Ressort: Gesellschaft(Weitere Infos)

02.April 2021, 21:15

Wertschätzung für die Altenpflege

Wir zählen die Wellen, die Patienten, die Getesteten, die Spitaleintritte, die Toten.
Wir zählen auf die Pflegenden. Aber können Sie auch auf uns zählen?

Liebe Menschen in der Altenpflege

Wir haben im letzten Frühjahr geklatscht auf den Balkonen, und haben uns dabei gut gefühlt. Wir waren uns bewusst, so haben wir wenigstens behauptet, was Ihr leistet. Aber was ist davon geblieben? Auf jeden Fall scheint nichts daraus entstanden zu sein. Ihr habt für Eure Anliegen demonstriert – und seid dafür in die Pfanne gehauen worden. Das macht man doch nicht, mitten in der Krise! Eure Antwort: Nachher werden wir eh nicht mehr gehört. Das sitzt. Und es ist wahr.

Ihr arbeitet in einem teuren Wirtschaftssektor, wie ihr wisst. Das Gesundheitssystem der Schweiz soll das weltweit zweitteuerste sein. Wie sich das anhört, wenn man bei eigenem tiefem Lohn ständig an der Belastungsgrenze steht, kann ich mir vorstellen. Die meisten von Euch arbeiten Teilzeit. Weil ein volles Pensum zuviel solche Belastung wäre. Eine Spätfolge von Corona könnte sein, dass es zu einer Kündigungswelle kommt. Dabei fehlen schon jetzt zehntausende Pflegekräfte.

Ausser einem einmaligen Klatschen habt Ihr von uns nicht viel gehört. Wir sind ja auch damit beschäftigt, uns einzuigeln, uns vor dem Virus zu verstecken. Euch allerdings haben wir zur Arbeit geschickt ohne Schutzmaterial, und ob ihr positiv getestet wart, war auch kein Grund, zuhause zu bleiben. Nach der Arbeit allerdings solltet Ihr dann strikteste Isolation einhalten.

Wir wissen eigentlich gar nicht so genau, was Ihr da so tut, im Altenheim. Wir wollen ja alle auf keinen Fall dahin kommen und bekräftigen unsere Alten in ihrem Wunsch, länger und noch länger in der eigenen Wohnung zu bleiben. Müssen sie dann doch ins Heim, ist es meist viel später, als es gut für sie gewesen wäre, und doch ist es oft möglich, sie aufzupäppeln. Regelmässiges und abwechslungsreiches Essen wirkt Wunder, tägliche Kontakte auch. Ich konnte lernen: Eure Arbeit ist – tatsächlich – unbezahlbar. Weil sie so unspektakulär einfach daher kommt und selbstverständlich getan wird und so einen grossen Segen bewirken kann: Menschlicher Kontakt, Gemeinschaft, Ansprache, Gespräche oder schlicht das Halten einer Hand.

Fürsorge ist nicht gerade ein Wert, der gut bezahlt wäre. Das ist zwar nicht neu, aber nun ist es ganz neu schmerzhaft: Ich schäme mich. Für das, was wir in der Krise offenbaren. Wir haben die Welt stillgelegt, damit genügend Beatmungsmaschinen Tode verhindern können, und von Euch haben wir verlangt, dass Ihr Eure Bewohner separiert, in den Zimmern einschliesst, keine Besuche mehr möglich sind. Ihr habt täglich mit ihnen gelitten, und ganz Viele von Euch haben versucht, kleine Inseln zu schaffen, Variationen, in denen eben doch etwas menschliche Wärme möglich sein sollte. Ihr erlebt das Sterben auch. Täglich. Und so mancher Bewohner will nicht mehr, weil er nicht versteht und verstehen will, warum das so Kleine, aber so Kostbare nicht mehr sein darf? Das Herz soll schlagen, aber die Seele nicht mehr fühlen können?

Foto: iStock/muratmalli

Ihr fordert nicht einfach mehr Geld. Es sollte auch mehr Mitbestimmung geben. Wir sollten Euch einfach mal ernst nehmen. Und uns überlegen: Wenn wir schon Skrupel haben, alte Menschen sterben zu lassen, dann sollte dieser Skrupel bei der verbleibenden Lebensqualität aber auch vorhanden sein. Die Folge wäre: Es bräuchte Programme, mehr statt weniger Personal, nicht einfach mehr Ausbildung sondern die Ausbildung von Konzepten, welche unseren Alten ihre Würde lassen. Denn eines ist klar: Machen wir das nicht, werden wir auch und gerade Euch Pflegenden nicht gerecht. Und nutzen die riesige Macht Eurer Kompetenzen nicht zum Wohle unserer Alten, zu denen wir alle auch mal gehören werden. Und was werden wir dann antworten, wenn wir wählen könnten? Mit etwas Risiko leben, der Gebrechlichkeit geschuldet, und die kleinen Abwechslungen geniessen, die unsere Pflegepersonen in unsere Tage bringen – oder Überleben in einer sterilen Welt?

