Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Wir haben es kommen sehen

∞  7 Oktober 2008, 20:53

Die Finanzkrise ist eine Kreditkrise ist eine Vertrauenskrise.


Und wie immer, so können wir, mag es noch so billig sein, im Nachhinein alles besser zu wissen, im Grunde auch diesmal sagen: Eigentlich haben wir es alle gewusst. Wir haben es nicht kommen sehen, aber wir haben es alle gefühlt:

Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Nicht nur die grossen Zampanos an den Börsen und in den Investment-Büros haben jedes Mass verloren. Im Kleinen haben wir es alle glauben wollen: Mister Sorglos wachte über uns, war in uns und machte uns weis, dass dieses Rad, an dem wir drehten, ein Perpetuum Mobile sein würde. Und so gut es ging, sprangen wir rauf auf den scheinbar immer weiter rollenden Zug, holten und suchten unsererseits noch ein paar Prozente raus. Wir haben in grosser Zahl komplett auf Pump gelebt – in Zeiten, in denen wir mehr Volksvermögen unser eigen nennen können als je zuvor. Wir haben uns nicht besonders am immer grösser werdenden Ungleichgewicht gestört. Auf jeden Fall nicht laut. Easy Going für die meisten, für zu viele. Ein Miteinander gibt es in unserer Gesellschaft nur für das Nebenher auf dem Weg zum Geld, aber nicht für das Füreinander in einer Gemeinschaft.

Und nicht nur Rechts von der Mitte, auch im breiten Zentrum, war gegen den Liberalismus und den Glauben an das “ewig gesunde Regulatorium” des freien Marktes nichts auszurichten. Die Staatsquote muss gesenkt werden? Natürlich! Was, die ist gewachsen? Davon habe ich ja gar nichts gemerkt. Aber natürlich! Runter mit den Steuern!

Wie war das mit der Eigenkapitalrendite beim privaten Hauskauf, mit der scheinbaren “Unvernunft”, eine Hypothek abzubezahlen? Jeder hat vorrechnen können, wie vorteilhaft es steuerlich wäre, wenn man die Hypothekenzinsen für die Berechnung des steuerbaren Lohns von diesem abziehen könne. Möglichst wenig Eigenkapital soll möglichst viel Konsum möglich machen. Denn nur so betrachtet “geht diese Rechnung auf”. Sie schafft Liquidität für den Konsum. Und der “garantiert” Wachstum. Was ist eigentlich mit einer Welt, die ohne “Wachstum” nicht zu leben können glaubt?

Kreditkarten? Wer hatte nicht zu Anfang gar keine und besitzt heute zwei? Wie oft haben Sie Ihr Handy in den letzten, sagen wir, vier Jahren gewechselt? Wer hat sein funktionsfähiges Handy gegen ein iPhone eingetauscht? Ist das nicht auch eine Form von Gier? Ist Konsumgier besser als Gier nach Gewinn? Ist sie grundsätzlich anders?

Die Anlageinstrumente der Banken. Nicht mal die Kundenberater haben sie mehr verstanden – und das ist ihnen nicht einmal übel zu nehmen. Abgekauft wurden sie ihnen trotzdem. Warum sich da also gross Gedanken machen?

Wir wickeln immer mehr immer schneller ab. Das Internet ist ein Vorgangsbeschleuniger par excellence – und ein Entfremdungsfaktor dazu. Tempo plus Distanz zum realen Vorgang sind umgekehrt proportional zum Bewusstsein, was Substanz noch bedeuten mag.

Aus mit Hypotheken verbrieften Schulden wurden Luftblasen, bis die Luft allein genügte, um Zweifel beiseite zu wischen, denn diese Luft liess sich immer neu herbeireden und herbeizaubern. Sie liess sich vervielfältigen. Deshalb ist der Dominoeffekt um so grausamer, wenn die Luft dann ausgeht. Aus Übermut wird nicht nur Missmut, sondern tiefstes Misstrauen. Wo kein Vertrauen mehr ist, da gibt es gar keinen Kredit mehr.

Und unter Bankern muss nun etwas unvorstellbar Schwieriges geschehen: Es muss genau dieses Vertrauen gelernt werden.
Am Ende arbeiteten alle mit allen zusammen, weil alle sich in der gleichen Gier wiederfanden und einander darin berechenbar schienen. Jetzt sieht das ganz anders aus. Ein System, dem man vertrauen könnte, gibt es nicht mehr, einem überlegenen Wirtschaftsmodell huldigen – das kann niemand mehr.

Und jetzt, wo man Informationen und Absichten und Fähigkeiten wieder Glauben schenken können muss, wird die Spreu auch nicht vom Weizen getrennt: Zu viele stecken gleichzeitig im Schlamassel. Das wird ein langes, qualvolles Aufräumen geben, schätze ich.

Wenn Sie zu jenen gehören, die schlicht gegen die Leere im eigenen kleinen Geldbeutel ankämpfen müssen, vor der Krise und jetzt auch, einfach noch etwas härter, wenn Sie “nur” Spareinlagen besitzen und das Wenige sehr viel für Sie bedeutet, ohne dass Sie auch nur nachvollziehen können, warum Sie sich jetzt auch Sorgen machen müssen – dann denken Sie an die Zeiten zurück, in denen Sie den grossen Worten anderer still gelauscht haben, etwas verzagt vielleicht, und gedacht haben: Schau ihn an, wie er lebt, so falsch kann das nicht sein, was er sagt.

