel aufreibender. Es wird viel Energie verbraucht. Aber sie muss eingesetzt werden, denn es ist immanent für die Lebendigkeit des Angebots.
Wenn wir dann sagen: “Scheiss drauf, schliesslich ist es gratis”, dann belügen wir uns schon selbst. Denn wir wollen für unseren Aufwand ja Feedback, mindestens das Gefühl, in unserem Tun verstanden und respektiert zu werden.
Es mag ein manchmal heilsamer, guter, schützender Kunstgriff sein, dass wir mal sagen können: Das ist mir jetzt nicht wichtig, auf diese Meinung gebe ich nichts. Ich schreibe, gestalte, konzipiere für mich. Aber ich will mich nicht selbst belügen: Ich möchte gelesen werden. Möglichst vollständig verstanden werden und im Grunde niemandem gleichgültig sein. Obwohl ich das nicht verhindern kann, und will (ich mag nicht zum Unglück verdammt sein). Und jetzt schmunzle ich mal eine Runde und freue mich auf meine weiteres Wohnen in meinem Haus und die offene Türe. Und ich wage das Angebot weiterhin.
Und damit alles, was danach kommt.

Caro · 19. April 2008, 14:58 · #
Was mich an vielen Blogs am Meisten stört, ist der Hang zur Selbstverliebtheit anstelle authentischer Reflektion. Und dass so gerne etwas vorgemacht wird – sich selbst am Meisten.
So, wie ich das verstanden habe, bleibt uns Thinkabout.ch erhalten?
Ich mag gute Nachrichten ;-)
ben_ · 20. April 2008, 13:07 · #
Was soll ich sagen, als jemand, der Demut im Namen führt?
Mit Verkaufen habe ich es ja gar nicht. Ich streube mich gegen’s Verkaufen. Es entspricht mir schlicht nicht, es läuft quer zu allen Richtungen, die mein Gedanken nehmen.
Aber die gespaltene Bloggerseele kenne ich nur zu gut. Und auch wenn’s der Weg zum Hochmut ist, inzwischen gitl für mich: Erst blogge ich für mich, dann für euch.
Thinkabout · 20. April 2008, 21:04 · #
Liebe Caro:
Was ich fühle aber nicht versprechen kann: Thinkabout.ch wird es immer geben. Selten war ich mir dessen so sicher, mag es auch eine Ungeheuerliches zumutende Aussage geben – und eine, die gar nicht zu garantieren ist. Es drückt einfach aus, wie sicher ich mich in meinem Tun hier fühle.
@Ben_
Gerade beim Bloggen verkauft sich Demut sehr wohl gut: Verkaufen ist nicht immer ein Herschenken, Niederreden, Abzocken. Es kann auch einfach ein Angebot sein, eine Darstellung, ein Einlassen anbieten. Vielleicht ist Bloggen eine Art Verkauf von einem kleinen bisschen meiner Gedankenzeit an Dritte. Es ist nicht einfach ein Schenken. Denn der Leser muss sich einlassen – und damit seinerseits Zeit investieren. Im Mindesten.
Menachem · 20. April 2008, 21:33 · #
Hallo, Ben, ich glaube, bloggen kann man nicht für sich allein. Das Ego in uns Menschen gibt es nach Meinung nicht, daß wir es unterdrücken sollten. Weil ein Zeitgeist meint, sich von Egozügen befreien zu müssen, heißt das für mich noch nicht, daß ich das tue, ohne auch zu fragen, fehlt dann etwas Wichtiges in uns. Beiträge ohne Feed back sind wie ein Erzählen in den Wind. Schreiben für sich – ja, aber erst das durch das feed back rücke ich in eine Position. Diese macht es mir erst möglich, weiter nachzudenken. Es gibt einen schönen Satz, den ich Anfangs für ein Eingeständniss der Schwäche sah:
“Was interessiert mich mein Geschätz von gestern”. Mittlerweile ist es der Weg, neue Standpunkte mit neuen Sichtweisen für mich einzunehmen, und meinen alten Gedanken, die auch ihre Berichtigung hatten zu jenem Zeitpunkt, Adieu zu sagen. Wandel und Bewegung, für mich ultrakonventionellen Typ, fast die Befreiung aus starren Mustern.