Die Messwerte der Kapazität unseres Gesundheitswesen haben unser Verhalten bestimmt. Die Politik hat den Intensivpflegebetten und der Situation in den Altenheimen unser ganzes Leben angepasst und es eingeschränkt. Wie sehr das nötig war, wird noch lange kontrovers diskutiert werden. Doch zu befürchten ist, dass über Eure Situation nicht so lange diskutiert werden wird. Was das doch alles kostet, wird ganz schnell beherrschend sein. Ich habe von keinem einzigen Zukunftskonzept gelesen, das mit viel Geld die Situation für die Pflegenden in Spitälern und Altenheimen besser machen soll.

Bis zur nächsten Krise. Ich hoffe, Ihr seid dann noch da, aber verdenken kann ich es Euch nicht, wenn Ihr leichtere Berufe sucht. Aber vielleicht ist da gerade im nächsten Dienst dieses besondere Lächeln der lieben Frau in Zimmer 5 – und das Strahlen, wenn es wieder eine Zusammenkunft gibt auf der Abteilung. Und dann packt es Euch wieder und die Zufriedenheit wärmt die Seele – und auch darum ist es so schön, wenn Ihr um Eure Anliegen kämpft. Ihr tut es nämlich, wahrhaftig, für uns.

29.März 2021, 23:15

Normalität und Veränderung

Wir wünschen uns die Normalität zurück. Wir haben genug. Wir fühlen uns bedrängt, manipuliert, eingesperrt. Wir wollen unser Leben zurück. Die Beizen, das Strassenleben, die Lebendigkeit, das Gesellige, den Konsum. Und was ist mit den Aufgaben, denen wir uns für den Erhalt der Erde zu stellen haben?

Ich kann verstehen, dass junge und alte Klimaaktivisten sich daran reiben, dass es der Masse ganz offensichtlich schlicht darum geht, den Konsum wieder aufnehmen zu können – während doch die Zeit der Lockdowns gerade der Natur in einigen Segmenten ein bisschen Durchatmen erlaubt haben mag. Aber die Nachhaltigkeit in unserem Verhalten kann sich nicht durch die Angst vor einem Virus einstellen. Sie muss verstanden und gelernt werden – und gewollt. Aus freien Stücken. Und darum bleibt der Konsum unser Thema, dem wir uns stellen müssen, eine jede Person persönlich: Was vertreten wir? Was brauchen wir? Und was meinen wir mit „brauchen“? Wir werden auf jeden Fall in unserer Gesellschaft nie einen politischen Kurs durchgesetzt bekommen, welcher nicht das Auskommen für Alle möglich macht. Und sehr viele Segmente unserer Wirtschaftsleistung erbringen wir für Güter, die ein Bedürfnis befriedigen sollen, das zuvor künstlich geschaffen wurde.

So sind wir und so bleiben wir. Wir wollen es bequem und schön haben – was das heisst und wie sehr, müssen wir definieren, erst allenfalls neu lernen. Oder korrigieren. Unsere Einstellung zum Konsum kann sich nur anhand der Erfahrungen ändern – und vielleicht haben wir eine Ahnung gewonnen, wie es auch gehen könnte. Aber, ganz ehrlich: Was wir der Natur an Atempause ermöglicht haben, ist ein Klacks – und ging auf Kosten vieler Menschen, die umgekehrt bildlich gesprochen viel zu wenig Sauerstoff bekommen haben. Der Weg, ein natürlich natürlicher Mensch zu werden, ist verdammt lang – und gewissermassen zubetoniert. Und doch müssen wir zurück, zurück in unsere Normalität, in das, was wir darunter verstehen, weil nur Programme und Leitlinien, die wir frei entscheiden, in wirklicher Sorge um die Natur, so ehrlich und konsistent sind, dass sie Stresstests bestehen. Das macht nicht unbedingt optimistisch, ich weiss. Genau so wenig, wie die Tatsache, mit wie wenig Umsicht und Lebensnähe wir dem Virus die Stirn geboten haben – oder auch nicht.

Alles, wirklich alles, bleibt eine Frage der persönlichen Einstellung. Es ist das, was mir am meisten in den Knochen sitzt und sich als bleibende Erfahrung anfühlt:

Meine persönlichen Werte und meine Sicht auf meine Endlichkeit haben sich gefestigt, so dass ich dadurch ganz viel Frieden spüre und Freude an meinem Leben. Aber die Welt, die mich regiert, mit welchen guten oder weniger guten Absichten auch immer, ist mir fremder geworden. Das wird mich nicht hindern, in meiner Freude so zu leben, dass es auch andere spüren können. Ich will Menschen gut tun und sie nicht verunsichern. Aber ich verstehe die Unsicherheit, und ich befürchte, dass sie zu oft nicht ausgehalten wird, sondern zugedeckt. Wir passen uns an. Suchen bestenfalls einfache Antworten. Die niemand hat. Heute weniger denn je.

Dabei ist so unfassbar Vieles in uns Allen angelegt… denn wir haben das Leben in uns. Wir sind Schöpfung.

