In der Schweiz findet zur Zeit die Fussball-Europameisterschaft der Frauen statt, und irgendwie erleben wir ganz unverhofft ein kleines Schweizer Sommermärchen. Die Schweizerinnen wehren sich nämlich ganz prächtig, spielen erfrischenden Fussball und lassen ganz viel von den negativen Begleitgeräuschen im Vorfeld hinter sich. Und die einzelnen Charaktere sind erfrischend natürlich und positiv.
Acht mal in Folge nicht mehr gewonnen, in der Vorbereitung gegen eine regionale Juniorentruppe sang und klanglos verloren, dazu Verletzungen wichtiger Spielerinnen – was war da an Häme auszumachen, gerade auch in den asozialen Medien!
Und jetzt? Begeisternd gekämpft, dennoch das erste Spiel unglücklich verloren. Genau so, wie es bei den Männern jahrzehntelang im besten Fall zu vermelden war. Aber dann in Spiel zwei viel Kampf und etwas Wettkampfglück – und eine mitreissende letzte halbe Stunde. Teenager bekommen Verantwortung – und einem Fussballfreak wie mir fällt sofort auf, dass da ganz viel Talent auf dem Rasen ist – und Frau Sundhage, die Trainerin mit so viel Lebenserfahrung und Fachverstand, lässt sie laufen. Und dribbeln. Und schiessen. Und so ist vor dem letzten Gruppenspiel tatsächlich noch das Weiterkommen möglich. Die Frauen spielen in den grössten Schweizer Stadien, in Basel, in Bern und am Donnerstag in Genf. Die Spiele sind ausverkauft, die Stimmung top. Die Schweiz eine Festhütte? Auf jeden Fall ereignet sich gerade ein kleines Happening, und die Frauschaft um Lia Wälti, die Captain des Teams, hat sich das so was von verdient.
Was ich vor allem erfrischend finde? Es hat sich noch nichts abgenutzt an der ganzen Freude. Ja, man kann auch als Frau heute Profi sein und in einigen Ligen davon leben. Und das soll auch so sein. Aber der Enthusiasmus braucht noch immer Idealismus, und es ist beeindruckend, wie die 32jährige Wälti Verantwortung übernimmt – quasi für den ganzen Frauenfussball in der Schweiz. Sie ist nicht wirklich fit, spielt trotz Verletzung. Es ist DAS Ereignis nach zwölf Jahren Profisport für sie, und sie will dem Sommermärchen realistischere Träume folgen lassen, für alle Mädchen, die gerne Fussball spielen möchten. Wälti schultert nicht nur die zentrale Verantwortung auf dem Platz, sie will sich auch gesellschaftlich einbringen und damit anderen die Gelegenheit geben, es leichter zu haben in Zukunft.
Das Niveau wird weiter steigen, und die Schweizerinnen werden hoffentlich weitere schöne Geschichten schreiben. Auch nach dem Turnier. Unabhängig vom Resultat am Donnerstagabend.