Wieviel Deut scheren Sie sich ums Internet?
Das Internet ist uferlos. Die Dynamik, welche es manchmal offenbart, ist atemberaubend. Doch, ist Internet auch verbindlich? Die Spuren, die wir hinterlassen – sie sind verbindlich gelegt, wir können “verfolgt” werden. Das kennen wir alles, die nur scheinbar rein virtuelle Präsenz im Netz ist Illusion. Aber das, was wir geben und von anderen im Netz zu fassen kriegen – ist das verbindlich? Hat es einen Wert, der über ein Bild von einer Person, über einen Schmachtfetzen einer Ahnung eines Menschen hinaus geht? Was bietet uns denn Facebook an? Fotos, Vorlieben, Gadgets, Vernetzungen mit anderen Kommunikationstools. Ich kenne einen der einen kennt der diesen kennt. Und damit kenne ich mehr, die mich auch so kennen können als der Kenner nebenan der so viele Kenner nicht kennt. Oder so. Was auch ich und wen auch immer ich da dann kennen mag…
Selbstverständlich gibt es viele andere Möglichkeiten, das Netz zu nutzen. Wirklich zu kommunizieren, z.B. Auch ein Blog ist nicht einfach ein Blog. Es wird immer wieder ein bisschen neu erfunden – oder es findet sich eins, das zurück zu den Ursprüngen geht.
Doch wieviel Welt ist das, dieses Internet?
Ich stelle fest, dass die meisten Menschen, auch die wirklich guten Freunde, sich einen Deut um mein Tun im Internet scheren. Das Netz hat mich mit vielen Menschen in Verbindung gebracht. Aber noch viel mehr als im wirklichen Leben resultiert daraus ein Kommen und Gehen. Es werden Dialoge, Gespräche geführt, und dann ist er plötzlich weg. Oder ich. Und irgendwie zuckt man leichter mit der Schulter als dann, wenn einem das im täglichen Leben passiert. Es geschieht da auch, gewiss. Aber im Netz geschieht es schneller. Mit scheinbar weniger Schaden. Das Web ist weit und gross – aber irgendwie füllen wir es nicht aus. Meistens bleibt es blutleer. Es erzählt von der Welt. Aber es dreht die Welt nicht wirklich.
Und so ist auch dieses Blog wohl am ehesten das geblieben, für das es angefangen wurde: Als eine Art Visitenkarte. Wenn jemand fragt, was ich gerne tue, und ich erzähle, wie gern ich schreibe, dann kann ich mit ein paar Buchstaben auf diese Seiten verweisen. Und erkläre mich damit selbst. Was ich sagen will:
Nichts ist so schön, wie mit jemandem real über das hier zu reden. Oder über “sein Ding”. Denn erst in jenem Moment beginnt es wirklich zu leben. Und das ist doch gut so. Denn über was, bitte schön, schreiben wir denn die Geschichten? Über unser Leben. Und damit höchstens auch mal über den Umgang mit dem Internet. Aber es bleibt ein nüchternes Ding, mit dem eben umgegangen werden muss.
Der Web-Zugang ersetzt kein Gespräch, keinen Gang vor die Tür, keine Erfahrung. Es wäre schön, es gäbe mehr Web-Seiten, die Lust machen aufs Leben.
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Bildquelle: REAL – IRREAL, GANZ EGAL ?
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Claudia · 4. Mai 2010, 00:56 · #
Ich verstehe dich – empfinde aber anders. In gut 15 Jahren aktiven Netzlebens hatte ich unzählige Kontakte, Bekannte, Verbundene, Stammleser, Kursteilnehmer, Mitwirkende in gemeinsamen Projekten, auch immer wieder intensive Mailgespräche über Gott und die Welt und den ganzen Rest. Viele hab ich wieder aus den Augen verloren, ja – aber gar nicht wenige auch immer mal wieder getroffen,
Heut mittag z,B. hab ich mit jemandem telefoniert, den ich seit 15 Jahren durch seine sich wandelnden Webaktivitäten kenne und auch mal besuchte, um zu gucken, wie er “real” so ist. Was unsere publizierten Meinungen angeht, haben wir uns in unüberbrückbare Dissense auseinander entwickelt, was aber nicht daran hindert, mal wieder eine Weile über Dinge zu reden, die von diesem Dissens nicht berührt werden. Im realen Leben hätte ich diese Art “schwache aber ausdauernde” Freundschaft nicht, denn da wäre es mir unmöglich, so starke Differenzen zu ignorieren zugunsten dessen, was geht!