26.Februar 2021, 13:26

Die Alten in unserem Nadelöhr

Ich hadere wirklich mit unserem Umgang mit diesem Virus. Und ganz losgelöst von der Frage, ob und wie wir die Lebensbereiche von Einschränkungen befreien sollten, gibt es diesen grossen Bereich, von dem wir alle reden, zu dem wir aber nach wie vor keinen Zugang haben: Die Alten in den Heimen.

Alle getroffenen Massnahmen gegen die Verbreitung der Corona-Viren orientieren sich einhellig an einem objektiven Umstand: Das Leben der alten Menschen ist am meisten bedroht – und das Gesundheitssystem ist ob dieser Tatsache extrem belastet – und im Umkehrschluss ist damit die gesundheitliche Perfekt-Versorgung von uns allen gefährdet. Also machten wir dicht. Nicht nur in Alters- und Pflegeheimen, aber dort erst recht. Wir konstatierten die Gefahren durch und für das Pflegepersonal, wir sperrten zu, verbarrikadierten, isolierten, wir spendeten dem Personal unseren Applaus. Und wir jonglieren noch immer mit Konzepten, reden und verwerfen Massentests und durchgängige Tests für alle, die ein Heim oder Spital betreten, betreten wollen. Doch alle Konzepte messen ihren Erfolg nur an der einzig absoluten Zahl: Den Todesfällen. Und die sollen nicht sein. Was wir nicht schützen, ist die Lebensqualität. Dass die in vielen Situationen geopfert wurde, mag Hilflosigkeit gewesen sein oder Überzeugung, um das – scheinbar – Schlimmste zu verhindern. Ich habe keine einzige positive Reportage über geförderte und unterstützte Programme gelesen, mit denen versucht wurde, bei notwendigem Schutz möglichst viel Lebensqualität zu erhalten (ich meine nicht persönliche Initiativen, sondern erarbeitete Strategien). Und bitte, kommt mir jetzt nicht mit Erzählungen von Ständchen der Enkel zum Geburtstag vor dem Fenster der Oma.

Was als Eindruck vorherrscht, zeigen uns jene Alten, die dazu noch eine Meinung äussern und nach ihr leben können: Neueintritte bleiben aus, weil ältere Menschen nicht eingesperrt werden wollen. Und was folgt daraus? Unterbelegungen führen zu Stellenabbau. Es entsteht für die Heime bei sinkender Belegung und bleibend hohen Fixkosten ein zunehmender Spardruck infolge hoher finanzieller Defizite. Der Konkurrenzkampf wird zunehmen, die Verteilkämpfe um die knappen Mittel werden zunehmen. Die Löhne kommen noch mehr unter Druck, statt zu steigen. Was sie dringend müssen, scheissegal, wie teuer das Gesundheitssystem schon ist, das wir haben. Denn wir haben in den letzten zwölf Monaten bewiesen, wie wichtig uns das – eigentlich – ist.

Ich habe von viel Geld gelesen, das der Bundesrat in die Stützung der Wirtschaft und die Abfederung der Kurzarbeits- und Arbeitsprogramme stecken will – und auch muss. Das ist richtig und notwendig. Aber wo sind die Massnahmen, welche das eigentliche Nadelöhr weiten könnten? Die bessere Entlöhnung des Pflegepersonals? Die Unterstützung durch Finanzierung von Konzepten für die Erhaltung der Lebensqualität von Heimbewohnern? Die Erhöhung der Grundkapazitäten der Intensivmedizin (denn ganz offensichtlich wollen wir die Erhaltung des Lebens um jeden Preis). Weil sich die Schutz-Reflexe der Gesellschaft auf die nackte Erhaltung schlagender Herzen beschränkt und herzlich wenig um die Lebensfreude der Seelen der Menschen schert, haben wir da draussen ganz viele Menschen, die irgendwie versuchen, zurecht zu kommen: Die Alten, von ihrem Alltag überfordert und längst auf mehr fachliche Pflege angewiesen, während sie weiter vereinsamen, aber nun erst recht nicht ins Heim wollen, und am andern Ende die ganz Jungen, welche die Orientierung nicht verlieren können, weil sie diese gar nicht erst finden. Aber das ist ein anderes, weiteres Thema…

Eine Konsequenz aus unserem Verhalten und dem daraus folgenden Verlauf der Krise muss doch sein, dass wir die Pflegeberufe so attraktiv machen, bei höherem Lohn und kürzeren Arbeitszeiten, dass pflegende und gepflegte Menschen sich gegenseitig bekräftigen können, was das Leben an dessen Ende wirklich ausmacht. Kein Intubations-Set in der Intensivpflege, aber viele mögliche praktische Antworten auf die Bedrohung des Lebens – etwas, mit dem sich viele alte Menschen sehr viel bewusster beschäftigen können, als wir womöglich meinen. Wenn wir das bejahen, dann wird diese verdammte Chose wenigstens etwas Gutes gebracht haben. Und das wäre dann tatsächlich zum Vorteil der Alten. Und damit auch der Pflegenden.

