Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Wir meinen Leistung, machen aber auf Pump

∞  25 Januar 2010, 09:26

Mein gestriger Beitrag zur Klima-Debatte legt es nahe, hier auch noch auf Fundstücke im Netz aufmerksam zu machen, welche das Thema der falschen Wertigkeiten aus persönlicher Sicht [1] aufgreifen (Was für uns alle wirklich zählt, ist nie ein materieller Wert) oder die Frage nach dem ewigen Wachstum auch politisch zu beantworten versuchen [2]. Kurt Biedenkopf darf man schon ein aufmerksames Ohr leihen, wenn er uns den Spiegel mit Sätzen wie diesen vorhält:


Bei Gütermärkten, die eine echte Nachfrage zur Voraussetzung haben, gebe es eine natürlich Begrenzung. „Dort sagen die Menschen irgendwann: Ich brauche eigentlich nichts mehr, weil ich schon alles habe. Bei Finanzmärkten gibt es das aber nicht, weil man von Geld nie genug haben kann.“


Leider treiben wir allerdings auch den Gütermarkt auf die Spitze:


„Wir produzieren inzwischen nicht, um Nachfrage zu befriedigen, sondern wir erzeugen Nachfrage, damit wir produzieren können.“


Oder:


„Ein Wachstum ist dann positiv, wenn es aus der Verbesserung unserer Leistungsfähigkeit erwächst, es im Rahmen gegebener Mittel zu erwirtschaften“


Was mich die Frage stellen lässt, wie leichtfertig wir eigentlich mit dem Begriff unserer “Leistungsfähigkeit” umgehen: Was ist eigentlich daran leistungsfähig, wenn wir ein Gut herstellen auf Kosten der bestehenden Ressourcenvorräte, z.B. mit Hilfe von auch noch subventionierter Energie aus nicht erneuerbaren Quellen?


Auf den Artikel [2] aufmerksam geworden bin ich durch das Portal mycomfor, in diesem Fall konkret hier. Mycomfor ist ein Newsaufbereitungs- und Meinungsbildungsportal, nicht nur für wirtschaftliche Themen. Noch ist dieses Projekt ein Geheimtipp, aber es stecken so viele gute Ideen da drin, dass daraus viel mehr werden kann.


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Links:
[1] Wo die Ökologie beginnt, von Wolfgang Müller (via Blogbibliothek)
[2] Der Irrglaube der Demokratie an ewiges Wachstum, Welt online

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Kommentare

  1. Uwe · 25. Januar 2010, 11:33 · #

    Es findet sich scheinbar ein breiter Konsens darin, daß Leistung sich in sichtbarer “Aktivität” bemerkbar macht. Wer sich also viel bewegt, viel und laut redet und viel verstoffwechselt, der wird von außen leicht als leistungsfähig gesehen. Das ergibt für ihn Sozialprestige, auf das die meisten angewiesen sind. Der Gewinn an Sozialprestige tröstet (bis zu einem gewissen Grad) über einen evtl. Mangel an eigenem seelischen, geistigen und körperlichen Wohlbefinden hinweg. Leistung sollte nach dem Wohlbefinden gemessen werden, welches damit erreicht wird, nicht nach dem Anschein von Aktivität.

    Der Erfolg von Leistung wird üblicherweise in Geld und in Popularität bemessen. Wer viel Geld hat und/oder bekannt ist, der hat es “geschafft”. Natürlich wiederum nur in den Augen der anderen. Reich sein ist nämlich ein Lebensgefühl und keine Frage von Zahlen auf einem Papier. Wer jemals die Trauer in den Augen vermögender Leute sah, die gefangen im eigenen “Erfolg” emotional verhungerten, der weiß das.

    Die Betrachtung der Werte “Leistung” und “Erfolg” aus einer Außenperspektive und die Vernachlässigung der Innenperspektive führt dazu, daß Individuen sinnlose Anstrengungen unternehmen, die zu Ergebnissen führen, die dem individuellen Wohlbefinden (dem eigenen und dem der anderen) entgegenstehen.

    Es ist die Aufgabe jedes Individuums, die Verantwortung für sein unmittelbares eigenes Wohlbefinden zu übernehmen, anstatt sich den dümmlichen Werten eines Kollektivs zu opfern.

  2. Jean-Paul Robin · 26. Januar 2010, 11:03 · #

    “Wir erzeugen Nachfrage” – wie wahr!

    Tiné griff zum Becher und trank einen grossen Schluck daraus. Sie sass auf einer alten Holzbank am Rande einer Bergwiese. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Die Tautropfen verdampften. (Auszug aus “Subventionierter Geschmack?”) http://le0816.com/2010/01/26/subventionierter_geschmack/

  3. Thinkabout @ Uwe · 26. Januar 2010, 22:33 · #

    Das erinnert mich an den schönen Witz des Touristen, der dem am Strand relaxenden einheimischen Fischer den Aufbau eines Unternehmens schmackhaft machen will, mit mehreren Booten bis zur Fischfabrik, um schliesslich im Angesicht seines Erfolges die Beine ausstrecken und das Leben geniessen zu können – also genau das, was der einfache Fischer schon tut:
    Wir sind gesellschaftlich darauf programmiert, Ruhe, Pause, Einkehr nur dann zu legitimieren, wenn wir uns dafür zuvor abgestrampelt haben. Und wenn wir es dann tun, das Relaxen, und “man” sieht, dass “man” sich das leisten kann, dann ist damit nicht die innere Einstellung gemeint – sondern die finanzielle Unabhängigkeit.

  4. Uwe · 27. Januar 2010, 11:50 · #

    @thinkabout
    Ja, das ist diese Geschichte, nicht wahr? http://de.wikipedia.org/wiki/Anekdote_zur_Senkung_der_Arbeitsmoral

    Sie ist so alt wie ich, doch die Arbeitsmoral ist noch immer die gleiche. Extremer noch, sogar.

  5. Thinkabout @ Uwe · 27. Januar 2010, 13:16 · #

    Ja, die Geschichte meine ich. Danke für die Information:. Dass sie von Böll stammt, wusste ich gar nicht.


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