Mein Schreiben, mein Atmen

Manfred Hinrichs Ausspruch beschreibt meine Motivation für dieses Tagebuch meines Denkens und Fühlens.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Zwei alte Frauen

∞  9 März 2008, 22:31

Wir sind nicht lange da. Eigentlich nur genau so lange, wie es braucht, um einen Latte Macchiato zu schlürfen (sehr heiss) bzw. zu trinken (sobald einfach nur angenehm warm).

Es ist lange genug, um festzustellen, dass die Behauptung, der Kaffee, den sie dafür hier verwenden, wäre wirklich sehr gut, zur Gewissheit werden zu lassen. Und nicht zu kurz, um die alte Frau hinter uns zu bemerken, die in einem Stuhl mit Handlehnen sitzt, die sie nicht braucht. Sie sitzt feingliedrig in sich zusammen gefallen da, und es scheint fast, als würde nur ihr Rücken überhaupt Kontakt mit dem Stuhl haben. Ihn hat sie leicht gekrümmt angelehnt. Ihre Augen wohnen in einem leicht gesenkten Kopf, sind es aber ganz offensichtlich gewohnt, dennoch erstaunlich wach gerade aus zu blicken.

Manchmal blitzen sie fast auf und doch scheint die Frau hinter die Dinge zu blicken, die sie sieht. Die Finger ihrer rechten Hand ruhen, zur Faust geformt, wehrhaft auf dem Schatz in ihrem Schoss. Einem Buch mit dickem blauem ledernem Einband, der mit goldenen Lettern beschriftet ist, die ich von meinem Platz aus nicht lesen kann. Es sieht nicht so aus, als hätte sie selbst sie in letzter Zeit gelesen, und dennoch gehört das Buch zu ihr. Ich frage mich unvermittelt, was das für ein Ende eines Literaten wäre, mit seinem letzten Exemplar auf den Knien dieser Frau zu verweilen, erinnert oder vergessen, aber doch ein Halt, mag er auch nie von ihm so gedacht gewesen sein…

Im Flur begegnen wir Frau Brun. Sie richtet sich hinter ihrem Gehwägelchen auf. Irgendwer hat diese Gehhilfe mal Pantoffelsolex genannt. Der Spruch könnte von Frau Brun stammen. Sie steckt stramm ihren Schlüssel ins Schloss, erkennt mich, grüsst fröhlich und strahlt mich mit ihren 95 Jahren an. Die Frau schafft es, in Dir mit einer einzigen Geste ein Licht anzuzünden. Dann ist sie verschwunden. Das “Gehmobil” zuerst, als wollte sie ihm gut zureden.

Zwei Frauen, die mir heute begegnet sind, ohne dass ich behaupten könnte, sie würden davon wissen – oder dass es umgekehrt gewesen wäre.




Gehhilfe, dreirädrig, als Alternative zum sperrigeren Rollator, gefunden bei carecorner.ch


Kommentare

  1. Tina · 10. März 2008, 06:07 · #

    Ein Besuch im Altersheim?
    Hast Du Dein Vorhaben vom Samstag schon so schnell umgesetzt? *sfg”

    Meine Mutter hat auch ein paar ausgewählte Bücher in ihrem bescheidenen Zimmerchen, in dem der Besitz auf das Wichtigste reduziert wurde, im Regal stehen. Auch sie greift, wenn sie mal lesen mag, oft auf diese handvoll Bücher zurück. Die Heidenreich würde sich sicher freuen, wüßte sie, welchen Stellenwert hier ihre Kolumnen-Bände haben….

    Noch ein paar Umschreibungen des Gehwägelchens aus der Wikipedia: Mutti-Mercedes, Rentner-Ferrari, Pflasterporsche, AOK-Shopper, Hackenporsche
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rollator

  2. Thinkabout · 10. März 2008, 08:46 · #

    Herrlich, danke! Von wegen Vorsätzen: Ja, manchmal bin ich fix.


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