BEWEGT EUCH ENDLICH, die Ihr das Sagen habt.

21.Februar 2021, 20:50

Den Jungen gehört die Welt

Wir verlangen viel von unseren Jungen. Ihnen sollte die Welt gehören, denn sie müssen sie ja auch gestalten, oder? Und was ist? Wir trüben die Aussicht unserer Kinder mit lauter Fragezeichen. Meiner Meinung nach haben die heutigen Jungen viel mehr Fragen zu lösen als frühere Generationen.

Was hinterlassen wir ihnen? Aktuell behindern wir ihre Ausbildung – und zwar in massiver Weise. Wir gewichten die Risiken einer relativ gefährlichen Pandemie eindeutig höher als die unwägbaren Folgen der Hindernisse zweier Jahrgänge an den Schwellen zur Berufsbildung. Studenten und Lehrlinge haben es am Beginn und am Ende ihrer Ausbildung gerade extrem schwer, Orientierung zu bekommen – und eine faire Bestätigung in Form von ergebnisgerechten Prüfungen. Und all jene, die darauf antworten mögen, dass die eigenen Kinder das gut wegstecken, sollten mal genau diese Kinder fragen, ob sie denken, dass alle ihre Schulkameraden und Studienkolleginnen in der gleichen Situation ähnlich durch die Krise kommen? Und welches Gefühl für einander bleibt denn übrig in dieser Welt der digitalen Selektion?

Die letzten Jahrzehnte haben uns viele Diskussionen gebracht, in welchen wir die Befürchtungen um die Altersvorsorge mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortung abgewehrt haben – wobei wir wenigstens am System der zweiten und dritten Säule nicht grundsätzlich zu rütteln begannen. So, wie wir uns geben, könnte man meinen, wir würden wenigstens dafür sorgen, dass das Wirtschaftssystem geschmiert bleibt und daraus wenigstens viele Chancen erwachsen. Aber, ganz ehrlich: Sind wir gerade in diese Richtung unterwegs? Es wächst das Gefühl einer Willkür, deren Antrieb zwar niemand so genau zu fassen vermag, aber wirklich verständlich ist es nicht, warum die Einen zurückstecken müssen und andere freie Fahrt haben?

Und wenn wir um die nächste Ecke biegen, wartet da die Klimafrage auf uns. Und alles deutet darauf hin, dass wir vor den Gefahren, die im Zusammenhang damit beschrieben werden, sehr viel weniger Respekt haben als vor den Corona-Fallzahlen. Wird schon gehen. Läuft. Mein Auto hat zwar mehr PS als das letzte, aber der Antrieb ist nun ein anderer. Die Gesamtbilanz ist ökologisch nicht besser, aber die Wirtschaft ist innovativ und wechselt die ausgebeuteten Rohstoffressourcen wenigstens zum Teil aus. Der Glaube in die Technologie, in den technischen Fortschritt ist ungebrochen. Einen anderen Glauben brauchen wir ja nicht mehr.

Na, da bin ich ja wieder mal absolut gefrustet unterwegs und trage gerade massiv dazu bei, dass die Lesenden Trübsal blasen und die Köpfe hängen lassen.

Foto: iStock/MariaDubova

Wären da nicht eben gerade die Jungen. Die wahrscheinlich genau so auf diesen Text reagieren, wie ich es früher getan habe, wenn mich Ältere bedauert haben wegen der angeblich schlechten Perspektiven. Unsere Jungen haben den Anspruch, siehe oben, die Welt zu gestalten und sich zu behaupten, zu entwickeln. Sie wollen nicht mehr so dringend ein eigenes Auto, wie das bei uns noch der Fall war, und bei einer Jobwahl spielt die Work Life Balance tatsächlich oft eine Rolle. Zeit zur Verfügung zu haben kann sogar wichtiger werden als mehr Geld. Die Welt ist nicht so grau, wie ich glaube. Und wird mit anderen Augen gesehen.

Also sollten wir Älteren still aber nachdrücklich dafür sorgen, dass die Naivität, die jedem jungen positiven Lebensentwurf auch innewohnen mag, keine Utopie wird, sondern tatsächlich das Erreichen einer Lebensqualität begünstigt. Indem wir eben dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen in Ausbildung und Entwicklung von Berufslaufbahnen und Unternehmungen stimmig sind, dynamisch und fair. Wir noch nicht so Alten aber doch Angegrauten werden genau den Erfolg dieser Bemühungen brauchen – für den Frieden im Blick auf die Welt, die immer auch unsere ist, für die wir tatsächlich Verantwortung haben.

13.Februar 2021, 3:00

Die Unsicherheit

credit: iStock/MisterM

Corona ist wohl definitiv eine riesige Herausforderung für uns alle geworden, und jeder Einzelne von uns muss seine eigene Einstellung dazu finden – und damit ist nicht das Verhalten zu den Aufrufen zu einer bestimmten Verhaltensweise gemeint – sondern für uns selbst zu definieren, wie sehr oder wie wenig wir eine Ansteckung fürchten? Es geht um die Frage: Wie halte ich es mit der Unsicherheit?