“Ich stelle fest, dass die meisten Menschen, auch die wirklich guten Freunde, sich einen Deut um mein Tun im Internet scheren. “
Dafür fragen sich andere, was du heute wohl wieder machst, bzw. schreibst… :-) Du bist eine gern besuchte Insel – und die Gäste hier sind auch eher von der angenehmen Sorte!
“. Es werden Dialoge, Gespräche geführt, und dann ist er plötzlich weg. Oder ich. Und irgendwie zuckt man leichter mit der Schulter als dann, wenn einem das im täglichen Leben passiert. “
Bist du da sicher? Mit WAS im täglichen Leben vergleichst du denn? Doch nicht etwa mit dem Verschwinden langjähriger Freunde? Das hieße, Johannisbeeren mit Melonen vergleichen! Vergleiche lieber mit den Kollegen in einer weitläufigen Firma, den Mitgliedern eines großen Vereins, mit denen du am Rande eines Festes gelegentlich plauderst… auch Mitbesucher von Kursen und Workshops, politische Mitstreiter, Partybesucher und Literatur-Zirkel, philosophische Gesprächsrunden, Volkshochschul- und Unikontakte wären hier zu nennen. Sie verschwinden meist wieder.. und auch da zuckst du nur leicht mit der Schulter, oder etwa nicht?
“Das Web ist weit und gross – aber irgendwie füllen wir es nicht aus. Meistens bleibt es blutleer. Es erzählt von der Welt. Aber es dreht die Welt nicht wirklich. “
Ein Glück, wenns so wäre! Dann hätte der Mensch tatsächlich eine “zweite Welt”, in der er nichts bewirken und also auch nichts zu Grunde richten könnte! Ich könnte dir jetzt eine ellenlange Liste von “Leben bewegender” Netz-Nutzung erzählen, beginnend beim gelegentlich gelingenden “Agenda-Setting” im Raum der Netzpolitik über die durchgreifende Veränderung ganzer Berufsfelder hin zur Aufzählung beeindruckender Emanzipations- und Befreiungsgeschichten von Menschen, die es mittels des Netzes schafften, ihre Behinderungen (verschiedenster Art) zu überwinden und ein Leben nach eigenem Gusto zu führen!
Vernetzung ist nur etwas, das möglich ist, Einen Sinn hinein bringen, das müssen wir schon selbst! Das Gefühl der Gemeinschaftlichkeit stellt sich ein, wenn man zu mehreren in die gleiche Richtung agiert, also etwas konkretes unternimmt – wenn man also nicht nur so vor sich hin schreibt!
An möglichen Initiativen und Projekten mangelt es nicht, aber durchaus an Menschen, die miteinander nachhaltigere Verbindlichkeiten eingehen. Man hat ja meist schon Stress genug…
Für viele ist das Web Freizeit, Zerstreuung, Spielfeld, Info- & Shopping-Medium – keine Ebene, um neue Engagements einzugehen. Auch menschliche Kontakte werden “nach Gusto” gepflegt – warum auch nicht?
Trotzdem: wenn man sich einem Thema verschreibt und dazu mehr vorgibt als nur einen Blogbeitrag, ist es jederzeit möglich, eine spürbare Bewegung und Belebung über das Berichten und Betrachten hinaus anzustoßen! Man muss es nur WOLLEN!
“Der Web-Zugang ersetzt kein Gespräch, keinen Gang vor die Tür, keine Erfahrung.”
Für mich ist auch ein Community- oder Kommentargespräch eine Erfahrung. (Z.B. das aktuelle Gespräch bei AntjeSchrupp zum Thema Burka-Verbot. )
“Es wäre schön, es gäbe mehr Web-Seiten, die Lust machen aufs Leben. “
Also wenn ich mit “Sehnsucht nach dem Leben” vor dem Monitor säße, würde ich nicht Webseiten bauen, die “Lust machen auf Leben”, sondern mich aufs Rad schwingen und in den Garten fahren.
