Wir haben definitiv kein Verhältnis!
Über Österreich lässt sich kurzfristig nichts erfahren.
Ich gebe auf. Will heissen:
Ich finde es noch immer lohnenswert, sich darüber Gedanken zu machen. Aber ich setze mir keinen Zeitdruck. Denn: Unser Verhältnis zu unserem Nachbarn Österreich scheint tatsächlich inexistent zu sein. Ich habe ein bisschen Presse in Österreich angschrieben, eingeladen zur Reflexion über das Nachbarschaftsverhältnis. Ich habe Schweizer befragt, die in der Nähe der Grenze wohnen – alle Welt wusste herzlich wenig bis gar nichts zu berichten. Es sei denn, man bemüht die allseits bekannten Platitüden, die jeweils Betroffene völlig zu Recht auf die Palme bringen.
Also habe ich mich dazu entschieden, von Zeit zu Zeit einen spontanen Blick hinüber zu werfen. Da ich, wie es scheint, die EM nun doch von zu Hause aus mitbekomme, wird ja von Zeit zu Zeit etwas anfallen, aber bestimmt auch darüber hinaus. Bis auf weiteres bleibt es mir aber ein Rätsel, warum wir so überhaupt kein Gefühl für einander haben.
Könnte es am Ende sein, dass wir Deutschschweizer genau so wie die Österreicher in erster Linie damit beschäftigt sind, unsere Einstellung zu Deutschland zu klären, so dass neben diesem grossen Brocken schlicht keine Zeit mehr bleibt, zu fragen: Und wie macht Ihr da drüben dies und jenes?
Wahrscheinlich bleibt das Interessanteste an der Geschichte aber genau das, was ich schon vermute:
Wir sind – tatsächlich – grundverschieden.
[Bildquelle: winterurlaug.novasol.de ]
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Patrick · 2. Juni 2008, 12:46 · #
ich habe ein paar jahre in wien gelebt und kann aus eigener erfahrung sagen, dass die beiden länder zwar ähnlichkeiten haben, sich die schweizer und österreicher ziemlich fremd sind. ausnahmen bestätigen freilich die regel.
Marianne Gautschi · 2. Juni 2008, 19:23 · #
Die Zeit, die ich in Wien verbrachte, war schön und interessant. Wir trafen viele nette Menschen, fanden tolle Freunde und die Abende, z,B. bei den “Spitzbuabn” , sind unvergesslich. Was mich störte war einzig die übertriebene Servilität in den Geschäften. Das “Küss d’Hand, gnä‘Frau” beim Raus-gehen, nervt mit der Zeit gewaltig. Im Ganzen gesehen: eineinhalb wunderbare Jahre.
Titus · 2. Juni 2008, 22:13 · #
Zwei der wichtigsten Hemmnisse, andere näher kennenzulernen, sind einerseits die Sprache und andererseits die Verkehrswege. An der Sprache liegt’s bestimmt nicht, sonst würden wir ja wohl kaum ORF schauen.
Zürich HB – Innsbruck schafft man im günstigsten Fall in 3 3/4 h und ist dabei noch nicht sehr tief ins Landesinnere vorgedrungen.
Zürich HB – Frankfurt a. M. mit dem ICE schafft man im günstigsten Fall fast in der gleichen Zeit und ist mitten in Deutschland.
Und in 4 1/2 Stunden ist man von Zürich aus mit dem TGV schon in Paris…
Solange der “Zugang” eher erschwert ist, bleibt das gegenseitige Erkunden und Kennenlernen wohl leider eher die Ausnahme… Deshalb denke ich, ist es eher ein topografisches Problem, dass wir so wenig mit unseren östlichen Nachbarn zu tun haben.
Thinkabout · 2. Juni 2008, 23:21 · #
@Alle: Danke für Eure Betrachtungen! Die Infrastruktur ist tatsächlich ein Punkt. Aber die Sprache auch. Es ist für mich faszinierend, wie die an sich gleiche Sprache zwischen Österreichern, Deutschen und Schweizern mehr für Abgrenzungen denn für Gemeinsamkeiten sorgt. Oder sagen wir es so: Wir verstehen unsere Eigenheiten besser und unmittelbarer: Die Verabschiedung im Geschäft verstehen wir akustisch-inhaltlich, aber nicht in der Motivation, Mentalität, in der Gepflogenheit. Die ist regional, exotisch – trotz räumlicher und sprachlicher Nähe. Und gerade die österreichischen Wortschöpfungen erscheinen uns doch oft fast schon skurril – während wir uns selbst mit der Sprache an sich, der Hochsprache, schwer tun.