Zeit der Einsamkeit
Fühlen Sie sich einsam? Komisch, das haben Sie mit Vielen gemeinsam.
Mit sich allein sein bedeutet: Das Ego hat keine Bühne. Was für eine Chance!
Aber leider hören wir in der Einsamkeit nur unser Ego jammern, das diesen Zustand beklagt. Ist das dann Alleinsein oder Einsamkeit? Ist das dasselbe? Ich glaube, man kann die Einsamkeit auch fühlen, wenn man nicht allein ist.
Wie schön wäre es, Sie könnten diesen Zustand umbenennen und entsprechend beleben:
Für sich sein.
Dann lässt sich fühlen: Wenn ich tiefer in diese meine Einsamkeit dringe, sehe ich, dass ich losgelöst von jeder menschlichen Bindung, von allen Ängsten und Aufregungen ein Wesen habe, das keinen Botschafter und keine Körperlichkeit braucht, um fühlbar zu sein. Das Ich, wie ich es begreife, ist ein kleinster Teil einer tieferen, beständigeren Seelengründigkeit, die in mir war vor meiner Zeit und bleiben wird.
Diese Begegnung mit unserem Selbst lässt uns gelassen unter Menschen gehen oder zu Hause bleiben. Alles bekommt plötzlich seine Zeit – und dient am Ende der Überwindung der Furcht vor der dahinfliessenden Zeit, die uns Menschen ständig zu entgleiten scheint. So, wie wir sie sehen, diese Zeit, gibt es sie gar nicht: Wie wäre es denn anders möglich, dass sie den Emsigen unter uns ständig zu knapp ist, während die Orientierungslosen zu viel davon zu haben glauben? Denn alle haben gleich viel davon, oder gleich wenig. Aber es gibt ruhige und laute Zeit, und dafür brauchen wir nichts weiter als uns selbst. Wir schaffen uns die Zeit.
Bild: “Einsamer Trinker”, 1993, von Richard Hess
gefunden bei Galerie am Wasserturm

werner · 8. Januar 2008, 23:44 · #
Mit sich allein sein…
Ja, das hat Chancen und man sollte das viel öfter genießen – ja: genießen!. Und dennoch leiden viele drunter und meinen es nicht ertragen zu können
Vor einiger Zeit kamen mir zwei kleine Gedichte in den Sinn, die die Frage des Alleinseins mit sich selber (wenn auch vielleicht eher ein wenig spaßig) zur Sprache bringen:
Ich sitze manchmal einfach da
und schau empor zum Himmel
seh Wolken kommen und gehen,
seh wie sie aus nichts entstehen
und wie sie wieder vergehen….
Ich sitze manchmal einfach da
und schaue hinein im mich selbst
da gibt es recht viel zu entdecken,
auch wenn ich’s versuch zu verstecken,
da sind sie die Kanten und Ecken….
@w.b.
Wenn ich in meiner Wanne bade.
hab oft ein Buch ich, um zu lesen.
Doch manches mal – so wie heut grade –
ist leider keins zur Hand gewesen.
Was nun? Ich musste mich bequemen
statt nur hinauf zur Decke stieren,
mich selbst als Buch-Ersatz zu nehmen
ganz auf mich selbst mich konzentrieren.
Ich las ne Menge Altbekanntes,
doch fand ich auch so manches Neue,
betrachtete dann ganz gespannt es.
Nicht über alles ich mich freue.
Da gibt’s viel Dummes und auch Schlechtes!
Ich fragte mich: Wird das noch schlimmer?
Und leider gibt’s auch ungerechtes.
Soll das so bleiben? NIE UND NIMMER!
© w.b.
WerkRaumLebensArt · 8. Januar 2008, 23:48 · #
dieser Gedanke ist bereits schon vor ein paar Zeiten entstanden
“wenn ich eines Tages vielleicht einmal lernen durfte allein sein zu können, auf einer Insel zufrieden mit dem was sich mir dort bietet und NUR mit mir, dann habe ich es geschafft, den Menschen, denen ich begegne, voll und ganz NUR um ihres seins ihnen zu begegnen und keinen Nutzen mehr daraus haben zu wollen und zu müssen”
allein sein können und nicht einsam sein und zufrieden sein – jedoch noch immer mit dem Wissen, wenn ich in die nächste Stube trete und um die nächste Ecke biege und an die nächste Tür klopfe und das Telefon nehme um meine Nachbarin anzurufen, so bin ich nicht NUR allein und dann der Gedanke – die Sehnsucht nach dem vollkommen sein meines Geistes, dem lernen Schritt um Schritt und doch auch dem so ungeduldig sein, nach Licht und Erkenntnis, doch dann dem Schauen und Sehen was ist, daraus die Demut des Zufriedenseins mit dem was ist – ich muss gar nicht NUR allein sein, denn Menschen begleiten mich auf meinem Weg und dies ist ein Geschenk und ich darf mich manchmal einsam fühlen
m.m. · 9. Januar 2008, 16:59 · #
Hesse sagte:
Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber führen will.
Von H. Krailsheimer stammt das Zitat:
Allein sein müssen ist das Schwerste, allein sein können ist das Schönste.
Beiden mag ich zustimmen. Es ist schwer sich selbst zu genügen. Dazu braucht es sicher viel Geduld.
“Im Alleinsein fehlt die Reibung am Anderen”, sage ich. Denn ich bin auf mich selbst gestellt mit meinen Empfindungen – sie sind nicht so offensichtlich. Ein Gegenüber ist eben auch ein Spiegel, der nun fehlt..
Es ist nicht jedem Menschen gegeben, sich einen neuen Bekanntenkreis zuzulegen, wenn er sein Umfeld gewechselt hat. Andererseits wird kaum jemand anklopfen und sich anbieten… Kann ein ziemlicher Teufelskreis sein, der Einsamkeit zur Folge hat.
Es gibt ein wunderbares Beispiel dafür, dass eine gleiche Zeitspanne schnell und auch in einem eher ruhigen Maß angegangen werden kann. Es ist ein Lied von Gila Antara, die auch einen Tanz dazu geschrieben hat.
Es sind immer die gleichen Zeiten, nur einmal sind es schnelle Schrittfolgen und dann wieder langsamere.
Beim Tanzen spürt man ganz deutlich den Wechsel.
Eine schöne Erfahrung!
..grüßt m.m.
Thinkabout · 13. Januar 2008, 21:39 · #
an alle KommentiererInnen:
Was sich da durch alles zieht ist der gelassene Umgang mit der (scheinbaren?) Einsamkeit. Das ist sehr schön. Und kann verhindern, dass wir kautzig werden.
Selbstverständlich helfen uns Mitmenschen, uns zu reiben und unsere Position immer neu zu finden. Eremiten brauchen und wollen wir nicht werden.
Wenn es um den nach Freiheit durstenden Geist geht vielleicht manchmal schon ein bisschen…