Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

13.Februar 2021, 3:00

Die Unsicherheit

credit: iStock/MisterM

Corona ist wohl definitiv eine riesige Herausforderung für uns alle geworden, und jeder Einzelne von uns muss seine eigene Einstellung dazu finden – und damit ist nicht das Verhalten zu den Aufrufen zu einer bestimmten Verhaltensweise gemeint – sondern für uns selbst zu definieren, wie sehr oder wie wenig wir eine Ansteckung fürchten? Es geht um die Frage: Wie halte ich es mit der Unsicherheit?

Politik tritt immer wieder mit dem Anspruch an, Sicherheit garantieren zu wollen, für einen Schutz zu stehen. Damit wurde in der Terrordiskussion argumentiert, und nun ist es genau so. Es ist das Merkmal der heutigen Generationen und die Legitimation für ganz viele Massnahmen. Aber die Sicherheit ist oft nicht so gefährdet, wie erklärt und umgekehrt nicht so eindeutig zu gewähren, wie versprochen wird. Darin liegt nicht die Basis für eine weitere Verschwörungstheorie. Es ist schlicht eine feststellbare Tatsache.

Neue Mutationen, neue Impfungen, Wirksamkeitsgrade, Ansteckungs-gefahr, Übertragungsunsicherheit, Überlastungsszenarien – alles wird bleiben. Und Statistiken werden weiter belegen wollen, dass Massnahmen einerseits notwendig sind und gleichzeitig verhältnismässig. Aber die Zahlen nehmen uns die Entscheidung nicht ab, selbst dann nicht, wenn sie aussagefähig werden. Denn für ganz viele Elemente der Abwägung gibt es sie nicht. Nicht für die Langzeitfolgen für Covid-Patienten, nicht für die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgeschäden der getroffenen Massnahmen. Zu was wollen wir sie denn ins Verhältnis setzen? Was es aber gibt, und entgegen aller Hoffnung bleiben wird, ist die Notwendigkeit unserer ganz persönlichen Einschätzung einer Gefahr und unsere Einstellung dazu: Was bin ich bereit, für meine „Sicherheit“ als Risiko einzugehen? Die Lockerungen müssen kommen, werden kommen, und meine grösste Angst ist, dass sie so spät kommen, dass das Verhältnis zwischen Volk und Regierung tiefe Risse bekommt.

Die Entscheidung wird eine persönliche werden müssen:
Impfen lassen? Und wie mich danach verhalten? Welche Sicherheit bietet sich mir wirklich? Welche Mutationen werden noch folgen? Maske tragen? Wo? In Restaurants gehen, auf Veranstaltungen?

Achtung, das ist keine Verharmlosung, aber eine Analogie: Wir müssen es schaffen, mit Corona so umzugehen wie mit einer Grippeepidemie, denn Corona wird genau so bleiben. Es wird meine persönliche Verantwortung werden, wie ich mich in meinem Alltag verhalte und mit wieviel Angst ich damit umgehe, angesteckt werden zu können. Wenn wir Lockerungen haben, wird es mehr Überlegungen geben müssen, wie das denn mit Grippeviren jeweils ist? Es gibt Wellen, Schwankungen, und Veränderungen in der Ausgestaltung. Womöglich wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass sich die Viren schneller verbreiten als zu Beginn, sie aber gleichzeitig weniger Menschen krank werden lassen – und diese tendenziell weniger schwer. Das ist die Beobachtung bei vielen Grippewellen, und es spricht einiges dafür, dass es hier ähnlich sein wird. Nur: Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach einen Umgang damit finden. Und eine positive Sichtweise. Denn was wir jetzt haben, und in zunehmendem Mass, ist eine Unsicherheit, die an sich schon krank macht. Wir brauchen die positive Erfahrung, dass wir mit einander Umgang haben können – und das tatsächlich nicht nur überleben, sondern gerade dadurch gesunden können. Und es einer überwältigenden Vielzahl von Menschen möglich bleibt, für sich zu sorgen – auch wirtschaftlich und sozial. Für die Kranken muss die bestmögliche Hilfe geleistet werden. Und aus tatsächlichen Erfahrungen ableitbar akut Gefähredete müssen geschützt werden. Es wird entsprechend neue Begrifflichkeiten brauchen.

Wir werden schwer daran zu beissen haben, dass uns so viel Respekt eingebläut wurde, dass daraus viel mehr Angst geworden ist, als wir jetzt noch abschätzen können. Psychiatrische Anlaufstellen wissen schon längst sehr viel davon zu berichten, und auch bei uns allen, denen „es gut geht“, ist längst nicht alles gut. Und das wird auch nicht einfach verfliegen, wenn die Viren ihre Kraft einbüssen. Sie sind längst Teil unserer Gesellschaft geworden – in einer Weise, vor der wir uns nicht mit einer Impfung schützen können.

Vielleicht hilft es, wenn wir Corona endlich auch als Lehrmeister begreifen, und nicht der Utopie nachhangen, nach welcher das Ding so schnell wieder verschwinden wird, wie es gekommen ist. Corona hat uns so sehr in die Klauen bekommen, dass es elementar sein wird, daraus zu lernen. Und zwar anders, als wir bisher bereit sind, es zu tun.