Komme ich aber vom Garten, ist es wunderbar, ins kühle vermindert-sinnliche, dafür geistig anregende Web einzutauchen. Dann wird mein Körper “satellitisiert” (bis ich die Halsverspannung spüre) – und ich fühl mich nicht mal schlecht dabei!
Sorry, das ist jetzt lang geworden – hast mich halt inspiriert! :-)
Chräcker · 4. Mai 2010, 08:08 · #
(Nein nein Claudia, ich stalke nicht… fast nie zumindest. Ich lese hier auch ab und an (sehr gerne) mit.)
Ich denke, Thinkabout, zum Teil ähnlich. Erlebe aber auch anderes. Und: es ist nicht nur, was Du beschreibst (so ich es richtig verstanden habe) ein Phänomen des Internets, das Internet hat es vielleicht höchstens verstärkt.
Es ist die Unverbindlichkeit, die zum Teil auch schon mit dem Handy (jaja) in das Leben einzog. Wollte man sich früher treffen, musste man sich verabreden. Man ging auch dann hin, sonst wurde man in die nächste Verabredung (ist ja eben auch Arbeit) nicht mehr einbezogen.
Man blieb auch erst mal dabei. Wohin sollte man auch erst mal, die anderen Verabredungen gingen ja dann an einen vorbei und liefen schon.
Durch das Handy wurde das verabreden obsolet für viele Leute. Man wartete bis zur Stunde X und schaute dann per Handy, wie man sich seinen Abend zusammen zappt. Erschien man dann endlich an einem Ort, und es war doch erst mal zäher als erwartet, zückten viele mehr oder heimlich das Handy und schauten, ob woanders nicht mehr los ist.
Kontakte wurden beliebig, lose vereint durch sms-Gruppen.
Das Internet spiegelt dieses Verhalten wieder und verstärkt es teilweise. Ich betreue einen Art “virtuellen Spieleverein” mit, der sich ein bis zwei mal die Woche abends “fest verabredet” trifft, um drei Stunden zusammen (jaja, übers Internet) zu spielen. Die Technik des “verbindlich zusagen” und “Anmeldefrist” löste lange Jahre Schweißperlen auf die Stirn der Leute aus. Man kam sich vor wie ein “Fernsehkanal”, den andere auch noch während der Sendung einfach wegzappen können. (Mitten im Manschaftsspiel passierte es dann, das ein Spieler sagte “oh, muß weg, Freunde grillen”)
Anderseits aber gibts im Internet die Fische im Teich, die doch immer wieder einmal vorbeischwimmen, wie ich zum Beispiel hier, und die Namen prägen sich als Bekanntschaften ein, es verbindet einen schon etwas. Als ich letztens meine Lesezeichen aufräumte, und alte Lesezeichen längst geschlossener Seiten anderer löschte, hatte ich bei fast allen Erinnerungsempfindungen. Das war schon nicht mehr so wegzappbar aus mir.
Als kleine PS. Die meisten meiner Freunde aus dem anfassbaren raum scheren sich leider auch keinen Deut um mein Tun im Netz. Leider deswegen, weil die Leute, die ich hier kenne, und die Gespräche, ja “echt” sind und teil meines Lebens. Das kann ich denen kaum vermitteln. Und das man (sich) überhaupt erklären muß, bremst Dynamiken ja doch zuweilen innerhalb von Freundschaften.
Thinkabout @ Chräcker · 4. Mai 2010, 10:25 · #
Dein letzter Absatz bringt den Antrieb meines Artikels genau auf den Punkt. Am Schnittpunkt dieser zwei Welten stellt sich für mich immer wieder die Frage nach der Gewichtung – verbunden mit der “Angst”, selbst weniger greifbar zu sein als früher, und von der Beobachtung begleitet, wie viel Bedeutung sog. “Wissenschaftler” sozialen Netzwerken heute beimessen. Wobei für mich die Blasphemie echter Kommunikation und sozialer Bindung schon bei dieser Begrifflichkeit beginnt… Aber dazu wird es bald in Artikelform im Blog mehr zu lesen geben.
