Ressort: 10 Minuten(Weitere Infos)

22.Dezember 2020, 7:00

10min schreiben über: Streit

Wo hört die Diskussion auf und fängt der Streit an? Im Streit vertragen wir eine andere, gegenteilige Meinung nicht mehr. Wir nehmen die Divergenz übel – und die Gefahr ist gross, dass wir es persönlich nehmen und wir auch persönlich werden. Je enger wir mit dem Menschen sind, um so grösser ist oft diese Gefahr. Wir können aber auch einfach verzweifeln, auf eine vermeintlich edle Art, über die Engstirnigkeit, die natürlich im Kopf gegenüber herrscht. Im Streit gibt es nicht nur einzig meine Wahrheit, sie muss sich auch sogleich durchsetzen.

Ganz anders agieren Menschen, die um die Wahrheit wissen, wenn sie diese formulieren. Sie schreien nicht. Sie sprechen sie aus und wissen dabei, dass die Wahrheit sich – egal, wie tiefgründig hell sie eigentlich wäre – nur dort durch- oder festsetzt, wo der Hörer reif ist, zu verstehen. Es gibt eine Art Demut gegenüber der Wahrheit, die sich für sie so verantwortlich fühlt, dass sie ausgesprochen wird, viel wichtiger noch, dass nach ihr gelebt wird. aber die Durchsetzung obliegt nicht dem Einzelnen. Wer die Wahrheit kennt, ist nur bedingt sendungsbewusst, weil er aus eigener Erfahrung weiss, dass nach ihr gefragt werden muss, bevor sich Herz und Verstand dafür auch öffnen können.

Das immerhin ist in Diskussionen ähnlich: Sie sind dann fruchtbar, wenn wir für die Gegenseite zumindest den Verdacht hegen, dass sie doch – in Teilen oder ganz – recht haben könnte. Zumindest aber müssen wir so diskutieren, dass alle Argumente gehört werden können – und ehrlich auch geprüft.

Gerade, wenn wir grosse gesellschaftliche Themen diskutieren, und wir wirklich gangbare Wege für sie finden oder aufzeigen wollen, brauchen wir ein Gefühl dafür, wo die Menschen stehen, die überzeugt werden sollen. Es braucht Demut – und den Verzicht auf Platitüden, die auch in der Kategorisierung einer Gruppe von Menschen liegen. Nicht alles, was mir nicht behagt, ist unwürdig, ausgesprochen zu werden, nur weil es auch von Faschisten, Nationalisten oder Linksextremen aufgegriffen werden mag. Wer Unbehagen äussert, sollte gehört werden. DAS ist ein ganz wichtiges Element der Demokratie – und der vierten Macht im Staat. Der sog. Medien.

2 Gedanken zu „10min schreiben über: Streit

  1. Relax-Senf

    In einer Schaffenspause lese ich hier bei Thinkabout und hinterlasse gerne einen Kommentar. „Gut gebrüllt Löwe“ ist das Fazit zu Deinen gut dargelegten Gedanken. Mehr konkret halte ich gerne Folgendes fest.
    Unsere Freundschaft basiert auf mehreren starken Freundschafts-Säulen, ergänzt mit vielen Facetten, die, obwohl unterhalb der Säulen in Erscheinung tretend, doch eine Rolle beim Erdbebensicheren Fundament spielen.

    Die tragenden Säulen kommentiere ich an dieser Stelle nicht mal philosophisch! Mit einer Ausnahme.
    Bei aller Freundschaft und gegenseitigen Wertschätzung, kann es vorkommen (und kommt es vor), dass wir Beide eine Diskussion ohne komplette Übereinstimmung beenden (stehen lassen)!

    Und hier kommt der alles entscheidende Punkt. Die Unterhaltung geht so entspannt und höflich zivilisiert weiter, wie zu Beginn vom Treffen. Dem Anpacken eines weiteren Diskurs-Themas steht nichts im Wege. Das ist eine Freundschafts-Qualität und Diskussionskultur die ich nicht „nur“ sehr schätze sondern dieses – unser gegenseitiges – Verhalten, ist jene Garantie die sicher stellt, dass alle positiven Freundschafts-Säulen und alle Facetten des Anderen nach jeder Diskussion so intakt und sauber – also unbeschädigt – wahrgenommen werden, wie wenn kein Diskurs stattgefunden hätte.

    Wer andere Meinungen nicht als Gedankenfutter – oder Thinkabout – wahrnimmt, wird immer wieder aus Beziehungen flüchten oder den Job wechseln, ohne die Lebensqualität auch nur einen Deut verbessern zu können! Wer andere Meinungen immer schnell als abartig und nicht akzeptabel qualifiziert, bewegt sich in einem selbst bereitgestellten Hamsterrad, wo das Ziel auch nie erreicht wird.

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    1. Thinkabout Artikelautor

      Lieber Relax
      Oh ja! Was ich besonders schätze, ist darüber hinaus der Eindruck, dass – bei allem Diskurs und zu Tage tretender Differenz am Ende noch eines mitschwingt: Wenn dieser Freund eine andere Meinung hat, so tue ich es nicht ab. Ich argumentiere und die Auslegeordnung bleibt bestehen. Und irgendwann, wer weiss, fällt doch ein Samen in die Erde, und ich bemerke, dass ich das Thema – sic! – differenzierter betrachte. Die andere Meinung ist eben nicht eine beliebige, wie es der Mensch auch nicht ist. Ich danke Dir für so viele erhellende, mahnende, bedenkende Einwürfe, die mein Denken durch nachdenken – Thinkabout – reicher machen.

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