Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

05.Juli 2020, 7:45

Mein Handy hat eine offizielle Sollbruchstelle

Wieder habe ich es gelesen und wieder habe ich mich geärgert und nun schreibe ich es auch nieder. Die Fachzeitung Chip hat mir (und allen Leserinnen) geraten, ein neues Handy zu kaufen. Denn Samsung stellt den Update-Service nach drei Jahren ein. Und das ist ganz normal. Findet auch die Zeitung. Und niemand schreit Skandal. Dabei ist es einer!

High-End-Geräte kosten nicht erst seit dieser Generation bei allen Anbietern um die tausend Franken. Dafür bekommt der Käufer dann ca. 3 Jahre Service in Form von Upgrades geboten Danach ist oft Schluss damit. Bei billigeren Geräten auch schon mal nach nur zwei Jahren. Das bedeutet dann, dass neue Versionen des Betriebssystems (Android u.a.m.) nicht mehr geladen werden können und damit nach und nach Apps nicht mehr auf dem neuesten Stand funktionieren – oder Sicherheitsupdates unmöglich werden, womit das Gerät und damit die Daten der Anwender angreifbarer für Hacker werden. Im täglichen Einsatz fällt auf, dass auch die Performance sinkt und es eher länger dauert, bis die Apps oder irgendwelche Daten geladen werden. Ich ignoriere es einfach. Mein Galaxy S6 ist geschätzt etwa fünf Jahre alt, und ich weiss gar nicht, welche alte Androidversion ich damit noch nutzen kann. Ich nehme es hin und stelle fest, dass ich im Alltag eigentlich meist zurechtkomme – und wenn ich mal warten muss, bis der Bildschirm anbietet, was ich suche, dann hebe ich sogar mal den Kopf und schaue im Zug aus dem Fenster. Also bin ich gegen die Gängelei einigermassen immun? Ja. Vorläufig. Aber der Skandal, dessen Teil wir alle sind, ist, dass wir das hinnehmen. Wir sind so sehr angefixt von neuer, moderner, schneller, raffinierter, dass wir akzeptieren, dass wir komplett funktionierende, vollwertige Handys gegen modernere ersetzen und damit eine Branche noch zusätzlich anheizen, welche umgekehrt knappe Ressourcen noch knapper macht. Der Kampf um die seltenen Erden tobt ununterbrochen, und die Arbeitsbedingungen in der Produktion sind unter aller S…. Aber Hauptsache, mein neuer Handybildschirm hat 2 cm mehr Diagonale und noch ein paar Mio mehr Farben, und in drei Jahren ist das Ding dennoch „alt“. Dieses Rad drehen wir immer weiter, und damit verursachen wir all den Müll, der die Welt erstickt und beuten am anderen Ende ihre Reserven aus.

2 Gedanken zu „Mein Handy hat eine offizielle Sollbruchstelle

  1. Claudia

    Mein Sony Z3 wurde im September 2014 auf der IFA in Berlin vorgestellt – und läuft noch immer einwandfrei, inkl. Akku. Habe noch nie Defizite bemerkt, die Apps aktualisieren sich, das mögliche Update auf ein neueres Android habe ich ignoriert: Never touch a running System, dachte ich mir, nachdem ich von diversen Problemen nach dem Update gelesen hatte.

    Weil ich allerdings bemerkt habe, dass ich deutlich mehr mit der Handy-Cam fotografiere als mit der Digicam (eine Bridge-Cam mit Superzoom, 500 Gramm schwer), hab ich mir jetzt ein Top-Handy mit 3-fach-Cam von 2018 zugelegt. Es ist neu und kostete knapp über ein Drittel des damaligen Neupreises.

    Das Z3 bekommt ein Freund, der ein noch viel älteres Apple-Phone nutzt, das mittlerweile wirklich schwächelt. Für ihn wird es derselbe „Quantensprung“ sein wie für mich jetzt das Modell von 2018.

    Samsung werde ich wohl in Zukunft weiter meiden. Von denen hab ich ein „Smart-TV“ von 2013/14, dessen Smart-Hub immer schlechter wird. Apps verschwinden, neuerdings lässt sich sogar Zattoo nicht mehr problemlos nutzen.

    Vergleich mein neues versus altes Handy, sind da doch krasse Unterschiede:

    Arbeitsspeicher (RAM) 6 GB 3 GB
    Akku Kapazität 4.000 mAh 3.100 mAh
    LTE upload (max) 150 MBit/s 50 MBit/s
    LTE download (max) 1.200 MBit/s 150 MBit/s
    Bluetooth 4.2 / 4.0
    interner Speicher: 128 GB / 16 GB

    Und jetzt schauen wir mal auf die andere Seite: Irgendwann lassen sich offenbar per Software die im Lauf der Zeit entwickelten Neuergungen nicht mehr auf der veraltenden Hardware umsetzen. Dann müssten die Programmierer von jeder App mehrere Versionen erschaffen bzw. weiter pflegen: Aktuelle und abgespeckte für „alte“ Geräte. Dass das für viele ein zu hoher, nicht wirtschaftlich darstellbarer Aufwand ist, kann ich durchaus nachvollziehen.

    Da ich zum Glück kein „Poweruser“ bin, trifft mich das alles jedoch gefühlt kaum (beim TV schon!).

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    1. Thinkabout Artikelautor

      Liebe Claudia
      Ich danke Dir für Deine eigene Sicht der Dinge. Sie ist wie immer erfrischend zu lesen und mir wichtig. Der Knackpunkt liegt für mich in den Zeithorizonten. „Irgendwann“ (letzter Absatz) ist ganz offensichtlich für die Softwareindustrie sehr oft sehr früh. Und die Betriebssoftware nach knapp drei Jahren gar nicht mehr updaten zu KÖNNEN, ist einfach ein No Go. Dennoch soll das kein Bashing von Samsung sein, denn mich stört, und das ist der Tenor meines Artikels, der allgemeine „Konsens“ der Industrie, wie verfahren wird, damit möglichst viele User möglichst viel „alte“ Technologie durch neue ersetzen. Man kann es auch so sagen:
      Alte Technologie wird bewusst noch älter gemacht, damit neue gekauft wird. Was wir Microsoft und Bill Gates mit den jahrzehntelangen Upgrades der Betriebssoftware vorgeworfen haben, akzeptieren wir bei den Handys schon viel klagloser.
      Es gibt eben unter uns nicht nur immer mehr Klickviecher, sondern auch und gerade immer mehr Gadgetssüchtlinge. Und ich glaube NICHT, dass Corona daran etwas ändern wird.

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