Politik tritt immer wieder mit dem Anspruch an, Sicherheit garantieren zu wollen, für einen Schutz zu stehen. Damit wurde in der Terrordiskussion argumentiert, und nun ist es genau so. Es ist das Merkmal der heutigen Generationen und die Legitimation für ganz viele Massnahmen. Aber die Sicherheit ist oft nicht so gefährdet, wie erklärt und umgekehrt nicht so eindeutig zu gewähren, wie versprochen wird. Darin liegt nicht die Basis für eine weitere Verschwörungstheorie. Es ist schlicht eine feststellbare Tatsache.

Neue Mutationen, neue Impfungen, Wirksamkeitsgrade, Ansteckungs-gefahr, Übertragungsunsicherheit, Überlastungsszenarien – alles wird bleiben. Und Statistiken werden weiter belegen wollen, dass Massnahmen einerseits notwendig sind und gleichzeitig verhältnismässig. Aber die Zahlen nehmen uns die Entscheidung nicht ab, selbst dann nicht, wenn sie aussagefähig werden. Denn für ganz viele Elemente der Abwägung gibt es sie nicht. Nicht für die Langzeitfolgen für Covid-Patienten, nicht für die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgeschäden der getroffenen Massnahmen. Zu was wollen wir sie denn ins Verhältnis setzen? Was es aber gibt, und entgegen aller Hoffnung bleiben wird, ist die Notwendigkeit unserer ganz persönlichen Einschätzung einer Gefahr und unsere Einstellung dazu: Was bin ich bereit, für meine „Sicherheit“ als Risiko einzugehen? Die Lockerungen müssen kommen, werden kommen, und meine grösste Angst ist, dass sie so spät kommen, dass das Verhältnis zwischen Volk und Regierung tiefe Risse bekommt.

Die Entscheidung wird eine persönliche werden müssen:
Impfen lassen? Und wie mich danach verhalten? Welche Sicherheit bietet sich mir wirklich? Welche Mutationen werden noch folgen? Maske tragen? Wo? In Restaurants gehen, auf Veranstaltungen?

Achtung, das ist keine Verharmlosung, aber eine Analogie: Wir müssen es schaffen, mit Corona so umzugehen wie mit einer Grippeepidemie, denn Corona wird genau so bleiben. Es wird meine persönliche Verantwortung werden, wie ich mich in meinem Alltag verhalte und mit wieviel Angst ich damit umgehe, angesteckt werden zu können. Wenn wir Lockerungen haben, wird es mehr Überlegungen geben müssen, wie das denn mit Grippeviren jeweils ist? Es gibt Wellen, Schwankungen, und Veränderungen in der Ausgestaltung. Womöglich wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass sich die Viren schneller verbreiten als zu Beginn, sie aber gleichzeitig weniger Menschen krank werden lassen – und diese tendenziell weniger schwer. Das ist die Beobachtung bei vielen Grippewellen, und es spricht einiges dafür, dass es hier ähnlich sein wird. Nur: Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach einen Umgang damit finden. Und eine positive Sichtweise. Denn was wir jetzt haben, und in zunehmendem Mass, ist eine Unsicherheit, die an sich schon krank macht. Wir brauchen die positive Erfahrung, dass wir mit einander Umgang haben können – und das tatsächlich nicht nur überleben, sondern gerade dadurch gesunden können. Und es einer überwältigenden Vielzahl von Menschen möglich bleibt, für sich zu sorgen – auch wirtschaftlich und sozial. Für die Kranken muss die bestmögliche Hilfe geleistet werden. Und aus tatsächlichen Erfahrungen ableitbar akut Gefähredete müssen geschützt werden. Es wird entsprechend neue Begrifflichkeiten brauchen.

Wir werden schwer daran zu beissen haben, dass uns so viel Respekt eingebläut wurde, dass daraus viel mehr Angst geworden ist, als wir jetzt noch abschätzen können. Psychiatrische Anlaufstellen wissen schon längst sehr viel davon zu berichten, und auch bei uns allen, denen „es gut geht“, ist längst nicht alles gut. Und das wird auch nicht einfach verfliegen, wenn die Viren ihre Kraft einbüssen. Sie sind längst Teil unserer Gesellschaft geworden – in einer Weise, vor der wir uns nicht mit einer Impfung schützen können.

Vielleicht hilft es, wenn wir Corona endlich auch als Lehrmeister begreifen, und nicht der Utopie nachhangen, nach welcher das Ding so schnell wieder verschwinden wird, wie es gekommen ist. Corona hat uns so sehr in die Klauen bekommen, dass es elementar sein wird, daraus zu lernen. Und zwar anders, als wir bisher bereit sind, es zu tun.

04.Februar 2021, 22:30

Oh Gott, wir Menschen

Als der Mensch genetisch entschlüsselt war, wurde er immer lauter: Dieser Ausspruch, dass die Menschheit Gott nun nicht mehr brauchen würde. Was erklärbar wird, ist nicht länger ein Wunder. Und nur das Unerklärbare lässt die Vermutung göttlicher Mächte zu?