4 Gedanken zu „Die Unsicherheit

  1. Harald

    Corona ist unmittelbar für uns geworden, spürbar. Jeder bekommt plötzlich mit, wer daran erkrankt oder bereits sogar gestorben ist. Nicht gelöst ist die moralische Fragestellung, ob wir lieber ältere Menschen sterben lassen aber dafür keine Generation mit Depressionserfahrungen heranwachsen lassen. Warum also sollen die jungen Menschen nicht zuerst geimpft werden?
    Wie üblich werden wir ‚hinterher‘ wieder schlauer sein.
    Ich wünschte mir, man könnte das Umweltthema genauso unmittelbar machen. Damit wäre uns auch sehr gedient.

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    1. Thinkabout Beitragsautor

      Lieber Harald
      Vielen herzlichen Dank für Deine Worte! Welche Themen wir für uns als Gesellschaft unmittelbar zu machen bereit sind (schöne Formulierung!), ist ebenfalls ganz grundsätzliche Betrachtungen wert! Wir reagieren ganz offensichtlich auf stark suggerierende Bilder auf irgendwelchen Screens sehr viel betroffener oder brauchen die direkte Erfahrung von Leid in unserem unmittelbaren (sic!) Umfeld, um tatsächlich betroffen zu sein. Was aber nicht auszureichen scheint, ist unser Menschsein als Teil einer Natur, die uns mit ihren Rückmeldungen alles an die Hand gäbe, um – unmittelbar – fühlen zu können, ob wir ihr gut tun oder nicht. Es bräuchte dafür gar keine Schrecken. Erdverbundenheit würde positive Lebensgestaltung ermöglichen, für den Menschen und das Haus Erde, in dem er wohnt.

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  2. Menachem

    Ich habe lange über deinen sehr guten Beitrag nachgedacht, Thinkabout. Mir würde es derzeit nicht annähernd gelingen, so sachlich reflektierend und ohne Diffamierungen zum aktuellen, alles bestimmenden Thema, zu schreiben.

    Zwangsläufig rutsche ich dann auch in die Zeiten, in der „Angst“ das Leben der Menschen prägte, besonders in Deutschland, mit der Zeit des III. Reich`s und der DDR. Niemals hätte ich gedacht, dass ich etwas ähnliches einmal selbst erleben würde und zuschauen müsste, was es aus Menschen macht. Und es zieht mich selbst mit in diesen Strudel der Angst. Dabei beginne ich die Achtung vor den Menschen zu verlieren, und noch schlimmer, meine eigene Selbstachtung. Das macht mich fertig.

    Beiträge wie deiner, oder auch der jetzt wieder ausgegrabene Gedanke von Thomass Mann aus dem Zauberberg, sind die Wegweiser, die ich jetzt dringend brauche: „Wir dürfen unsere Gedanken nicht vom Tod bestimmen lassen“

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    1. Thinkabout Beitragsautor

      Lieber Menachem
      Ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar. Ich kann Dir versichern, dass diesem Text eine ähnliche Geschichte vorausgeht, ein Hader und ein Auf und Ab in den Empfindungen, wie Du es für Dich beschreibst. Wenn Du ihn als ausgewogen und einigermassen versöhnend empfindest, oder zumindest als einer, der das Löschwasser sucht und nicht das Benzin, so freut mich das. Ich glaube, dass wir uns immer wieder daran orientieren sollten, was wir WIRKLICH beeinflussen können – und das ist unsere eigene kleine Welt mit den Menschen, die tatsächlich in unserem unmittelbaren Umfeld leben.
      Natürlich bleibt die Beobachtung und Verwirrung über gesellschaftlichen Umgang mit Bedrohung, über das Wesen der Angst und das vorhandene oder fehlende (Ur-)Vertrauen etwas, was eben auch unsere Mitmenschen umtreibt – aber es gibt auch die Chance, die eigene Position einfach überprüfen zu können, und in der Unsicherheit auch einen Segen zu sehen: Was ist uns wirklich wertvoll? Und gehört dazu und zum Leben damit eben nicht gerade das Bewusstsein, dass es zerbrechlich ist? Was wäre denn, wie lebten wir denn, wenn dem nicht (mehr) so wäre? Wir würden uns in einer Sorglosigkeit in Oberflächlichkeit verlieren.
      Ich denke manchmal an Menschen, die für die Errungenschaften unserer Tage mit dem Einsatz ihres Lebens gekämpft haben. Sie würden mit unserer heutigen Unfähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, gewiss hadern, und wir können nicht erstaunt sein, wenn uns gesagt wird, dass wir deren Opfer irgendwie nicht wert sind.
      Was soll ich Dir sagen? Mit jedem verständnisvollen, auch mit jedem nach Ausdruck ringenden Wort, mit jedem Versuch des Verstehens sendest Du Deinerseits Zeichen aus. Kein Wort ist unbedeutend, auch wenn wir glauben, ins Leere zu reden oder zu schreiben. Aber Halt gibt uns auf jeden Fall das Kleinste Universum, und in ihm können wir wirken – und deshalb ist genau das das Grösste.

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