Wirklich lesen
Ich habe mir ein Buch geschenkt zu Weihnachten – und ein Versprechen. Ich will mehr lesen. Es ist eine Schande, dass einer, der so gern schreibt, Sprache so liebt, so wenig liest. Ich lese ja ständig, aber irgend welche Lektüre, nicht Bücher, schon gar nicht, meist nicht, Literatur. Literatur ist tiefe Wahrnehmung, in Lettern und Buchstaben gefasst, aber nicht eingesperrt. Es sind Worte, fern der Überheblichkeit, die meinen könnte, es liessen sich irgenwelche Dinge einfangen. Nein. Es wird geschrieben, um die Dinge zu befreien, oder sie und sich selbst ein wenig freier zu machen.
Vielleicht habe ich so lange keine Literatur mehr gelesen, weil ich Angst habe:
Wenn man liest, denkt man sich. Und ein wenig beginnt man immer auch zu imitieren: Es ist, als würde man eine fremde Sprache lernen. Ich kann mich dabei ertappen, dass meine Gedanken beginnen, wie mit fremder Zunge zu reden. Auf jeden Fall mag ich nicht glauben, dass es so wenig braucht, dass ich zwar die Welt nicht neu sehe, sie aber selbst anders zu beschreiben beginne. Als würde einer ein erstes Mal wagen, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und eine Spur auf einer Leinwand zu hinterlassen. Infantile Striche prangen auf Papier, und doch ist es vor mir selbst unerheblich, ob sie lächerlich sein mögen oder nicht. Denn die Leinwand bleibt unbestimmt mir bestimmt. Es ist meine Leinwand. In Farbe, Strichführung, Schwung und Krakeligkeit mein Werkeln. Oder zumindest mein Echo auf den Klang, den ich gelesen habe.

Und nun also lese ich die “Atemschaukel” von Herta Müller. Ja. Ich auch. Wie viele andere. Thinkabout’s Wife hat gemeint, dass ich da schwermütig werden würde. Ich weiss nicht. Das Buch beschreibt Unbeschreibliches. Ja. Aber was geschieht, wenn mit der Kraft der Poesie das Ungeheuerliche beschrieben wird? Ich habe noch nie so erzählt bekommen, was Hunger ist, wie sich Hunger anfühlt. Und vor allem habe ich mich beim Lesen jeden Hochmuts enthalten, jetzt zu wissen, wie er ist, der Hunger. Ich kann es auch jetzt nur ahnen, und wenn ich dann still werde, so ist es nicht mehr, weil mir peinlich bewusst wird, dass ich das Elend nicht kenne. Sondern weil mein Gefühl einen Blick darauf werfen kann: Ich lese, und die Worte legen sich auf meine Haut, kräuseln sich in meinem Nacken, legen sich auf meinen Gaumen.
Und was wäre, wenn man ein Leben, das so viel auszuhalten hatte, nicht wenigstens als Leser ehren würde, wenn sich eine solche Gelegenheit dazu bietet, zu fühlen, zu was der Mensch fähig ist, als Opfer und Täter? Was macht es aus, dass der Mensch am Morgen aufsteht und leben will, obwohl dieses Leben nur Leid ist? Was lässt Menschen auch dann nicht nur noch vegetieren, wenn ihnen wirklich nichts bleibt, was Freude machen könnte?
Warum gewinnen Aufseher und Peiniger nie wirklich?
Lesen Sie sich durchs neue Jahr. Leben Sie es vor allem. Aber lesen kann dabei unheimlich helfen.
:::
bild: kleinezeitung.at, herta müller
:::

Zappadong · 27. Dezember 2009, 19:36 · #
Bei mir ist es Kevin Brooks. Seit ich Kevin Brooks lese, ist die Welt eine andere. Die Sprache eine andere. Mein Schreiben anders. Ohne Leute wie Kevin Brooks (oder jeden, der jemanden mit seinem Schreiben so tief berührt), wäre die Welt ärmer.
Ich will auch mehr lesen nächstes Jahr. Auf Kosten der Online-Zeit.
Chräcker · 27. Dezember 2009, 21:36 · #
Wenn man viel liest, bei mir ist es gar nicht mal so viel, aber ein bis zwei “Gegenwartsromane” die Woche können es schon sein, dann liest man so viele Sprachnuancen und Erzählstile: das vermischt sich dann eh.
Gleichwohl: es nimmt bestimmt Einfluß. Aber alles nimmt Einfluß auf unsere Sprache. Warum dann nicht gleich gut empfundene Literatur ran lassen?
Ich denke ja, bildungsbürgerlich verbrähmt vielleicht ein bissel, daß alleine das regelmäßige lesen oberhalb eines bestimmten Sprachniveaus auch das Differenzieren schult.
Man lernt, auch einmal eine kleine Schicht tiefer zu gehen.
Aber frech noch ein kleiner ungebetener Tip: dennoch auch mal seichtes zulassen. Lesen darf auch mal wie eine wollige entspannende Badewanne mit einem Glas “bitte-hier-selbst-eintragen” sein.
Zappadong · 28. Dezember 2009, 10:06 · #
Lieber Chräcker
Gute Literatur ist für mich jene, die mich unterhält, berührt, Filme im Kopf auslöst, Gedanken zum Fliegen bringt – ein zufriedenes Lächeln am Ende des Buches reicht auch.
