Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Zeit kaufen wäre mal was...

∞  8 Oktober 2007, 21:59

Themen: SMS zum Tag und
Zeit und Leere

Werbung: Wieviel Zeit und Energie lassen Sie sich täglich stehlen, um über Dinge informiert zu werden, die Sie nicht brauchen und nie kaufen werden?



Mag ja sein, dass unsere Wirtschaft nur funktioniert, weil wir viele Dinge kaufen, die wir nicht brauchen. Was wir aber nicht gebrauchen, nicht wirklich nützen können, vergeudet unsere Zeit.



  1. werner · 9. Oktober 2007, 01:41 · #

    Diesen Text schrieb mir vor einiger Zeit eine Bekannte:

    Die Zeit

    „Kaufst du DIE ZEIT?“ rief mein Mann mir noch zu, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machte. Wie das immer klingt…. kaufst du die Zeit…. Und wie das wohl wäre, könnte man nicht nur die Wochenzeitung dieses Namens kaufen, sondern wirklich Zeit, Lebenszeit. Vielleicht würde man sparsamer damit umgehen, wenn man dafür bares Geld hinlegen müsste, vielleicht wüsste man den Wert dann mehr zu schätzen.
    Wie man sie wohl kaufen könnte…. pfundweise? literweise? „Ach geben Sie mir doch bitte ein Dutzend Zeit…. nein, nicht als Geschenk verpackt.“ Oder doch? Man kann sie doch verschenken und geschenkt bekommen…. irgendwie. Ich bekam manchmal einen Gutschein von einer Freundin, mit dem sie mir einen Nachmittag mit sich selber schenkte, einen Restaurantbesuch oder ähnliches. Zwar schenkte sie mir damit von ihrer Zeit, aber beschenkte sie sich nicht auch selber mit meiner?

    Man kann seine Zeit auch opfern, also weggeben wie eine Spende, wie es z.B. viele ehrenamtlich Tätige tun. Doch auch da bekommt man etwas für sich zurück, vielleicht glänzende Augen, Dankbarkeit, Wertschätzung.

    Und dann gibt es die Leute, die immer behaupten: „Ich habe leider keine Zeit.“
    Ein Freund sagte mal zu mir: „Keine Zeit zu haben, bedeutet, sich anders entschieden zu haben.“ Nicht sehr schmeichelhaft, aber es stimmt ja. Man hat entschieden, mit seiner Zeit etwas anderes anzufangen, sie anders zu nutzen, mit einem anderen Menschen zu verbringen.

    Es nützt auch gar nichts, wenn man sich beeilt, um Zeit zu gewinnen, denn dabei vernichtet man sie im Grunde. Hält man inne und genießt den Augenblick, hat man einen wertvollen Moment gewonnen. Doch die Gegenwart wird meistens gar nicht wahrgenommen, geschweige denn genossen. Was koche ich heute Mittag, welchen Film sehe ich heute Abend, was mache ich nächstes Wochenende, wie feiere ich meinen Geburtstag in drei Monaten und wohin fahren wir nächstes Jahr in den Urlaub? Die Gedanken sind allzu häufig in die Zukunft gerichtet, von der nicht mal sicher ist, dass man sie haben wird. Dabei macht man gedankenlos die Gegenwart zur Vergangenheit ohne sie überhaupt gelebt zu haben.

    Überhaupt ist ja völlig unklar, welches Zeitkontingent einem denn zur Verfügung steht. Ich kenne einen älteren Herrn, Anfang 80, rüstig und reiselustig. Er bucht seinen Urlaub immer schon für mehrere Jahre im voraus. Es kommt mir vor, als macht er das in der Gewissheit, dass Alter, Krankheit oder Tod die Tatsache respektieren werden, dass diese Urlaubsreisen erst noch gemacht werden müssen.
    Auch wenn ich belächle, dass er auf diese Weise womöglich die Zeit überlisten will, muss ich doch gestehen, dass sich bei mir die Bücher stapeln, die ich alle noch lesen will. Zwar trage ich diesen Bücherberg kontinuierlich ab, aber gleichzeitig kaufe ich neue Bücher und stocke den Stapel wieder auf.

    Zeit ist Geld, bei dem Ausspruch erkennt man deutlich den Wert. Aber umgekehrt stimmt’s nicht, Geld ist nicht Zeit. Ich kann die Zeit eines anderen Menschen kaufen, wobei eine Stunde Handwerker mehr kostet als eine Stunde Putzfrau, aber mit keinem Geld der Welt kann ich meine eigene Zeit vergrößern.

    Man soll sich Zeit nehmen, soll sie nicht stehlen, man ist dumm, wenn man sie totschlägt, man kann sie verlieren, mit ihr gehen, auf ihrer Höhe sein. Und sie scheint ein Gebiss zu haben, denn der Zahn der Zeit kann an einem nagen.

    Ach, du liebe Zeit!

    (c) b.w.-r.

  2. Ikkyu · 9. Oktober 2007, 14:56 · #

    Kann Zeit überhaupt gestohlen werden, kann sie vergeudet werden? Steht dahinter nicht eine Wertung in dem Sinn, dass es Besseres zu tun gäbe als das, was gerade geschieht? Wie, wenn das, was in diesem Augenblick geschieht, absolut vollkommen wäre? Wie, wenn meine wertenden Blicke es sind, die Vorstellungen wie Stehlen und Vergeuden erst erschaffen? Könnte sich ohne diese wertenden Blicke nicht einfach offenbaren, was sich mir gerade jetzt offenbaren will?


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