Die Wissbegier des Menschen ist unersättlich, und seine Fähigkeit, Geheimnisse zu entschlüsseln, wirklich erstaunlich. Das lässt die Menschheit hoffen, der Mensch selbst würde die Lösungen für alle Bedrohungen durch sein Wissen finden. Nur, welche Motivation hat der Mensch, sein Wissen anzuwenden? Und in welche Richtung forscht er?

Uns allen ist ein Überlebensdrang eigen. Arme Menschen wollen überleben. Vermögende Menschen können gut leben und sind im besten Fall dankbar dafür. Reiche Menschen haben Überfluss und gehen unterschiedlich damit um. Die Sachzwänge der Macht, aber auch die Faszination der Macht ist allgegenwärtig, und damit der Wunsch, Menschen und ihre Verhalten vorhersehen oder steuern zu können. Denn das verspricht reichen Ertrag. Und darauf ist der Mensch auch ausgerichtet. Kaum eine Errungenschaft, welche die Menschheit erreicht hat, ist nur für friedliche Zwecke genutzt worden. Und Entwicklungen, die uns begeistern, erfahren dann unsere Anwendung und Verwendung, und wir wissen wohl alle, dass wir mit diesen Möglichkeiten sehr unterschiedlich umgehen – und aus vermeintlichem Segen auch eine Crux werden kann. Was Geld und Macht verspricht, wird getan. Keine menschliche Ethik, die eine Berufsgruppe oder Gesellschaft festlegt, kann darauf bauen, Bestand zu haben. Das Machbare wird gemacht.

Ich habe nie verstanden, wie man aus der Entdeckung, wie etwas konstruiert, gebaut ist und warum, ableiten kann, es gäbe das darin liegende Wunder nicht mehr. Mindestens muss daraus doch ein Staunen folgen – und ein Blick dafür, dass sich auch die neue Entdeckung mit ganz vielen weiteren Phänomen vernetzt – und wir genau das zu erforschen nie auch nur im Ansatz fertig sein werden. Wie schlecht der Mensch fähig ist, einigermassen vernetzt zu denken und Wechsel- und Folgewirkungen von Eingriffen zu bedenken, zeigt sich ihm immer wieder, wenn er es denn sehen will. Aber oft sind wir blind, weil wir nur schon in Zeitbegriffen denken, welche für die Erde einfach lächerlich sind. Wir können die Folgen für die Umwelt nicht mal für die nächste Generation wirklich erfassen und stehen immer wieder vor der Frage, weshalb ein Phänomen plötzlich auftritt? Zu glauben, Master Of The Universe zu sein oder zu werden, ist ketzerisch und eine Überheblichkeit, vor der wir uns Alle fürchten sollten. Denn unsere Anmassung liegt auch darin, dass wir glauben, die Welt würde immer unser Konsumtempel bleiben. Keine unserer Massnahmen zum Schutz des Klimas zielt darauf ab, weniger zu haben, zu brauchen, zu konsumieren. Wir sollen es nur anders machen. Und damit weiter Wachstum generieren – und andere Ressourcen aufbrauchen.

Der Mensch hat vielleicht einen Sinn dafür, das Geschenk seiner Erde zu erkennen. Aber er hat nicht die spirituelle Tiefe noch die irdische Verbundenheit, sich als Bewahrer dieser Erde zu begreifen und entsprechende Kompromisse in seinem Konsum zu machen – und in seinen Erwartungen. Gott ist nicht tot. Wir ignorieren ihn nur. Wir kommen ohne ihn aus. Es kommt einmal ein Tag, an welchem Gott beschlossen hat, uns nicht mehr zu brauchen. So glaube und empfinde ich seine Präsenz. Wir müssen nicht an ihn glauben – aber wenn wir denn schon denken, ohne ihn klar zu kommen, dann sollten wir das Staunen über die Schöpfung nicht verlieren – und uns immer wieder bewusst sein, dass wir zwar grandiose Anstrengungen unternehmen können, die Richtung aber stets auch das Resultat der Unwissenheit ist. Wir sollten uns selbst auf die Finger schauen. Immer wieder. Und dabei schadet es keineswegs, die göttliche Idee in unserer Erschaffung zu suchen (warum sind wir wirklich hier?). Ob wir dann so leben würden, wie wir es tun, mit Einschluss aller Errungenschaften, die wir erreicht haben? Ich glaube es nicht. Gott ist nicht gestorben, nur weil wir ihn vergessen. Stattdessen könnten wir so Mensch werden, wie wir wohl wirklich gedacht sein dürften. Und dabei erfahren, wie viel Liebe in uns ist, die den richtigen Weg weist. Für den Nächsten, für die Erde, die Welt, unseren Umgang mit jeder Art von Gefahr. Wenn wir das Bewusstsein unserer Endlichkeit zum Prinzip unseres Lebens machen, bekommt das Machbare eine andere Bedeutung, die keine vergängliche Macht sucht. Dann wird auch die Ohnmacht nicht bleiben, wenn wir vor riesigen Problemen stehen – oder einem Ende. Wer weiss schon, was wirklich endgültig ist.

