Zeit haben, um verrückt zu werden
Zeit zur Verfügung zu haben, ist eine Form von Wohlstand. Keine Frage. Es ist ein erstrebenswerter Luxus, vor einem Zeitfenster zu sitzen, und es mit dem Studium von Dingen füllen zu können, die einen zutiefst interessieren
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Diese Zeit zu haben, bedeutet auch, vertieft über Dinge nachdenken zu können. Und, wie soll ich es sagen? Es fällt dabei noch etwas anderes weg, nämlich eine Art Filter im Kopf: Der lässt zu 120% im Arbeitsprozess ausgelastete Menschen jede Information über gesellschaftliche und politische Phänomene durch ein Sieb drücken, das jene Infos, die einem im Wettbewerb, in der Selbstbehauptung, helfen, von jenen trennt, die dafür unerheblich sind. In diesem Karussell mag man bedauern, dass man sich “darüber nicht auch noch den Kopf zerbrechen kann”, mag“es” aber auch wirklich fallen lassen.
Hat man genug Zeit übrig, ist das nicht so einfach, ja, man will es sich ja auch gar nicht so einfach machen. Man liest weiter und tiefer und mehr und umfassender. Sei es, dass dabei auch im Unterbewusstsein die Motivation mitschwingt, dieses Privileg der verfügbaren Zeit mit einem Resultat verknüpfen zu wollen, mit einem Beitrag, und sei es nur per Blog, der andern wieder etwas bringen mag, sei es einfach, weil man mit ruhiger getakteten energetischen Impulsen im Hirn in die Informationsflut eintaucht: ich komme anders aus diesem Trip wieder an die Oberfläche als früher. Komme ich überhaupt noch zum Luft holen nach oben? Bin ich nun besser informiert, oder nur breiter? Steigt meine Verzweiflung, statt dass sich meine Orientierung verbessert?
Es ist im übrigen nicht unbedingt ein Segen, wenn man stundenlang über das Verhalten der Atomlobby in Japan, die Organspendemanipulierer in Göttingen, die Libor-Trickser weltweit nachdenken kann – weil man ja genau weiss, dass man keinen einzigen Kieselstein damit zurecht rückt, auf dem die grossen Figuren rumtrampeln. Abgesehen davon ist es enorm schwer, den Überblick zu gewinnen, und es braucht nur ein bestimmtes Mass an Abgeklärtheit, um dabei auch gleich noch festzustellen, dass das, was wir “Information” nennen, schon eine Einseitigkeit in sich trägt, die meist grösser ist, als uns lieb sein dürfte…
Zeit zu haben muss also kein Segen sein. Es ist eine Herausforderung, sie zu füllen. Nicht, sie voll zu kriegen, sondern dabei nicht selbst überzulaufen, die Aufnahmekanäle verstopft zu kriegen, statt erweitert.
Und bei allem bleibt eine Erkenntnis: Am besten ist die Zeit genützt, in der ich ganz bewusst das Denken aufhören kann. Wer von uns nützt freie Zeit zur bewussten Entspannung? Wer will weniger statt mehr? Nur wenn wir mit Zeit nicht Versäumnisse kompensieren wollen, bleibt es freie Zeit.
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Claudia · 2. August 2012, 20:41 · #
Lieber Thinkabout, bitte berichte, wie du “ganz bewusst mit Denken aufhören kannst”!! :-) Das ist ein Meditationsziel, das selbst von ZEN-Leuten und anderen Meditierern als unmöglich angesehen wird – also unmöglich, es zu MACHEN, zu befehlen…
Bewusste Entspannung erlebe ich fast nur auf dem Liegestuhl im Garten. Dort sind keine Medien, nur das Summen der Insekten, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Autos in der Ferne, mal ein Rasenmäher… manchmal denkt es trotzdem weiter an dies und das, doch nach und nach wird es weniger, beschränkt sich auf sinnliche Wahrnehmung… und dann nicke ich ein!
Das erlebe ich derzeit so alle drei Tage mal für eine knappe Stunde und genieße es sehr,
Zuhause (=auch Arbeitsplatz) lebe ich im Bewusstsein meiner ToDoList, auch wenn ich mal “nichts tue”, bzw. nur surfe, lese, mir was koche.
Das Internet ist eine stetige Verführung, mich in allerlei Themen zu vertiefen – gestern bin ich in die Welt der Imker eingestiegen, was mich begeistert hat und gleichzeitig bedrückt. Gerne würde ich jetzt mal intensiver Geschiche der Schweiz lesen. Es gibt unzählige interessante Themen, aber die Zeit ist viel zu kurz.. .:-) Und ja, das Problem ist zuviel “Input”, ohne Zeiten des Nichtstuns, um ihn auch zu “verdauen”.
Danke für den inspirierenden Beitrag!