Gut geschrieben empfinde ich Texte, die mir die Haut aufritzen und direkt in mein Herz dringen. Dabei ist es mir absolut und total egal, zu welcher Art Literatur “man” das Buch, das ich lese, zuordnet.
Beim Schreiben halte ich es so: Ich schreibe mit Herzblut, Begeisterung und mit dem einen Ziel: Meine Leser an mein Buch zu fesseln. Durch Inhalt und Sprache. Und ich will besser werden. Mit jedem Text, den ich schreibe. Gleichzeitig will ich weiter experimentieren (mein neuer Text ist – für mich – ein ziemliches Experiment, von dem ich noch nicht weiss, ob es gelingt oder nicht) und mich entwickeln.
Gute Texte zu lesen (wobei ich mir nicht von aussen aufzwingen lasse, was ich für gut zu befinden habe und was nicht), bringt mich in meinem Denken und Schreiben weiter.
Chräcker · 28. Dezember 2009, 12:29 · #
Hihi, deswegen schrieb ich ja auch “gut empfundene” – also eben genau das, was Du auch umschreibst. Und mit dem etwas pädagogisch daherkommenden “auch mal seichtes zulassen” von mir meinte ich dann, so könnte ich es mit Deiner Umschreibung vielleicht packen: gerne auch mal etwas lesen, wo nicht alle persönlichen Kriterien (sofort?) zutreffen zwecks Mut zur gefälligen Berieselung.
Was freilich ein etwas dreister Rat ist, geht er, etwas substanzlos als Rat, von meiner eigenen Lust beim lesen aus. (ich versuche immer, ohne Buchhaltung natürlich, so ein zwei zu eins Verhältnis aufrecht zu halten. Merke ich nach einem Buch: nett, spannend, aber nichts wirklich bleibendes… such ich immer wieder beim Bücherstöbern nach etwas substanzielleres…)
Thinkabout · 28. Dezember 2009, 18:50 · #
ich behaupte ja, dass es mit den Büchern, warum auch immer, ein wenig so ist wie mit den Hunden: Gehst Du ins Tierheim, so meinst Du nur, Du würdest den Hund aussuchen. Er sucht Dich aus!
Gehst Du in die Bibliothek… ?
Auf jeden Fall ist es oft verwunderlich, wieso mir ausgerechnet in einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes Buch über den Weg läuft…
*
Was mir wohl immer mysteriös verwoben bleiben wird: Wie lernt man erzählen? Kann man das überhaupt lernen?
*
Schreiber sind immer auch Leser. Und was ich schreibe, wird ganz anders gelesen. Manchmal ist es auch in Blogs erstaunlich, was Rekationen auslöst und was nicht.
Ein essayistischer Text bleibt ohne Echo. Beschreibst Du aber Dein Essverhalten und offenbarst: “Am liebsten mag ich Pizza!”, dann erfährst Du bestimmt, wer auch, und wer nicht, und was stattdessen.
Marianne · 29. Dezember 2009, 19:57 · #
Auf meinem Wunschzettel für Weihnachten standen 3 Bücher – ich habe sie alle bekommen. Drei ganz verschiedene Bücher: “Leidenschaften” 99 Autorinnen der Weltliteratur heisst das Erste. Ein Buch, in das ich immer wieder die Nase hineinstecken werde, das mir viele Türen öffen wird. “Nine Dragons“von Michael Connelly ist das Zweite. Ich freue mich sehr, bis nach Mitternacht über diesem spannenden Krimi zu sitzen, der von einem meiner Lieblings-Krimiautoren geschrieben wurde. Als Drittes wartet “Eisenvogel* von Yangzom Brauen auf mich, die Generationen-Geschichte dreier Frauen aus Tibet. Dieses Land und seine Menschen lerne ich gerne näher kennen. Lesen ist leben für mich.
Thinkabout @ Marianne · 29. Dezember 2009, 20:01 · #
Glückwunsch! Yangzom Brauen ist eine sehr interessante Frau mit einer nicht minder interessanten Geschichte. Ich merk mir Deine Wahl auch sonst!
Chräcker · 31. Dezember 2009, 10:46 · #
Buchhandlungen, ein gutes Stichwort. Wir haben vor Ort eine sehr kleine Buchhandlung, und da ich ja in einem eher, sagen wir es mal nett ausgedrückt, bodenständigeren Stadtteil wohne, ist es schon ein kleines Wunder, daß der überhaupt exestiert. Gleichwohl muß er sein Angebot an die Laufkundschaft ausrichten, und so kann ich dort meine Bücher zu 99% der Fälle nur bestellen, was ich auch gerne mache. Nur: zum “Regalbummeln taugt er für mich nicht. Das “muß” ich also im Internet machen und ich oute mich: nicht selten mache ich das, neben der einen oderen anderen Buchecke woanders im Netz, bei amazon.
Ich bestelle ansonsten so viel da, da können die diese “Ausnutzung” durch mich gut ertragen. Schmökern also dort, dann gehe ich zum Buchladen im Ort und bestell da. So habe ich meist zwei drei Bücher “auf Halde” zuhause liegen.