Den unsäglichen Sprüchen über den Tod von Gott oder seinen verlorenen Zweck stelle ich die Frage entgegen:

Was, glaubst du, bedeutet es für uns, für dich, wenn Gott einfach viel mehr Zeit hat als jeder von uns?

30.Januar 2021, 22:45

Man weiss es nicht

Eine Pandemie ist, wir lernen es allmählich, die Krise einer Gesellschaft, die sich in einer Notlage sieht, die nach schnellen Antworten verlangt, die es nicht geben kann, weil so viel Wissen fehlt und die Ahnungslosigkeit sehr viel grösser ist als jede Gewissheit. Und jene Menschen, die führen müssen und Verantwortung übernehmen wollen, stehen vor der Herausforderung, Klarheit zu suggerieren und Unklarheit zu kaschieren. Offenbart sich dann Unwissen in der Führung, wird das fatale Gegenteil erreicht…

credit: iStock/MHJ

Die Menschen sollen „mitgenommen“, motiviert, diszipliniert werden oder sein und bleiben. Was ihnen zugemutet wird, ist zum Wohle des Ganzen, wobei jegliche Zeit fehlt, sich – als Gesellschaft – klar zu werden, was denn dieses Wohl darstellt? Wir sind im Verbund atemlos, orientierungslos, hilflos, und wenn die Frage einigermassen zuverlässig für eine tragende Mehrheit beantwortbar wird, so folgt die nächste Aufgabe: Und wie erreichen wir dieses Wohl am Besten und wie am Schnellsten? Und wie messen wir es? Mit welcher weiteren unzulänglichen Statistik?

Wir verharren im Gefühl, fremdbestimmt zu sein, Spielball fremder Einflüsse, egal, ob wir Verschwörungen dahinter vermuten oder schlicht verhängnisvoll in einander arbeitende Sachzwänge. Im besten Fall attestieren wir den Behörden guten Willen aber schlechte Resultate – weil der Teil der Realität, den wir erfassen und über den wir informiert werden, immer denjenigen Recht gibt, die es anders gemacht hätten. Es bleiben einfach zu viele schlechte Nachrichten in den Gehirnen kleben.

Wir müssen wohl dahin kommen, dass wir die Demut lernen, die uns sagen lässt: Man weiss es nicht. Oder nicht besser. Noch nicht. Und ich weiss es auch nicht. Was ich aber weiss, und was ich kann, ist, mir deutlich zu machen, wie ich es denn selbst habe mit meiner Verletzlichkeit, mit meiner Angst vor Krankheit und Sterblichkeit oder wirtschaftlicher Not? Wir reagieren in aller Regel auf jene Bedrohung am stärksten, die vermeintlich am nächsten ist. Sie scheint die grösste zu sein. Was ferner droht, kommt später, und so beachten wir das auch später. Die Zerreissprobe liegt genau darin, dass für den Querschnitt unserer Bevölkerung diese grösste Bedrohung eine sehr unterschiedliche ist – auch, weil wir sehr unterschiedliche Möglichkeiten haben, den Herausforderungen zu begegnen.

Dabei haben besser situierte Menschen deutlich höhere Ansprüche an die von den Behörden zu garantierende Sicherheit. Und sie definieren Sicherheit auch – logisch – ganz anders.

Wie also, wenn wir, aus der Erkenntnis heraus, wie viel wir doch tatsächlich nicht wissen, einfach länger und besser zuhörten? Nicht nur den Experten. Sondern den Nächsten. Und jenen, die ganz andere Probleme haben.

Eine Gesellschaft, die Opfer verlangt, geht auch eine Bringschuld ein.

Und ganz sicher wird es uns alle für die Zukunft ganz persönlich krisenresistenter und lebendiger machen, wenn wir es nicht verpassen, uns einzugestehen, wie kalt uns die Pandemie erwischt hat. Als Gemeinschaft. Und persönlich. Als sterbliche Wesen mit einem Wohlstand, der niemals wirklich selbstverständlich ist. Und für den wir wieder vermehrt werden kämpfen müssen – und zusammenstehen. Ich hoffe, das ist möglich.

30.Dezember 2020, 8:32

Wie mit Skeptikern umgehen?

Es ist schon eine Crux – wie soll „man“ mit Impfverweigerern umgehen? Wir diskutieren Fragen des Impfzwangs. Die Staatsrechtsprofessorin Eva Maria Belser beklagt im Schweizer Radio, dass Impfskeptiker und „Angstmacher“ gerade Aufwind bekommen, weil wir keine klaren Antworten auf deren Verweigerungsargumente hätten. Dabei geht es ihr wohl wie den meisten: Her mit diesen klaren Antworten, damit die Bremser und kategorischen Verweigerer und Verschwörungstheoretiker weg argumentiert werden können und wir endlich vorwärts machen können mit dem Impfen – und mit einem demokratischen Diskurs, in dem die Aussicht auf eine gesetzliche Festsetzung einer Impfpflicht eine Chance bekommt.

