Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

02.April 2021, 21:15

Wertschätzung für die Altenpflege

Wir zählen die Wellen, die Patienten, die Getesteten, die Spitaleintritte, die Toten.
Wir zählen auf die Pflegenden. Aber können Sie auch auf uns zählen?

Liebe Menschen in der Altenpflege

Wir haben im letzten Frühjahr geklatscht auf den Balkonen, und haben uns dabei gut gefühlt. Wir waren uns bewusst, so haben wir wenigstens behauptet, was Ihr leistet. Aber was ist davon geblieben? Auf jeden Fall scheint nichts daraus entstanden zu sein. Ihr habt für Eure Anliegen demonstriert – und seid dafür in die Pfanne gehauen worden. Das macht man doch nicht, mitten in der Krise! Eure Antwort: Nachher werden wir eh nicht mehr gehört. Das sitzt. Und es ist wahr.

Ihr arbeitet in einem teuren Wirtschaftssektor, wie ihr wisst. Das Gesundheitssystem der Schweiz soll das weltweit zweitteuerste sein. Wie sich das anhört, wenn man bei eigenem tiefem Lohn ständig an der Belastungsgrenze steht, kann ich mir vorstellen. Die meisten von Euch arbeiten Teilzeit. Weil ein volles Pensum zuviel solche Belastung wäre. Eine Spätfolge von Corona könnte sein, dass es zu einer Kündigungswelle kommt. Dabei fehlen schon jetzt zehntausende Pflegekräfte.

Ausser einem einmaligen Klatschen habt Ihr von uns nicht viel gehört. Wir sind ja auch damit beschäftigt, uns einzuigeln, uns vor dem Virus zu verstecken. Euch allerdings haben wir zur Arbeit geschickt ohne Schutzmaterial, und ob ihr positiv getestet wart, war auch kein Grund, zuhause zu bleiben. Nach der Arbeit allerdings solltet Ihr dann strikteste Isolation einhalten.

Wir wissen eigentlich gar nicht so genau, was Ihr da so tut, im Altenheim. Wir wollen ja alle auf keinen Fall dahin kommen und bekräftigen unsere Alten in ihrem Wunsch, länger und noch länger in der eigenen Wohnung zu bleiben. Müssen sie dann doch ins Heim, ist es meist viel später, als es gut für sie gewesen wäre, und doch ist es oft möglich, sie aufzupäppeln. Regelmässiges und abwechslungsreiches Essen wirkt Wunder, tägliche Kontakte auch. Ich konnte lernen: Eure Arbeit ist – tatsächlich – unbezahlbar. Weil sie so unspektakulär einfach daher kommt und selbstverständlich getan wird und so einen grossen Segen bewirken kann: Menschlicher Kontakt, Gemeinschaft, Ansprache, Gespräche oder schlicht das Halten einer Hand.

Fürsorge ist nicht gerade ein Wert, der gut bezahlt wäre. Das ist zwar nicht neu, aber nun ist es ganz neu schmerzhaft: Ich schäme mich. Für das, was wir in der Krise offenbaren. Wir haben die Welt stillgelegt, damit genügend Beatmungsmaschinen Tode verhindern können, und von Euch haben wir verlangt, dass Ihr Eure Bewohner separiert, in den Zimmern einschliesst, keine Besuche mehr möglich sind. Ihr habt täglich mit ihnen gelitten, und ganz Viele von Euch haben versucht, kleine Inseln zu schaffen, Variationen, in denen eben doch etwas menschliche Wärme möglich sein sollte. Ihr erlebt das Sterben auch. Täglich. Und so mancher Bewohner will nicht mehr, weil er nicht versteht und verstehen will, warum das so Kleine, aber so Kostbare nicht mehr sein darf? Das Herz soll schlagen, aber die Seele nicht mehr fühlen können?

Foto: iStock/muratmalli

Ihr fordert nicht einfach mehr Geld. Es sollte auch mehr Mitbestimmung geben. Wir sollten Euch einfach mal ernst nehmen. Und uns überlegen: Wenn wir schon Skrupel haben, alte Menschen sterben zu lassen, dann sollte dieser Skrupel bei der verbleibenden Lebensqualität aber auch vorhanden sein. Die Folge wäre: Es bräuchte Programme, mehr statt weniger Personal, nicht einfach mehr Ausbildung sondern die Ausbildung von Konzepten, welche unseren Alten ihre Würde lassen. Denn eines ist klar: Machen wir das nicht, werden wir auch und gerade Euch Pflegenden nicht gerecht. Und nutzen die riesige Macht Eurer Kompetenzen nicht zum Wohle unserer Alten, zu denen wir alle auch mal gehören werden. Und was werden wir dann antworten, wenn wir wählen könnten? Mit etwas Risiko leben, der Gebrechlichkeit geschuldet, und die kleinen Abwechslungen geniessen, die unsere Pflegepersonen in unsere Tage bringen – oder Überleben in einer sterilen Welt?

Die Messwerte der Kapazität unseres Gesundheitswesen haben unser Verhalten bestimmt. Die Politik hat den Intensivpflegebetten und der Situation in den Altenheimen unser ganzes Leben angepasst und es eingeschränkt. Wie sehr das nötig war, wird noch lange kontrovers diskutiert werden. Doch zu befürchten ist, dass über Eure Situation nicht so lange diskutiert werden wird. Was das doch alles kostet, wird ganz schnell beherrschend sein. Ich habe von keinem einzigen Zukunftskonzept gelesen, das mit viel Geld die Situation für die Pflegenden in Spitälern und Altenheimen besser machen soll.

Bis zur nächsten Krise. Ich hoffe, Ihr seid dann noch da, aber verdenken kann ich es Euch nicht, wenn Ihr leichtere Berufe sucht. Aber vielleicht ist da gerade im nächsten Dienst dieses besondere Lächeln der lieben Frau in Zimmer 5 – und das Strahlen, wenn es wieder eine Zusammenkunft gibt auf der Abteilung. Und dann packt es Euch wieder und die Zufriedenheit wärmt die Seele – und auch darum ist es so schön, wenn Ihr um Eure Anliegen kämpft. Ihr tut es nämlich, wahrhaftig, für uns.

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