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19.Mai 2020, 19:00

Es ist nicht recht

Die Welt hat sich verändert. Mir graut, dass sie langfristig anders bleibt. Nicht, dass ich mir nicht wünschte, Vieles würden wir als Menschheit und Gesellschaft anders machen. Aber was nun vorherrscht, ist Unbehagen. Wir vereinzeln. Wir separieren uns aus Angst, einige von uns könnten das Leben verlieren. Wir leben lieber distanziert und desinfiziert als lebendig und damit dem Leben und dem Tode näher.

Wir verdienen nicht nur die Politiker, die wir haben. Wir haben auch unser Gesundheitssystem selbst so gewollt. Und wir geben ihm diese dominierende Stellung, weil wir eine grundsätzliche Todesangst in uns tragen. Der Tod darf nicht sein. Er kommt irgendwann nach dem Leben und Gott sei Dank weiss ich nichts von ihm? Das bedeutet, dass ich das Leben, in welcher bejammernswürdigen Weise auch immer, dem Danach vorziehe. Wahrgenommene Verantwortung lässt sich scheinbar nur an der Anzahl von Leben messen, die ich gerettet habe – wobei Kriterium dafür schlicht die Überwindung der akuten Bedrohung durch Corona ist, zu welchem individuellen Preis auch immer. Und wir blenden komplett aus, wie manchem Menschen in Not wir eine reduzierte Chance auf Rettung zugestanden haben, der mit ganz anderem akutem Hilfsbedarf vielleicht um entscheidende Zeit zu spät oder gar nicht behandelt wurde – oder selbst zu lange zögerte, angesichts all der Meldungen rund um unser dominierendes Thema. Dazu gibt es keine Zahlen. Nicht mal falsche. Weil sie eben gar kein Thema sind.

Zwischendurch ruft jemand: Zählt nicht Tote! Veranschlagt gewonnene Lebenszeit! Doch niemand stellt die Frage der Qualität dieser erhaltenen Zeit, welche den bisherigen Beschwerden ganz sicher ein paar weitere hinzu packt.

Und für diese Art Spitzenmedizin, für die hoch maschinellen, technischen Überlebenskämpfe um die Erhaltung des Herzschlags fahren wir die Wirtschaft auf null. Wir retten tausend oft reich gelebte Leben – und den Preis dafür zahlt jener Teil der Welt, der tatsächlich jeden Tag ums Überleben kämpft – und vor deren Augen unsere Aufregung schlicht und einfach nur eine Anmassung sein kann. Wir haben die Globalisierung gewollt – und beuten die Welt bis zum bitteren Ende aus. Und das geschieht sehr wohl auch jetzt, mit unserem Verhalten in dieser unserer Mini-Krise.


Zum Schluss wieder mal ein Vorsatz: Hier soll in dieser Form von Corona nicht mehr die Rede sein. Ich vermisse wahres Leben, Lebendigkeit, Auseinandersetzung mit unserer Endlichkeit? Ich möchte wieder mehr davon schreiben, und nicht über Politik und Systeme, denn die Diskussion darüber ist zwar wichtig und Teil unserer Bürgerpflicht, aber richtig und falsch sollten sich am Ende doch am Menschen orientieren – und diesen Anspruch mögen Linke wie Rechte haben oder zumindest reklamieren. Doch das, was wir wirklich brauchen, tragen wir alle in uns. Als Wissen. Auch wenn wir es oft nicht abrufen können. Und schlussendlich sind wir so gesund, wie offen wir uns den Fragen unserer Existenz stellen können, und wie sehr es uns gelingt, die Tatsache, dass unser Leben immer bedroht ist, anzunehmen und positiv zu besetzen: Denn darin abrufbar ist auch die Dankbarkeit und das Bewusstsein des Kostbaren, das unserem Leben jeden Tag innewohnt. Wir alle möchten das nicht wirklich vergeuden.

2 Gedanken zu „Es ist nicht recht

  1. ClaudiaBerlin

    Corona verschaffte allerdings auch Chancen für lange eingeforderte, aber nicht umgesetzte Veränderungen.

    Zum Beispiel die „Vereinbarkeit von Familie und Arbeit“. Corona brachte Homeoffice und Homeschooling, sprich:

    -> Arbeitgeber mussten schauen, wieviel Arbeit auch gut von zuhause aus erledigt werden kann. Was dafür an Software-Updates und Ausstattung, sowie Organisation geschaffen werden muss, wird – wenns gut läuft – nicht wieder ganz verschwinden, sondern die „Präsenzpflicht“, die viele noch ohne Not hatten, endlich einschränken.

    -> ebenso die Schulen, die in Sachen Digitales in DE recht wenig vorbereitet waren. Ein Modernisierungsschub! Kleine Klassen/Gruppen, immer gewünscht, erscheinen jetzt umsetzbar – eine Kombination aus PRäsenz- und Heimunterricht möglich.

    Jetzt vermisse ich kreative Gewerkschaften, sie sowieso gefordert sind, der Heimarbeit gut lebbare Regeln zu geben. Arbeitszeitverkürzung wäre angesagt, Verteilung auf mehr Schultern, im Gewerbe würde das sogar längere Öffnungszeiten ermöglichen durch Schichtbetrieb.

    Gut organisiert könnte sich eine neue Arbeitswelt ergeben, die alte Wünsche endlich verwirklicht – wenn wir es denn wollen und fordern!

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    1. Thinkabout Artikelautor

      Liebe Claudia

      Deine Antwort hat mir gut getan, und Deine Bemerkung:

      „-> Arbeitgeber mussten schauen, wieviel Arbeit auch gut von zuhause aus erledigt werden kann. Was dafür an Software-Updates und Ausstattung, sowie Organisation geschaffen werden muss, wird – wenns gut läuft – nicht wieder ganz verschwinden, sondern die “Präsenzpflicht”, die viele noch ohne Not hatten, endlich einschränken.“

      trifft gerade in meinem unmittelbaren Umfeld voll ins Schwarze. Tatsächlich bewegt sich da eine ganze Menge – und es könnte – für einmal liebe ich das Wort – wirklich nachhaltig sein.

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