Dabei werde ich das beklemmende Gefühl nicht los, dass auch hier am falschen Punkt Luft geholt wird: Vielleicht wäre den Skeptikern einfach auch mal in einem positiven Satz zuzubilligen, dass sie Zweifel haben, welche in der gegenwärtigen Situation schlicht nicht zerstreut werden können? Und dass es folglich eine reine Einstellungsfrage des Einzelnen bleibt, wie er sich zur Möglichkeit einer Impfung stellen mag, statt in Betracht zu ziehen, dass Menschen sich gegen den Zwang zu einer Impfung wehren müssten?

Die Gesellschaft wird in den letzten Jahren immer und immer wieder mit der gleichen Situation konfrontiert: Gegen die Mehrheitsströmung formiert sich Widerstand, der vielfältig und laut daherkommt, auch instrumentalisiert wird, aber augenscheinlich ganz viele Menschen aufrüttelt und animiert, mit zu gehen. Und das einzige, was uns einfällt, ist von den Dummen zu reden, den Fehlgeleiteten, den Extremen, den Frustrierten – im besten Fall. Doch dem Antrieb ihrer Unruhe nehmen wir uns nicht an, was dazu führt, dass die Gegenstimmen nicht leiser werden, sondern lauter. Weil wir mit der Reaktion genau dieses ungute Gefühl bestätigen, das diesen Teil der Bevölkerung längst beschlichen hat.

Es gibt keine einfachen Lösungen, rufen wir den Schreienden zu. Und wählen selbst die einfache und hilflose Einstellung der Verweigerung. Damit sind wir alle ein Teil des grösser werdenden Problems.

23.Dezember 2020, 7:00

Corona-Festtage

Die Festtage sind normalerweise bei vielen Menschen durchgetaktet. Es muss ja auch viel auf die Reihe gebracht, erledigt und organisiert werden. Corona könnte da eine Ausnahme machen. Viele Rituale mögen diesmal nicht möglich sein, brauchen Anpassungen – vielleicht aber ist trotz dem bundesrätlichen Aufruf, zu Hause zu bleiben, bezüglich Begegnung nicht alles festgefahren?

Ich stelle mir vor, wie viele Wohnhäuser es geben mag, in denen Personen plötzlich vor einer Weihnacht stehen, die sie allein verbringen werden. Womöglich leben sie gar Tür an Tür? Vielleicht sind sie gerade an Heiligabend dann auch lieber wirklich allein – oder womöglich nicht? Vielleicht gibt es Gelegenheiten zu spontanen Begegnungen, oder auch nur zu einem kleinen kurzen Austausch von Worten, die nicht nichtssagend bleiben, sondern Ausdruck der Herausforderung sind, die an uns gestellt wird. Und die ist ein Klaks, liebe Lesenden, wenn wir uns einfach ein bisschen schubsen lassen, einem Impuls nachgeben und die Herzwärme zulassen, die wir uns selbst auch wünschen. Weihnachten wird genau so kalt wie wir es hinnehmen, oder so warm, wie es sich anbietet.

Vielleicht sind wir allein. Aber das bedeutet nicht, einsam zu sein. Wir können mannigfaltige Verbindungen eingehen, können sie auf unterschiedlichste Weise pflegen und fühlen, dass sie lebendig sind.

Man stelle sich vor, die Welt würde tatsächlich mal durchatmen. Würde ausruhen nicht mit konsumieren gleichsetzen, sondern weniger brauchen, um das, was ist, was man hat, neu zu schätzen. Die Stille muss gar nicht bedrohlich sein, nur weil sie uns lehrt, auch bewusst zu horchen. Es gibt in dem, was ist, was bei uns und in uns ist, so viel zu entdecken, was unbeachtet bleibt, weil wir uns nicht genug Beachtung schenken. Ich meine wirkliche Beachtung, die keine Geschenke braucht, keine Kompensationen – denn sie anerkennt, was vorhanden ist. Wie Viele von uns sind wohl der Meinung, dass sie gewöhnlich sind? Langweilig. Uninteressant.

Es ist der grösste und traurigste Irrtum überhaupt. Denn jedes Leben schafft so viele Geschichten, dass daraus ein sehr spannendes Buch geschrieben werden könnte – mit Achtung und Staunen. Und das nächste dieser spannenden Leben wohnt nebenan.

21.Dezember 2020, 21:28

Allein zu Hause und auch nicht

Corona liefert so viele Fragen und Erkenntnisse, aber es geht uns Allen wohl damit so wie bei vielen politischen Grundsatzfragen: Wir haben eine Meinung, aber die absolute Gewissheit über die Wahrheit haben wir nicht, können wir nicht haben, und wir wünschten uns wohl einfach, es gäbe offenere Diskussionen – und zwar nicht nur unter seinesgleichen links und rechts der grundsätzlichen Trennlinie zwischen den Hauptlagern.

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