Und doch haben Sie es gefühlt, haben die Perversion gerochen, die jeder Gier innewohnt. Es mag kein Trost sein, am Ende, aber vielleicht am neuen Anfang: Ihnen bleibt wenigstens der Stolz, sich selbst nicht verbogen zu haben. Und vielleicht teilen Sie mit mehr Menschen die Überzeugung, dass es zukünftig angezeigt ist, sich sehr viel deutlicher zu Wort zu melden, wenn die nächste Blase sich ankündigt. Denn sie kommt bestimmt. Aber sie teilt sich im voraus mit. Dann, wenn wir zum ersten Mal den Kopf schütteln und uns fragen, wie dieses oder jenes Geld verdient wird, sind wir nicht zu dumm, es zu begreifen. Sondern zu bodenständig. Und vielleicht auch zu ehrlich. DAS aber ist zwar keine Lizenz zum Geld drucken, aber eine Basis, um jenseits von Vermögen und hohem Wohlstand sicheren Stand zu haben. Und damit den persönlichen Leitfaden nicht zu verlieren.

-

[Persönliche Anmerkung: Ich bin kein Schwarzmaler und rate niemandem, sein Geld aus der Bank zu holen und unters Kopfkissen zu stecken (wenn Sie das tun und Ihre Nachbarn auch, ist Ihr Geld auf dem schnellsten Weg bald sehr viel weniger wert). Wenn in unserer globalisierten Welt alle wichtigen Player rechtzeitig die Notwendigkeit gemeinsamen Vorgehens erkennen und sich dazu durchringen können, wird man die Sache meistern und vielleicht sogar die Regeln verbessern können. Unvollkommen bis mangelhaft wird alles bleiben, was der Mensch in die Finger nimmt. Aber damit müssen wir alle leben. Es ist sogar höchste Zeit dafür.]


°


[Bildquelle: Spiegel online, Reuters vom 21.1.08… ]




Abgelegt in den Themen
Gesellschaft
und
Erdlinge



Konsumgier und Gewinngier - ein Paar, das sich befruchtet? Und was kommt auf die Welt?


Kommentare

  1. Michael Kostic · 8. Oktober 2008, 05:15 · #

    Ist das nicht faszinierend? Darf ich vorstellen?:

    http://www.ciez.de/ciez-default/ueber_3.html
    (Der geneigte Leser achte auf Datum und Fussnoten)

    Immerhin sind wir garantiert nicht die Einzigen die solchermaßen operieren wollen. Und doch geht es vermutlich auch in Zukunft nach dem Motto:

    “Schau mal, möchtest Du nicht dein schwer verdientes Kapital gegen diese hübschen Glasperlen tauschen?”

    Nicht nur Gier nach Mehr und noch Mehr sind ein formender Faktor. Auch Neid, Missgunst und Fantasielosigkeit spielen im deutschsprachigen Europa eine gewaltige Rolle. Weder in Deutschland, Österreich noch in der Schweiz existiert ein nennenswerter Markt für private Existenzgründungsfinanzierung. Wieso nur? Weil es in dieser Region der Welt keine fähigen Unternehmer, mit guten bis sehr guten Geschäftsmodellen gibt? Wohl kaum. Wer sich hier die Mühe macht einmal zu recherchieren trifft auf ein kaum zu glaubendes Lügenkonstrukt, dass von nicht wenigen Bankern in den letzten Jahrzehnten bewusst und kalkuliert um die Bevölkerung herum konstruiert wurde. Mit der tragenden Aussage:

    “Wenn hier Jemand etwas von Geld versteht, dann ich die Bank!”
    “Wenn hier Jemand die Tragfähigkeit von Geschäftsmodellen beurteilen kann, dann ich die Bank!”
    “Wenn hier Jemand etwas von Märkten versteht, dann ich die Bank!”

    Ist das nicht ein Irrwitz? Genau die Leute die sich noch heute das Internet morgens zum Frühstück ausdrucken lassen, wollen die Tragfähigkeit der Modelle die sich um dieses herum anlagern beurteilen können? Die Leute die sich einen Handwerker hohlen um ein Regal anschrauben zu lassen, wollen beurteilen können ob Handwerk Zukunft hat? Und das sind dann die Leute die Unternehmen predigen sie sollen “auf Teufel komm hinaus” Personalreserven freisetzen um schlanker und effizienter zu wirtschaften. Was diese Personalreserven diesen Unternehmen dann damit danken das sie in’s Ausland abwandern und deren Kompetenz später zu regelrechten Wucherpreisen eingekauft werden muss.

    Grundgütiger!

    Wo sind Vernunft, Verstand und Verantwortung geblieben? Wo sind sie hin? Sind sie hin gegangen im Wind?

    Dennoch Dank für diesen sehr lesens- und empfehlenswerten Artikel.

    Gruß

  2. Michael Kostic · 20. Oktober 2008, 11:19 · #

    Derweil ist auffällig das in mancherlei Kreisen sogar ein min. Anstand abhanden gekommen ist, z.B. hier: http://www.20min.ch/finance/dossier/finanzkrise/story/26343420

    Gruß


Kommentare dieses Blogs abonnieren: RSS-Feed
Bitte beim Absenden immer erst Vorschau anwählen, danach einmal auf Absenden clicken und etwas Geduld haben. Danke.

Textile-Hilfe