Ressort: Lebenskunst(Weitere Infos)

01.März 2021, 0:10

Die Sache mit der Aufmerksamkeit

Den folgenden Text habe ich im November 2004 geschrieben. Bis das erste iPhone in Europa auf den Markt kam, sollte es noch drei Jahre dauern:

Wie viele Möglichkeiten elektronischer Unterhaltung und Kommunikation hat unser Erfindungsgeist uns in den letzten 50 Jahren beschert?
Die Werbung preist uns alle diese Erzeugnisse an, ob Handy, Computer, Internet etc. Alles für uns und unsere Kommunikation!

Und was machen wir daraus?
Wir stürzen uns darauf, schaffen uns hoch auflösende Displays und „multiphone“-Klingeltöne an und was weiss ich was noch alles – um uns damit in Belanglosigkeiten selbst zu ertränken.
Wir verbreiten bedeutungslose Hülsen, statt uns um Inhalte zu kümmern. Wichtig ist, dass wir die Dinger alle brauchen, dass wir sie besitzen, aber nicht, was wir damit anstellen. Und statt dass wir Zeit gewinnen würden damit, verbrauchen wir sie durch Ablenkung. Den Wert, den diese neuen Möglichkeiten haben, erfassen wir nicht. Wir verwechseln ihn, verdecken ihn, indem wir Statussymbole aus den Tools machen. Jeder will erreichbar sein und misst damit die eigene Bedeutung. Dabei gibt es nichts Armseligeres als einen Gesprächspartner, der eine Unterhaltung unterbricht, weil er nervös seinen ganzen Körper abtastet, um das Hosentelefon, das gerade nicht dort zu sein scheint wo es sein sollte, zum Schweigen zu bringen.
Verzeihung, wertes Vis-à-Vis… reicht das, um zu erkennen, dass wirklich bedeutend ist, wer NICHT erreichbar sein muss oder will?

Man könnte ja hoffen, dass – wenn wir erst mal etwas Übung haben – wir uns schon wieder einkriegen und die moderne Technologie sinnvoller anwenden, , so dass der allgemeine Fortschritt nicht vor allem den persönlichen Rückschritt offenbart…

Aber wie ist es denn aus uns im Umgang mit dem guten alten Fernseher geworden? Wer schaut denn von uns bewusst fern? Selektiv, mit Bedacht – und konzentriert? Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen ganz ohne Programmzeitung auskommen. Das Ding läuft ja eh und es darf gezappt werden, was das Zeug hält. Wie viel Zeit vernichten wir doch täglich mit dieser Kiste! Ich nehme mich da nicht aus, weiss Gott nicht!

Von Zeit zu Zeit macht es allerdings „Klick“, und ich begreife für einen Tag, welchem Bock ich da aufsitze.

Ein gutes Buch macht dann den Abend zu etwas Besonderem, und wenn ich am ncähsten Tag eine gute Dokumentation bewusst auswähle, sie mir anschaue und nachher den Kasten auch wieder ausschalte, ja, dann finde ich mich gut. Ich darf mir dann einbilden, die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Unterhaltung kontrollieren und tatsächlich gewinnbringend einsetzen zu können. Und dann, ja dann ist es tatsächlich toll, alle diese Möglichkeiten zu haben und sich wie in einem Gespräch von Menschen berühren zu lassen. Dann schaue ich ihre Berichte aufmerksam an und es ist fast, als begegnete ich den Menschen, von denen sie erzählen, selbst persönlich.

Aber eine Begegnung mit Freunden für einen Fernsehabend eintauschen? O nein! Nichts geht über eine reale Begegnung, in der Wärme, Herz, Seelentiefe ausgetauscht und immer wieder neu angeboten wird.


thinkabout.myblog.de vom 7.11.2004, heute redigiert

Unfassbar… ich darf gar nicht daran denken, dass diese Gedanken und Beobachtungen aus einer Zeit stammten, in welcher es noch nicht mal Smartphones gab. Heute haben viele Menschen Schwierigkeiten, fünf Minuten nichts zu tun. Es macht sie nervös, während sie die ständige innere Unruhe im eindimensionalen Multitasking mit ihrem Smartphone gar nicht mehr wahrnehmen. Wann hast Du das letzte Mal fünf Minuten nichts getan?

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