Chräcker · 4. Mai 2010, 13:28 · #
Hehe, ja, ich eiere auch immer um diese Begriffe herum. Früher schrieb ich vom “realem Raum” als Abgrenzung zum Netz. Jetzt schreib ich meistens “anfassbarem Raum”, weil real ist “das hier” ja auch. Man wertet so schnell mit diesen Begriffen.
Ich merke, daß viel “Wichtigkeit” im Netz auch einfach nur herbeigeschrieben ist… und zwar IM Netz. Auch viel Aufregerei, und die Netzleute regen sich tierisch gerne auf. Sind eben alles doch auch Leserbriefschreiber, meine Wenigkeit ausdrücklich eingenommen.
Bin ich dann im “anfassbarem Raum” mit Normalsterblichen (jaja, eigenironisch nur gemeint) unterwegs, wird das alles hier plötzlich ganz ganz klein.
Es wird sich schleichend verzahnen und wir hier sind vielleicht einfach nur “zu schnell” für die Geschichte. Nur: für “mich” bin ich das nicht, man muß dann nur eben etwas an dieser Kluft leiden.
Michael Kostic · 4. Mai 2010, 15:34 · #
Ich meine die Technik ist noch lange nicht ausgereift. Die Ideen gehen noch immer an den Nutzern vorbei. So etwas wie z.B. Zweitleben, ist schon wieder zuviel des Guten. Die vermeintliche “Tageszeitung” Online, deutlich zu wenig. Wissenschaftliche Abhandlungen sucht man gerne einmal vergebens, vergleichen (über differente Sprachräume) lassen sie sich dann schon gar nicht. Auch eine Sammlung mit der Aussagen wie: “Schaut mal, dies bis das sagen die Damen und Herren Forscher über jenes Thema. Und jetzt noch mal auf der Zeitschiene!” ist im super duper Nutzlosnetz kaum zu finden.
Was wäre wenn?
Wir im Netz sehen könnten, welcher Arbeitgeber seine Mitarbeiter wirtschaftlich, geistig, seelig oder gar körperlich misshandelt?
Wir im Netz all die Hassadeure fänden, welche zu faul zum Arbeiten, aber motiviert genug zum Betrug sind?
Wir im Netz beschlössen, was gute menschliche Politik ist (tagesaktuell) und dies dann in der Realität einforderten?
Wir stehen erst am Anfang ;-)
Jutta · 4. Mai 2010, 21:31 · #
Lieber Thinkabout,
weil ich befürchtete, dass mein Kommentar für diese Funktion hier zu lang würde, habe ich mir erlaubt, in meinem Blog auf deinen Beitrag zu antworten:
http://juttawilke.blogspot.com/2010/05/wieviel-deut-scheren-sie-sich-ums.html
Im Grunde sehe ich es wie Michael: wir stehen erst am Anfang. Und – das Internet ist genau das, was wir daraus machen.
Liebe Grüße
Jutta
Seelenleerer · 5. Mai 2010, 20:19 · #
Lieber Thinkabout
Dein erster Satz, das Internet sei endlos erinnerte mich an einen alten Link. Total unernster Beitrag dazu auf
http://www.onlinewahn.de/ende.htm
Liebe Grüsse
SeelenLeerer
Thinkabout · 7. Mai 2010, 21:35 · #
@ Chräcker
“anfassbarer Raum” finde ich sehr treffend – weil er die Vielfalt der Sinne anspricht!
@Michael
Das Beispiel der Zeitungen/Berichte ist gut: Internet für die schnelle Information, vornübergebeugt am Bildschirm oder mit dem Laptop auf heissen Knien – oder die (Wochen-)Zeitung mit Hintergrund zurückgelehnt im Sessel…
@Jutta:
ich freue mich immer, wenn ich solches auslöse – und eigene Beiträge mit Link hier zum Verweis sind völlig in Ordnung. Schön, Dich unter meinen Lesern zu haben!
@SeelenLeerer
Herrlich. Danke. Beinahe hätte ich es wirklich abgestellt gehabt, aber ich vermisste die Windooooofs-Sicherheitsfrage: Wollen Sie das wirklich? in absoluter Schärfe. Vielleicht ein Grund, die Macher zu verklagen, so leichtsinnig das ganze Internet zu verklagen. Am besten finde ich den Gekröse-Ton im Hintergrund…